Wien, um 1740. Eine unglücklich verheiratete Adelige. Ihr blutjunger Liebhaber. Ein aufdringlicher und grober Baron. Und seine Versprochene, die von der bevorstehenden Verlobung gar nicht begeistert ist. Es kommt zu junger Liebe, körperlichen Auseinandersetzungen, Intrigen und gebrochenen Herzen. Stoff für ein Drama – oder eine „Komödie für Musik“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Die Inszenierung des Tiroler Landestheaters derselbigen feierte am vergangenen Samstag Premiere und entführte das Publikum in eine heiter-melancholische Spiegelwelt.
Oper mit Tiefe – und Längen
Bei einer Dauer von circa vier Stunden ist diese Oper kein kurzes Vergnügen. Zwei Pausen lockern die sonst sehr dichte Vorstellung auf und schaffen Gelegenheit für Sänger und das hustende Publikum (schließlich ist Erkältungszeit), sich zwischendurch die trockene Kehle zu benetzen. Dennoch muss man sich bemühen, durchgehend die notwendige Konzentration aufzubringen. Die Augen, die zwischen Übertiteln zum gesungenen Text und der sehr hell erleuchteten Bühne hin- und herwandern, können einem schon einmal müde werden.
Dass die Vorstellung vor allem im ersten Akt ein paar Längen hat, liegt wohl primär am üppigen Ausgangsmaterial. Eine Dauer von vier bis fünf Stunden ist bei Inszenierungen dieser Oper Standard. Die Produktion am Landestheater tut dabei ihr Bestes, um durchgehend unterhaltsam zu bleiben und dennoch der textlichen und inhaltlichen Tiefe der Oper gerecht zu werden. Die lebendigen Klänge von Richard Strauss, toll realisiert vom Tiroler Symphonieorchester (Leitung: Marcus Bosch), unterstützen die Auseinandersetzung der fiktiven Wiener Gesellschaft mit der Liebe, der Jugend und der Vergänglichkeit beider.

Hervorragende Performances zwischen Komik und Tragik
Für seine stimmgewaltige und komödiantisch punktgenaue Darstellung hervorzuheben ist Johannes Maria Wimmer: Sein Baron Ochs ist herrlich unausstehlich und wird dadurch schon fast wieder zum Sympathieträger. Erwin Belakowitsch als Herr von Faninal ist ein weiteres Highlight und sticht durch sein ausdrucksstarkes Spiel auch in der vergleichsweise kleinen Rolle heraus. Die beiden Darsteller sorgen stellenweise für herzhafte Lacher in einer insgesamt eigentlich gar nicht so lustigen Komödie: Der Handlung von Hugo von Hofmannsthal liegt eine Melancholie zugrunde, die in dieser Inszenierung greifbar wird. Die Charaktere handeln mal selbstsüchtig, mal aufopfernd, aber fast immer aus Verzweiflung. Dabei sträuben sie sich gegen die Einengungen von Stand, Geschlecht und sozialen Konventionen, und schneiden sich mit dem Netz, in dem sie gefangen sind, auch ab und zu ins Fleisch.
Die eigentliche tragische Figur der Oper ist die Feldmarschallin, gespielt mit Würde und Schwere sowie himmlisch federleicht gesungen von Susanne Langbein. Sie wird gleichzeitig als verführerische und introspektive, intelligente Frau erfahrbar, die am Ende alles aufgibt, worum sie von Anfang an gefürchtet hat.
Spiegel der Zeit
Die Inszenierung ist größtenteils visuell stimmig, mit Abweichungen im dritten Akt, der im Vergleich zum glamourösen (Pseudo-)Rokoko der vergangenen Szenen optisch etwas düster und skurril daherkommt. Die Kostüme von Mechthild Feuerstein unterstützen die märchenhafte Fiktion eines Wien des 18. Jahrhunderts – nur einzelne freizügige Leder-Outfits erinnern eher an das Berlin der Gegenwart (sprich: Berghain statt Belvedere). Bühnenbildner Paul Zoller brilliert vor allem beim ersten Bild: In dem zurückgenommenen, aber ergiebigen Spiegelkabinett bewundern und prüfen sich die Charaktere selbst und gegenseitig, werden verklärt und verzerrt.

Wenn die Feldmarschallin in ihrem Monolog über die eigene Vergänglichkeit und den Lauf der Zeit sinniert, dann vielleicht, weil sie in einem der vielen Spiegel die ersten grauen Haare entdeckt hat. Das Motiv der Endlichkeit geht aber viel tiefer als solche Äußerlichkeiten und zieht sich durch die ganze Oper. Das Stück stellt die Frage: Bleiben wir dieselben, wenn wir uns verändern? Wenn wir unsere Jugend, unsere Liebe, unsere Freiheit verlieren? Und wie kann dieses Leben, das alles ist, das wir kennen, eines Tages einfach vorbei sein?
Als sich die Spiegel zum Schluss des ersten Aktes gen Publikum drehen, werden auch die Zuschauerinnen und Zuschauer unmittelbar mit diesen Fragen konfrontiert, denen wir alle nicht auskommen. Denn alles hat ein Ende. Das glaubt man spätestens, wenn nach vier Stunden schließlich der Vorhang fällt.
Die Oper Der Rosenkavalier läuft noch bis Anfang März im Tiroler Landestheater. Die nächste Vorstellung ist am 20. Dezember. Karten gibt es wie immer für alle unter 27 um 40 Prozent ermäßigt.