Gleich und doch ganz verschieden: Innsbrucker Studierendenleben 1925 vs. 2025

von Marie Eisele
Lesezeit: 8 min
Wie studierte es sich vor 100 Jahren in Innsbruck? Zwischen Studentenheim, Skiverrücktheit und Burschenschaften war damals einiges anders für die Studierenden – und einiges erstaunlich ähnlich.

Vor hundert Jahren saßen die Studierenden in denselben Räumen wie heute. Zum Teil hatten sie die gleichen Sorgen wie wir heute und verbrachten ihre Freizeit ähnlich. Trotzdem würden wir uns kaum in ihrer Welt zurechtfinden. Nicht nur die Studiengänge und die Geschlechterverteilung, auch das unter Studierenden verbreitete Gedankengut haben sich im letzten Jahrhundert stark gewandelt.

Philosophen überall

1925 gab es nur vier Fakultäten an der Universität Innsbruck, die damals die einzige Uni in Innsbruck war: Theologie, Rechts- und Staatswissenschaften, Medizin und Philosophie. Die meisten Studienfächer, die wir heute kennen, waren damals in der philosophischen Fakultät untergebracht. Wer Psychologie, Geschichte, Physik, Germanistik, Geologie oder Chemie – um nur eine Auswahl zu nennen – studierte, war vor einhundert Jahren also irgendwie auch eine Philosophin oder ein Philosoph.

Insgesamt waren 1925 ungefähr 2000 Studierende in Innsbruck eingeschrieben – mehr als je zuvor. Heute sind es etwa 18-mal so viele, wenn man alle Universitäten und Fachhochschulen zusammenrechnet. Vor hundert Jahren war Studieren für viele teurer als heute: Alle mussten eine Gebühr zwischen umgerechnet und auf die heutige Kaufkraft angepasst 57 und 106 Euro pro Semester bezahlen, die Studierendenvertretung wollte noch zusätzliches Geld. Heute zahlt man an der Uni Innsbruck innerhalb der Regelstudienzeit als EU-Bürger:in gar keine Studiengebühren, nur den ÖH-Beitrag.

Frau studiert

Seit 1897 durften Frauen in Innsbruck studieren, doch erst nach dem Ersten Weltkrieg standen ihnen alle Studiengänge offen. 1925 waren etwa zwölf Prozent der Innsbrucker Studierenden Frauen. „Wir wurden nicht gerade benachteiligt, aber es war eine gewisse Spannung schon da“, zitiert eine Doktorarbeit aus den 1980er-Jahren eine Frau, die in den Zwanzigern in Innsbruck Medizin studierte. Häufig sei auch die Frage gestellt worden, wozu sich das Studium als Frau überhaupt lohne, da Frauen sich später auf ihre Aufgaben als Ehefrau und Mutter konzentrieren sollten und die Berufsaussichten für studierte Frauen schlecht waren. Die Uni war immer noch sehr männlich dominiert: Beispielsweise gab es keine einzige weibliche Lehrende in Innsbruck – das sollte noch fünfzehn Jahre dauern. Heute studieren in Innsbruck mehr Frauen als Männer.

1924 wurde das neue Universitäts-Hauptgebäude am Innrain eröffnet. (Bild: Wikimedia Commons)

„Preis für einen Hörer acht Schilling monatlich“

Die herrschende Wohnungsnot haben viele Innsbrucker Studierende in den letzten Jahren am eigenen Leib zu spüren bekommen. Lange Wartelisten, kleine Zimmer, überteuerte Mieten – in Innsbruck muss man einiges in Kauf nehmen, um zum Semesterstart nicht ohne Wohnung dazustehen. Auch vor hundert Jahren bereitete die Wohnungssuche vielen Erstsemestrigen Kopfzerbrechen. Damals gab es nur ein Wohnheim in Innsbruck, es stand an der Stelle des heutigen Geiwi-Turms und bot hundert männlichen Studenten Platz. Acht Schilling kalt kostete ein Bett dort monatlich, das wären heute etwa 39 Euro. Dass hundert Plätze bei 2000 Studierenden nicht gerade viel sind, kann man sich denken. Wer nicht das Glück hatte, bei seinen Eltern wohnen bleiben zu können oder bei Verwandten unterzukommen, musste sich anderswo ein Zimmer suchen – entweder bei Studentenverbindungen oder privat. Private Zimmer waren oft zugige Kämmerchen zur Untermiete, für die gerne mal umgerechnet 150 Euro Miete verlangt wurde. Die Mitbewohner:innen von heute waren damals meist Zimmergenoss:innen: Sowohl im Wohnheim als auch außerhalb wurden die Zimmer häufig von zwei oder drei Studierenden geteilt.

„Bergstock und Ski“

„Vielleicht zwitschert gar ein Vöglein manchmal eine Melodei dazwischen von weißem Schnee und braunem Gefels, von blauem Himmel und goldenem Sonnenschein“ – so wurde schon vor hundert Jahren über den Entscheidungsprozess von auswärtigen Studierenden geschrieben, die es nach Innsbruck zog. Dass Studierende „wegen der Berge“ nach Tirol kommen, ist kein neues Phänomen. Im Universitätskalender des Studienjahres 1925/26 findet sich eine ganze Abhandlung zum Thema Wandern und Skifahren in Innsbruck. Schon damals liebten es die Studierenden, an den Wochenenden das Lernen sein zu lassen und zu Fuß oder auf Skiern auf die umliegenden Gipfel zu steigen und auch ohne Skilift lange Abfahrten zu genießen. Im Sommer schien die Stadt damals wie heute überfüllt mit Bergsportlern: „In Innsbrucks Straßen sind Nagelschuh und Rucksack schier zu Alleinherrschern geworden”, heißt es im Universitätskalender 1925/26 über den Monat August. 

Schon vor hundert Jahren war Skifahren unter Studierenden beliebt. (Bild: Innsbruck Universitätskalender für das Studienjahr 1926/27)

Mensa Academica

75 Groschen das Mittagessen, 35 das Abendessen – diese Preise von 3,60 Euro und 1,70 Euro für jeweils Suppe und Hauptgang können sich Studierende heute nur erträumen. Bedürftige Studierende konnten vor hundert Jahren halbe oder ganze „Freiplätze“ in der Mensa beantragen, für die sie kostenloses oder reduziertes Essen bekamen. Da die Freiplätze nicht ausreichten und die Universität selbst finanziell nicht gut genug aufgestellt war, um noch mehr anzubieten, schrieb der damalige Rektor sogar einen Brief an mehrere Innsbrucker Gasthöfe, in dem er diese darum bat, ein oder zwei Studierende umsonst zu verpflegen. Allerdings erklärte sich nur ein Gasthof dazu bereit. Die Universität riet trotzdem davon ab, in Gemeinschaftsküchen günstigere Preise zu suchen, „da die Zusammensetzung der Speisen unverhältnismäßig minderwertig“ sei.

Ab in die neue Bib

1924 bezog die Universität das neue Hauptgebäude am Innrain zwischen dem heutigen Geiwi-Turm und dem Ágnes-Heller-Haus. Im selben Jahr wurde in der Nähe das neue Bibliotheksgebäude eröffnet, beschrieben als „ein modernes, allen Anforderungen einer großen Bücherei entsprechendes Haus“. Der historische Lesesaal sieht heute noch so aus wie vor hundert Jahren. Bis in die Nacht hinein dort zu büffeln, war für die Studierenden nicht drin: Der Lesesaal hatte 1925 nur von 9-12 und 14-18 Uhr geöffnet.

Der historische Lesesaal sieht heute immer noch so aus wie vor hundert Jahren. (Bild: Marie Eisele)

Studierendenvertretung für Ausgewählte

Die wichtigste studentische Vereinigung war in den 1920er-Jahren die „Deutsche Studentenschaft der Universität Innsbruck“. Ähnlich wie heute die ÖH vertrat die Deutsche Studentenschaft die Studierenden gegenüber der Universität und der Politik. Vergleichbar mit der heutigen Zeit war auch das Wahlsystem. Es wurde sogar häufiger als heute, nämlich jedes Jahr ein neuer Vorstand gewählt. Anders als bei der ÖH waren aber nicht alle Studierenden automatisch Mitglied – und nicht alle konnten Mitglied werden. „Die Deutsche Studentenschaft der Universität Innsbruck umfasst alle Studenten deutscher Abstammung und Muttersprache“, heißt es im Universitätskalender 1925/26. Jüdinnen und Juden, Studierende aus dem nicht-deutschen Ausland und andere Minderheiten waren von der Studentenschaft ausgeschlossen.

Ortsgruppen der Deutschen Studentenschaft gab es in ganz Österreich und Deutschland, und es war der Vereinigung ein Dorn im Auge, dass es zwei verschiedene Länder waren. Die Deutsche Studentenschaft sprach sich für den sogenannten Anschluss Österreichs an Deutschland aus, auch die Universität selbst vertrat diesen Standpunkt. Viele Studierende aus Deutschland, die in Innsbruck studierten, gaben damals an, „den bedrängten Volksgenossen“ am Rande des „deutschen“ Gebiets „in ihrem Kampfe beistehen“ zu wollen.

„Auf dem Rassenstandpunkt“

Nicht nur die Deutsche Studentenschaft, auch die Universität Innsbruck betrieb in den 1920er-Jahren politische und rassistische Auslese. Es war zwar gesetzlich nicht möglich, jüdischen Studierenden mit österreichischer Staatsbürgerschaft den Eintritt in die Uni zu verwehren. Trotzdem wurde unter anderem von der Deutschen Studentenschaft mehrfach gefordert, die Universitätsordnung so zu ändern, dass alle „rassenfremden“ Studierenden oder Lehrenden von der Uni ausgeschlossen werden würden.

Zwei der Innsbrucker Studentenverbindungen (Bild: Wikimedia Commons)
Wer 1925 in Innsbruck studierte, kam an den vielen Studentenverbindungen und Burschenschaften nicht vorbei. Wer als Nicht-Mitglied abends ausgehen wollte, musste aufpassen, nicht in ein Saufgelage in einer der vielen Stammkneipen zu stolpern. Jede Burschenschaft hatte ihre eigene Stammkneipe, ein Motto und bestimmte Farben, die sie trug. Ihre Aufnahmebedingungen waren mehr oder minder gleich. „Die Deutsche Burschenschaft steht auf dem Rassenstandpunkt“, schreibt eine, „nur deutsche Studenten arischer Abstammung werden aufgenommen.“ Juden und ausländische Studierende waren nirgendwo willkommen, auch nicht in scheinbar neutralen Vereinen wie dem Alpenverein oder dem akademischen Turnverein. Auch für Frauen war meist kein Platz in den Männerbünden, höchstens als sogenannte „Couleurdamen“ konnten sie zu Veranstaltungen eingeladen werden. Sie waren dann keine Mitglieder, sondern wurden als eine Art Schmuckstück einem männlichen Studenten zugewiesen. Daneben gab es einzelne Studentinnenverbindungen. Auch sie schrieben sich auf die Fahnen, „deutsche Ideale” und „Vaterlandsliebe” pflegen zu wollen.

Nie wieder 1925

Die meisten Studierenden von heute würden sich im studentischen Leben vor hundert Jahren kaum wohlfühlen. Auch wenn billige Wohnheimplätze, günstiges Mensaessen und unverbaute Berghänge aus heutiger Sicht attraktiv scheinen, war es vor hundert Jahren vor allem eine Gruppe, die davon profitierte: männliche, politisch rechte Studenten aus Österreich und Deutschland. Frauen und vor allem Angehörigen von Minderheiten wurde es an der Universität absichtlich schwer gemacht. Heute ist die Innsbrucker Studierendenwelt glücklicherweise toleranter, vielseitiger und dank Programmen wie Erasmus auch deutlich internationaler. Zwar kämpfen Studierende damals wie heute mit Wohnungs- und Geldnot und zu kurzen Bibliotheksöffnungszeiten am Wochenende. Aber es ist nicht mehr notwendig, in eine Studentenverbindung einzutreten, um ein soziales Leben zu haben. Einige der Burschenschaften von damals existieren übrigens heute noch unter dem gleichen Namen und teilweise mit den gleichen patriotischen Wahlsprüchen.

Wohin die 1925 unter den Studierenden und dem Universitätspersonal verbreiteten rassistischen Ansichten geführt haben, wissen wir alle. Und genau, wie das Universitätsgebäude von damals noch steht, halten sich diese und ähnliche Ideen hartnäckig und erleben seit Jahren sogar wieder einen Aufschwung. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass Toleranz und Offenheit an den Innsbrucker Universitäten erhalten bleiben. Damit 2025 nicht zu 1925 wird.



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