Wie wird man Autor:in? – Der Innsbrucker Literaturagent Felix Schreiner im Gespräch

von Johanna Korell
Lesezeit: 7 min
Der Weg vom Manuskript zur Veröffentlichung ist selten geradlinig und führt durch einen Literaturbetrieb, dessen Strukturen vielen Schreibenden zunächst verborgen bleiben.

Gerade in den ersten Monaten des Jahres widmen sich viele der Umsetzung ihrer Neujahrsvorsätze. Dazu kann auch gehören, sich endlich den Traum vom eigenen Buch zu erfüllen. Egal, ob ein Roman, Gedichtband oder Sachbuch in der Schublade liegt – die Frage stellt sich früher oder später: Wie kommen die eigenen Worte in die Welt?

Zwischen Manuskript und Buchhandlung liegen nämlich unzählige Hürden, die kaum jemand kennt. Während der Traum in vielen Köpfen präsent ist, scheitert es oft an der Unkenntnis darüber, wie der Buchmarkt funktioniert. Wie gelingt also der Einstieg in den Literaturbetrieb? Und welche Rolle spielen Literaturagent:innen dabei? Darüber sprach UNIpress mit Felix Schreiner, dem derzeit einzigen Literaturagenten in Tirol. Seine Agentur in Innsbruck ist eine von nur drei in ganz Österreich.

Zwischen Text und Netzwerk

Felix Schreiner ist kein Autor, sondern jemand, der Texte sichtbar macht. Als Literaturagent vertritt er Autor:innen gegenüber Verlagen, prüft und vermittelt Manuskripte, verhandelt Verträge und begleitet Bücher vom Entwurf bis zur Veröffentlichung. Seine Agentur besteht erst seit August 2025, doch Schreiner bewegt sich bereits seit einigen Jahren in der Branche.

Nach einem Bachelorstudium der Literaturwissenschaft in Erfurt folgte ein Volontariat bei der renommierten Literaturagentur Kossack in Hamburg. Danach studierte er im Master in Innsbruck, arbeitete parallel als studentische Hilfskraft bei Kossack, war später dort Junioragent und sammelte darüber hinaus durch Praktika Erfahrung im Verlagsbetrieb – unter anderem beim Verlag DuMont in Köln. Zudem studierte er in Istanbul und Limerick.

Traumberuf Literaturagent?

Ob Literaturagent schon immer sein Traumberuf war? „Nein, nicht im klassischen Sinne“, sagt Schreiner. Literaturagent:in ist ein klarer Nischenberuf, für den es keine traditionelle Ausbildung gibt. Er erfordert viel Expertise, langjährige Erfahrung, ein großes Netzwerk – und in Schreiners Fall den Mut, sich selbstständig zu machen.

„Es gibt viele spannende Agenturen im deutschsprachigen Raum und es war eine tolle Zeit in Hamburg, doch habe ich irgendwann gemerkt, dass es ein großer Wunsch von mir ist, meine eigene Agentur zu gründen“, so Schreiner. „Das war natürlich ein Prozess, der über Monate in mir stattfand. Am Ende stand jedoch der Entschluss, dass ich mit meinen eigenen Ideen und Ansätzen versuchen möchte, eine erfolgreiche und angesehene Literaturagentur aufzubauen.“

Connections sind das A und O

Wie in vielen Bereichen ist auch im Literaturbetrieb das sogenannte „Vitamin B“ – also persönliche Beziehungen entscheidend: „Alles läuft über persönliche Verbindungen im Literaturbetrieb. So kannte mein damaliger Chef die heutige Verlegerin des Piper Verlags Felicitas von Lovenberg beispielsweise noch aus dem Studium“, sagt Schreiner und fügt schmunzelnd hinzu: „Ich bin schon gespannt, welche Kommiliton:innen ich später wiedertreffen darf!“

Ebenso wie der Weg zum Literaturagenten funktioniert auch der Weg für Autor:innen nur über Kontakte. Gespräche auf Buchmessen, Empfehlungen, Literaturveranstaltungen und eine Portion Glück spielen eine große Rolle. Gerade das persönliche Vernetzen mit Literatur-Hubs in seinem eigenen regionalen Umfeld kann entscheidend sein.

Für angehende Autor:innen bedeutet das: Lesungen besuchen, Literaturhäuser nutzen und Wettbewerbe wahrnehmen. Eine hilfreiche Ressource dafür ist die Plattform Literaturport (https://www.literaturport.de/), auf der aktuelle Ausschreibungen, Wettbewerbe und Stipendien gesammelt werden. Ein gewonnener Wettbewerb oder ein Stipendium können als erste literarische Erfolge dabei helfen, sich in der Szene zu etablieren.

Auch Schreibwerkstätten können hilfreich sein, um das eigene Handwerk zu schulen. Weitere Anlaufstellen wären kleinere Literaturzeitschriften oder regionale Verlage – sie bieten erste Möglichkeiten, sichtbar zu werden.

„Ein Manuskript gilt schnell als verbrannt“

Eine der zentralen Empfehlungen von Schreiner für angehende Autor:innen ist, sich zuerst bei einer Agentur zu bewerben, dann bei Verlagen – Selfpublishing erst ganz am Ende, falls nichts klappt.

Besonders für Debütant:innen könne ein vorschneller direkter Kontakt zu Verlagen problematisch sein, so Schreiner. „Ein Manuskript gilt schnell als verbrannt. So werden allgemein Manuskripte genannt, die schon eine große Verlagsrunde gedreht haben, also vielen Verlagen angeboten wurden, und keinen Erfolg hatten.“ Wird es unvorbereitet eingereicht und abgelehnt, bleibe dieser Eindruck oft bestehen. „Wenn ein Verlag ein Manuskript bereits vorliegen hatte und ablehnt, wird es für mich schwer, es später erneut zu pitchen.“

Zudem werden Verlage – insbesondere renommierte – mit Einsendungen überflutet, von denen viele ungelesen aussortiert werden. Ohne persönliche Kontakte zu Lektor:innen oder Verlagen ist es heute deutlich schwieriger, im Literaturbetrieb Fuß zu fassen.

Warum Agenturen der wichtigste Zugang zu Verlagen sind

Literaturagent:innen fungieren als Filter und Fürsprecher. Sie kennen die Programme der Verlage, wissen, welche Lektor:innen wofür offen sind, und platzieren Texte gezielt. „Im Grunde bin ich wie ein Anwalt“, sagt Schreiner. „Ich gewährleiste durch meine Arbeit, dass Autor:innen sich nur aufs Schreiben konzentrieren können. Konkret kümmere ich mich dabei um die Verlagsverträge, Honorare und rechtlichen Angelegenheiten. Als Partner vermittle ich natürlich grundlegend die Interessen meiner Autor:innen, jedoch habe ich das Anliegen, im besten Fall eine gute Lösung für beide Seiten zu finden, also Autor:in und Verlag. Das erfordert manchmal auch ein wenig diplomatisches Geschick.“ Bestes Beispiel seien die Konflikte rund ums Cover-Design.

Agenturen arbeiten auf Provisionsbasis: In der Regel erhalten sie 15 Prozent der Einnahmen aus einem erfolgreichen Verlagsvertrag. Verdient wird also nur dann, wenn auch die Autor:innen verdienen. „Wenn eine Agentur im Vorhinein Geld verlangt, ist das sehr unseriös. Davon würde ich jedem abraten“, betont Schreiner. Grundsätzlich bedeute eine Ablehnung durch eine Agentur nicht, dass ein Manuskript schlecht ist – sondern lediglich, dass es die Agentur nicht vollends für eine Zusammenarbeit überzeugen konnte. „Es kann sehr lange dauern, bis ein Manuskript verkauft ist, und nicht selten wird es nie verkauft“, berichtet Schreiner. „Deswegen ist es umso wichtiger für die Agenturen, Manuskripte zu vertreten, die sie wirklich begeistern und für verkäuflich halten.“

Was macht ein gutes Manuskript aus?

Auf die Frage nach dem „perfekten“ Manuskript reagiert Schreiner nüchtern. „Das ist extrem subjektiv.“ Entscheidend sei zum einen die Stilistik – also Schreibstil, Satzbau und Wortwahl –, aber auch die Geschichte müsse interessant sein. Eine entscheidende Rolle hinsichtlich der Bewertung spielt das Genre des Manuskripts. So liegt im Bereich der Gegenwartsliteratur das Hauptaugenmerk natürlich deutlich mehr auf der Sprache, als es beispielsweise bei einem Krimi der Fall ist. Dort ist der Plot entscheidender. Bei Biografien funktionieren laut Schreiner grundsätzlich nur zwei Arten von Geschichten: Lebensgeschichten bekannter Persönlichkeiten, zum Beispiel von Politiker:innen oder Schauspieler:innen, oder Erzählungen von außergewöhnlichen Schicksalen, wie etwa Menschen, die dramatische Krisen oder extreme Abenteuer überstanden haben.

Nicht empfehlen würde Schreiner, nach dem Markt zu schreiben. Wer versuche, Trends hinterherzulaufen, schneide sich oft „ins eigene Fleisch“. Schreiben brauche Leidenschaft und einen langen Atem. „Der Angebots- und Lektoratsprozess kann sich über Monate erstrecken. Die Geschichte sollte einem selbst wirklich wichtig sein.“

Vor einer Einreichung empfiehlt es sich, den Text von Freund:innen oder vertrauten Leser:innen Korrektur lesen zu lassen. Flüchtigkeitsfehler, unfertige Stellen oder unklare Strukturen wirken unprofessionell – und können einen die Chance kosten.

So kontaktiert man eine Agentur richtig

Wer eine Literaturagentur anschreiben möchte, sollte strukturiert und respektvoll vorgehen. Schreiner empfiehlt:

  • eine persönlich adressierte E-Mail (keine Massenmails),
  • ein Exposé,
  • eine Leseprobe von etwa 30–50 Seiten (vom Anfang des Textes),
  • sowie eine Kurzvita, idealerweise mit ersten literarischen Erfolgen.

Das komplette Manuskript sollte nicht ungefragt mitgeschickt werden. „Prüfer:innen haben am Anfang nicht die Zeit, sich das ganze Manuskript durchzulesen. Es ist Standard, nur eine Leseprobe der ersten Seiten zu senden.“ Nicht empfehlenswert sei, aus der Mitte des Romans „tolle Kapitel“ auszuwählen, da dadurch leicht der Eindruck entstehen könne, der Anfang sei nicht gelungen.

Geduld ist ebenfalls essenziell: Antworten können Wochen oder Monate dauern. Zudem sollten sich Autor:innen genau informieren, welche Agenturen sie anschreiben. Meist ist auf den Webseiten angegeben, welche Genres vertreten werden. Schreiner beispielsweise sagt: „Ich vertrete Belletristik und Sachbücher aller Genres ausgenommen Fantasy, Science-Fiction sowie Kinder- und Jugendbücher. Zudem betreue ich keine Lyrik.“ Diese Abgrenzung sei bewusst gewählt, da es sich beispielsweise bei Fantasy und Kinder- und Jugendbuch um eigenständige Märkte handle, mit eigenen Verlagen.

Absagen und Frust gehören dazu

Zu den häufigsten Problemen bei Nachwuchsautor:innen zählt Schreiner nicht mangelndes Talent, sondern zu wenig Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen. Absagen seien Teil des Prozesses und auch Teil des Berufsalltags von Agenturen, was viele Autor:innen oftmals vergessen. „Frustration und Traurigkeit gehören dazu, aber es sollte einen nicht davon abbringen, an sich zu glauben. Eine Absage zu erhalten ist nichts Schönes, und auch mir tut es weh, wenn ein Verlag nicht dieselbe Begeisterung für ein Manuskript empfindet wie ich. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass das Manuskript nicht gut ist. Gleiches gilt natürlich auch für Autor:innen, die sich bei Agenturen bewerben.“ Auch prominente Beispiele zeigen, dass Zurückweisungen zum Literaturbetrieb gehören – etwa J. K. Rowling, deren Manuskript zu Harry Potter zwölfmal abgelehnt wurde.

Keine klassische Geschäftsbeziehung

Schreiner betont, dass es auch menschlich zwischen Autor:in und Agent:in passen muss. „Schreiben ist für viele Menschen etwas sehr Intimes, gerade das Teilen eines Manuskripts. Mir ist wichtig, damit wertschätzend umzugehen.“ Gerade, weil es beim Geschriebenen oft um persönliche Erlebnisse geht, entsteht eine enge Partnerschaft, die nicht leichtfertig eingegangen werden sollte. Besprechungen über Korrekturen und Überarbeitungen zu Gunsten des Textes müssen möglich sein.

Neue Stimmen gesucht

Dass Schreiner mit UNIpress spricht, ist kein Zufall. Der Austausch mit Studierenden liegt ihm am Herzen. „Universitäten sind Orte, an denen neue Stimmen entstehen“, sagt er. Gerade junge Autor:innen möchte er ermutigen, ihre Werke bei Literaturagenturen einzureichen. „Gute Geschichten werden immer gesucht. Die Welt braucht junge Stimmen. Ich bin auf der Suche nach Geschichten, die faszinieren, und möchte mich dafür einsetzen, dass diese auch gehört werden.“

Autor:in zu werden bedeutet mehr als nur zu schreiben: Es heißt, sich in einem komplexen System zu bewegen – und die richtigen Verbündeten zu finden.

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