Bleiben oder gehen? Warum Beziehungen heute neu verhandelt werden

von Johanna Korell
Lesezeit: 6 min
Zum Glück sind Beziehungen heute mehr Wahl als Pflicht – aber Verantwortung bleibt. Zwischen Social-Media-Idealen, Tinder-Swipes und alten Rollenerwartungen müssen wir entscheiden, was Liebe bedeutet und was wir bereit sind, zu bereuen.

Eine Beziehung ist so individuell wie die jeweiligen Personen selbst. Medien, von Hollywood bis Social Media, prägen jedoch weiterhin  gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie eine Beziehung auszusehen hat. Das setzt viele unter Druck, obwohl Menschen heute freier denn je sind, ihr Liebesleben selbst zu gestalten. Je nach Sexualität und Präferenz gibt es sehr viele verschiedene Beziehungsformen, die weit über die klassische monogame Zweierbeziehung hinausgehen. Besonders Frauen haben in Österreich erstmals historisch betrachtet echte Wahlmöglichkeiten: Sie müssen nicht mehr jung heiraten, sind wirtschaftlich unabhängiger und können sich bewusst für oder gegen eine Beziehung entscheiden. Genau darin liegt jedoch auch eine Kehrtwende. Denn wenn Beziehung keine Notwendigkeit mehr ist, wird sie zur Entscheidung.

Wenn Liebe keine Pflicht mehr ist

Heterosexuelle Beziehungen erscheinen für viele Frauen zunehmend unattraktiv. Während Männer statistisch gesehen länger leben, wenn sie verheiratet sind, profitieren Frauen gesundheitlich deutlich weniger. Gleichzeitig zeigt sich eine unbequeme Realität: Ein großer Teil geschlechtsspezifischer Gewalt findet im eigenen Zuhause statt – durch aktuelle oder ehemalige Partner. Laut EU-Erhebungen hat nahezu jede fünfte Frau, auch in Österreich rund 17 Prozent, im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Intimpartner erlebt. Polizeiliche Kriminalstatistiken dokumentieren zudem über 300 Tötungsdelikte und bis zu 400 Mordversuche an Frauen innerhalb eines Jahrzehnts in Österreich, wobei in neun von zehn Fällen Männer als Tatverdächtige geführt werden. Beziehungen sind damit nicht nur Orte von Nähe und Sicherheit, sondern für viele Frauen auch Räume realer Gefährdung.

“Nicht alle Männer” – und trotzdem ein strukturelles Problem

Und genau hier entsteht oft ein Missverständnis. Sobald über solche Zahlen gesprochen wird, folgt schnell der Einwand: „Nicht alle Männer.“ Natürlich nicht. Feministische Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Männer, sondern gegen die gesellschaftliche Prägung dessen, was als „Mann“ gilt – gegen Beziehungsmuster, Erwartungen und Machtverhältnisse, die historisch gewachsen sind.

Es gibt keine klar getrennten Kategorien von guten oder bösen Männern. Vielmehr bewegen sich Männer auf einem Spektrum, häufig auch unbewusst. Wer über misogyne Witze lacht oder nichts sagt, handelt nicht zwangsläufig aus Bosheit, aber eben auch nicht feministisch. Wer Täter verteidigt, schweigt oder Frauen nur als potenzielle Partnerinnen wahrnimmt, trägt dazu bei, bestehende Muster fortzuschreiben.

Es geht dabei weniger um individuelle Schuld als um geteilte Verantwortung. Beziehungen neu zu denken, bedeutet auch für Männer, sich zu fragen, welche Rollenbilder sie übernommen haben und welche sie vielleicht gar nicht mehr leben wollen.

Neue Freiheit, neue Unsicherheit

Denn auch Männer verlieren Orientierung. In einer aufgeklärteren Gesellschaft existiert plötzlich keine klare Anleitung mehr dafür, wie Beziehung „richtig“ funktioniert. Alte Rollen tragen nicht mehr, neue sind noch nicht selbstverständlich. Freiheit bringt Möglichkeiten, aber auch Unsicherheit.

Die Vorstellung, Beziehungen hätten früher besser funktioniert, weil sie länger hielten, erweist sich oft als trügerisch. Viele Beziehungen hielten nicht aus romantischer Erfüllung, sondern aus fehlenden Alternativen und Abhängigkeiten. Romantische Liebe kann damit auch ein Ideal sein, das Menschen länger in Beziehungen hält, die ihnen nicht guttun. Wie lange können anfängliche „Schmetterlinge im Bauch“ ein unglückliches Leben rechtfertigen?

Männer dezentralisieren – nicht Beziehungen abschaffen

Das Modemagazin Vogue sorgte zuletzt mit der Aussage für Diskussionen, es sei mittlerweile „peinlich“, einen Boyfriend zu haben. Hinter der Provokation steckt weniger eine Ablehnung von Beziehungen als ein Perspektivenwechsel: Partner sollen nicht mehr das Zentrum des eigenen Lebens sein. Auf Social Media wird unter Hashtags wie #DecentralizingMen oder #DecenterMen genau darüber gesprochen. Gemeint ist nicht Männerfeindlichkeit, sondern die Erinnerung an Frauen – und letztlich an alle, die in Beziehungen dazu neigen, sich selbst hinten anzustellen das eigene Leben wieder stärker ins Zentrum zu rücken und romantische sowie männliche Bestätigung nicht zum alleinigen Maßstab von Erfüllung zu machen.

Die aktuelle Debatte fordert also nicht, dass alle Beziehungen beendet werden sollten. Sie stellt vielmehr die Frage: Wie wollen wir Beziehungen führen?

Dating zwischen Auswahl und Entscheidungsangst

Noch nie war es so leicht, jemanden kennenzulernen und gleichzeitig so schwer, sich festzulegen. Dating-Apps versprechen unbegrenzte Auswahl und erzeugen zugleich das Gefühl, dass hinter dem nächsten Swipe vielleicht die bessere Entscheidung wartet. Statt klarer Anfangs- oder Endpunkte entstehen „Situationships“: Beziehungen, die nie ganz beginnen und nie eindeutig enden. Schluss gemacht wird selten, stattdessen wird geghostet – nicht unbedingt aus Gleichgültigkeit, sondern häufig aus Entscheidungsangst.

Denn Trennen bedeutet Verantwortung. Bleiben ebenso.

Reden, bevor es zu spät ist

Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, Beziehungen nicht erst dann zu hinterfragen, wenn sie scheitern. Eine Beziehungs- oder Paarberatung ist oft kostenlos über öffentliche Stellen wie psychosoziale Beratungszentren oder Familienberatungsstellen verfügbar, wird jedoch noch immer als letzter Ausweg verstanden. Dabei kann sie auch ein Raum sein, gemeinsam herauszufinden, ob man zusammen weitergehen möchte oder respektvoll auseinander.

Liebe ist mehr als Romantik

Vielleicht liegt ein Teil des Problems auch darin, dass „Liebe“ gesellschaftlich fast ausschließlich als romantische oder sexuelle Liebe verstanden wird. Freundschaften gelten emotional oft als zweitrangig, obwohl sie für viele Menschen die stabilsten Beziehungen in ihrem Leben darstellen. Warum sollten die beste Freundin oder der beste Freund nicht ebenso Lebenspartner sein können?

Autorin Beatrice Frasl stellt genau diese Fragen, wenn sie traditionelle Liebesvorstellungen hinterfragt und Alternativen sichtbar macht. Wahlfamilien, Freundschaftsnetzwerke oder gemeinschaftliche Lebensmodelle zeigen, dass Nähe nicht zwingend romantisch sein muss, um bedeutsam zu sein. Bei einer Diskussionsrunde am 19. Jänner 2026 im Literaturhaus am Inn zu ihrem Buch „Entromantisiert euch! Ein Weckruf“ formulierte sie einen Gedanken, der die aktuelle Debatte gut zusammenfasst: Die Liebe ist nicht tot – wir suchen nur an den falschen Orten.

Ob eine Beziehung – oder gerade eure Beziehung – die richtige ist, kann letztlich niemand von außen beantworten. Vielleicht geht es weniger darum, ob man zusammenbleibt oder sich trennt, sondern darum, das eigene Leben nicht ausschließlich an romantische Partnerschaft zu knüpfen. Freundschaften, Familie, Gemeinschaft und Selbstverwirklichung verdienen denselben Stellenwert.

Die Entscheidung ohne Garantie

Um zwischen den inneren Ankreuzfeldern Ja / Nein / Vielleicht zu entscheiden, lohnt sich ein Blick zurück. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard schrieb im 19. Jahrhundert in „Entweder – Oder“:

„Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. […] Hänge dich auf, du wirst es bereuen; hänge dich nicht auf, beides wird dich gereuen. […]“

Kierkegaards Provokation wirkt heute überraschend aktuell. Vielleicht besteht das Problem moderner Beziehungen nicht darin, dass Menschen falsche Entscheidungen treffen, sondern dass sie glauben, es müsse eine Entscheidung ohne Reue geben.

Egal, für welches Leben ihr euch entscheidet – mit Beziehung, ohne oder irgendwo dazwischen – es bleiben am Ende vielleicht nur ehrliche Fragen: Was möchte ich wirklich? Und welche Form von Reue bin ich bereit zu akzeptieren?



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