Dieser Artikel erschien ursprünglich in unserer Printausgabe Vorbilder und Helden im Sommersemester 2025.
Superheldengeschichten gibt es, seit es Menschen gibt. Unsere Mythen und Sagen sind voller Wesen mit übermenschlichen Kräften. Auch in der modernen Popkultur spielen Superhelden schon länger eine große Rolle: Der erste Superheldenfilm kam 1943 ins Kino. Seitdem werden die Comic-Helden regelmäßig zu Helden der Leinwand. In den frühen 2000er-Jahren wurden sie richtig beliebt: Vor allem die Marvel-Filmstudios machten Superheldenfilme zum Kult. Jahrelang brachten sie einen Kassenschlager nach dem anderen in die Kinos, und das alle paar Monate. Mit dem Erscheinen von „Avengers Endgame“ 2019 war der Superhelden-Hype auf seinem Höhepunkt angekommen: Das drei Stunden lange Epos voller Action und aufwendigen Special Effects wurde zum erfolgreichsten Film aller Zeiten.
Flacher Plot und tiefe Helden
Superheldenfilme folgen meist dem gleichen Schema. Der Superheld – noch immer ist nur etwa eine von vier Superheld:innen weiblich – erhält seine Superkräfte durch einen Spinnenbiss, radioaktive Strahlung oder Ähnliches. Manchmal nutzt er auch seinen Verstand und sein Geld und baut sich seine Superkräfte selbst. Dann muss er lernen, sie zu kontrollieren und für das Gute einzusetzen, schließlich haben alle Helden das gleiche Ziel: Menschen beschützen und das Böse bekämpfen. Am Ende gibt es einen spektakulären Kampf gegen den Superschurken, aus dem der Held siegreich hervorgeht und die Welt rettet.
Die Vorhersehbarkeit des inhaltlichen Grundgerüsts macht zwar einen Teil des Erfolges aus, ist aber nicht alles. Auch die visuellen Effekte und bekannten Schauspieler sind es nicht. Superheldenfilme sind gerade deshalb so beliebt, weil sie heutzutage mehr sind als schrille Kostüme und coole Sprüche. Die Helden sind menschlicher und ihre Geschichten komplexer. In neueren Filmen wird viel Wert darauf gelegt, die Superhelden trotz ihrer übermenschlichen Kräfte nahbar erscheinen zu lassen. Spiderman ist in der Schule ein Außenseiter, Iron Man hat Alkoholprobleme.
Auch die Geschichten sind komplexer geworden. Häufig spielt ein Moralkonflikt mit. „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“ – trotzdem muss sich Spiderman der Tatsache stellen, dass er nicht alle retten kann. Batman bestraft diejenigen, die sich nicht ans Gesetz halten – und steht dabei selbst über dem Gesetz. Oder es gibt einen Identitätskonflikt, bei dem der Superheld zwischen seiner Existenz als Held oder als Privatperson wählen muss.
bwohl sie immer menschlicher werden, sind Superhelden im Kern immer eines: moralisch gut. Sie setzen sich für das Allgemeinwohl ein, für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit – das sind Werte, die jeder unterschreiben würde. Und sie siegen am Ende immer. Zwar mit Gewalt, pazifistisch sind sie nicht, aber vielleicht befriedigen sie in uns trotzdem eine ganz grundlegende Sehnsucht nach dem Guten. Superhelden sind Vorbilder, „weil sie es schaffen, alle möglichen Krisen und Herausforderungen zu überstehen und zu überwinden“, sagt Felix Brinker, der an der Universität Hannover zu Superhelden forscht, im Corso-Podcast des Deutschlandfunks.
Das Super-Universum
Ein großer Faktor, der Superheldenfilme in den letzten Jahren so beliebt machte, ist die Cross-Promotion. Marvel meisterte in den 2010ern die Anspielung auf Figuren und Handlungsstränge in Filmen, die sich eigentlich um einen ganz anderen Helden drehen. So hatten Fans immer die Chance, Neues über ihren Lieblingshelden zu erfahren.
Das Cinematic Universe, in dem die Helden miteinander interagieren und Teams bilden können, sorgte außerdem dafür, dass jeder Film mehr oder weniger seinen Teil zur alles übergreifenden Handlung beitrug. So konnten Zuschauer keinen Film auslassen, wenn sie den nächsten verstehen wollten. Und schon hatte man bei jedem neuen Release volle Kinosäle.
Vom Hype zum Flop
Während zuvor allein der Name Marvel die Massen ins Kino lockte, floppten 2021 und 2022 erschienene Filme wie „Ant Man and the Wasp: Quantumania“ oder „The Marvels“. Warum hielt sich der Hype nicht? Was sorgte dafür, dass die Beliebtheit von Superheldenfilmen in den Jahren nach 2019 so stark abnahm?
Dem Superheldenfilm scheint das ehemalige Erfolgsrezept zum Verhängnis geworden zu sein. Ähnliche Plots, ähnliche Figuren, ähnliche Konflikte – den Zuschauern fehlen neue Ansätze. Hingegen wurde der Animationsfilm „Spider-Man: Across the Spiderverse“ dank seines unkonventionellen Konzepts von Zuschauern und Kritikern gefeiert und originellere Marvel-Serien wie „WandaVision“ waren auch nach dem Marvel-Flop erfolgreich.
Auch die steigende Wichtigkeit von Streaming-Diensten könnte man zum Teil verantwortlich machen. Vor allem seit Corona warten viele Menschen lieber auf den Release eines Films auf Disney+ und Co., anstatt im Kino viel Geld für Tickets auszugeben. Der Name Marvel oder DC allein reicht als Motivation nicht mehr aus.
Dazu kommt, dass die bekanntesten Superhelden immer mehr aus der Zeit gefallen wirken. Sie sind weiß, männlich und strahlen neben den aktuellen Krisen eine gewisse Naivität aus. Diversität gibt es noch wenig in der Superheldenbranche, auch wenn die Macher seit einigen Jahren daran arbeiten, diese zu stärken.
Neustart eines Genres
Ist der Superheldenfilm also tot? Das kann man so nun auch nicht sagen. Die großen Produktionsfirmen bereiten sich momentan auf einen Neuanfang vor, millionenschwere Projekte stehen in den Startlöchern. DC will diesen Sommer ein ganz neues Cinematic Universe aufbauen. Auch neue Avengers-Filme sind geplant. Mit den richtigen Ideen und frischen Ansätzen sollte es möglich sein, dass der Superheldenfilm auch die aktuelle Krise überwindet – so wie die Superhelden selbst, die nach jeder Niederlage wieder aufstehen.