Ich hab’ da so ein Gefühl…

von Lena Hallbrucker
Lesezeit: 6 min
Ob man es als „innere Stimme“, „moralischer Kompass“, „Vorahnung“ oder „Intuition“ bezeichnet – unser Bauchgefühl ist ein Phänomen, das einige Fragen aufwirft: Woher weiß mein Bauch, ob ich jemandem vertrauen kann oder nicht? Und warum tritt das Bauchgefühl oft als Warnung auf, noch bevor etwas passiert ist?

„Das Bauchgefühl entsteht natürlich nicht wirklich im Bauch“, stellt Dr. Tilmann Betsch, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Erfurt, in einem Podcast über das Thema klar. Tatsächlich „sitzt“ es in unserem Gehirn, genauer gesagt im präfrontalen Cortex. Das klingt erst einmal widersprüchlich, denn im Oxford Dictionary wird „Intuition“ als „emotionale, nicht vom Verstand geleitete Einschätzung“ beschrieben. Schließen sich intuitives und rationales Denken also aus? Dr. Betsch widerspricht: „Rationale Gedankenvorgänge tragen zur Intuition bei. In unserem Gehirn laufen unglaublich viele komplizierte Prozesse parallel ab, die wir gar nicht mitbekommen. Deshalb berufen wir uns im Nachhinein eben oft auf unsere Intuition – vor allem dann, wenn sie sich als richtig herausstellt.“ 

Damit lehnt er auch den Ansatz des Systemdenkens ab. Laut diesem Ansatz gibt es zwei verschiedene Systeme, mit denen wir denken. „System 1“ stellt das schnelle, unüberlegte, impulsive Denken dar und „System 2“ das wohlüberlegte, bewusste und rationale Denken. „Gedankenprozesse auf zwei Systeme zu limitieren ist hinderlich für die Wissenschaft.“

Komplizierte Denkprozesse

Man kann die Funktionsweise des Gehirns in etwa mit der eines Computers vergleichen – manchmal sind mehrere Tabs offen, im Hintergrund läuft noch ein Backup, und von irgendwoher kommt Musik. Was genau dabei im Computer vorgeht, können wir von außen nicht nachvollziehen, genauso wenig wie unsere Gedankengänge. „Wissen ist zu großen Teilen das Produkt unserer Erfahrung“, sagt Dr. Betsch. Wenn wir uns also in einer Situation befinden, die wir schon mehrmals auf die gleiche oder ähnliche Weise erlebt haben, greifen wir automatisch – intuitiv – auf diesen Erfahrungsschatz zurück. Das Gehirn erfasst innerhalb von Millisekunden alle uns umgebenden Informationen, greift gleichzeitig auf den Erfahrungsspeicher zurück und wägt alles miteinander ab. Dadurch können Entscheidungen schnell und mit niedrigem Denkaufwand getroffen werden, was besonders in stressigen Berufen wie im Gesundheitsbereich, im Leistungssport und in der Luftfahrt von sehr hoher Bedeutung ist. Je besser unsere Erfahrungen sind und je mehr wir haben, desto höhere Erfolgschancen hat eine darauf basierende intuitive Entscheidung. 

Woher kommt Intuition?

Intuition. (Quelle: Pexels.)

Intuition ist angeboren. Tatsächlich prägt sich unsere Intuition bereits im Mutterleib und der frühen Kindheit aus. Evolutionär gesehen sind intuitive Entscheidungen überlebenswichtig und haben sich über Jahrhunderte hinweg immer weiter verbessert. Verschiedene Kulturen haben dafür im Laufe der Zeit mannigfaltige Erklärungen gefunden, beispielsweise wurden Menschen mit guter Intuition in der europäischen Geschichte als Hellseher angesehen. In der jahrtausendealten indischen Chakren-Lehre gilt unsere Körpermitte als Zentrum unserer persönlichen Kraft und im afrikanischen Raum etablierte sich das „Wissen der Ahnen“ als Erklärung für das Bauchgefühl – das wird im Disneyfilm „König der Löwen“ anschaulich dargestellt, indem Simba von seinem verstorbenen Vater Ratschläge erhält. Nach dem Glauben nordamerikanischer Ureinwohner hat jeder Mensch einen „Seelenführer“, der oft in animalischer Gestalt auftritt und uns bei Entscheidungen hilft. Die Liste der spirituellen Erklärungsansätze könnte noch länger fortgeführt werden, doch was uns wirklich interessiert: Gibt es auch eine wissenschaftliche Erklärung dafür, dass unsere Intuition aus dem Bauch zu kommen scheint? 

Das Wunder Mensch

Zusammenhänge zwischen Bauch und Gehirn sind in der modernen Medizin bestens erforscht.. Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der deutsche Arzt Leopold Auerbach erstmals, dass die menschlichen Eingeweide von Nervengewebe umgeben sind, womit er den Grundstein für die Fachrichtung der Neurogastroenterologie legte. Nach jahrelanger Forschung auf diesem Gebiet fand man heraus, dass in den Gedärmen mehr Nervenzellen vorhanden sind als im gesamten Rückenmark, und dass Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren im Bauch denen im Gehirn exakt gleichen. Dieses Abbild des Gehirns im Bauch wird (ohne Witz) „Bauchhirn“ oder enterisches Nervensystem genannt. Bauchhirn und Gehirn sind direkt miteinander verbunden, wobei mehr als 90 Prozent der Nervenverbindungen von unten nach oben verlaufen. Wenn durch Nahrungszufuhr chemische Substanzen in den Körper gelangen, werden diese vom Bauchhirn analysiert und abgespeichert – das Bauchhirn kann sich später also an die Substanzen erinnern. Sobald das Bauchhirn Gefahr vermutet, sendet es Signale an das Gehirn, das entsprechend reagiert. Im Gehirn entstehen dabei Emotionen. Das bedeutet im Rückschluss, dass unser Gehirn gewisse Emotionen mit Vorgängen im Verdauungssystem assoziiert – und somit wäre geklärt, warum wir im Bauch „Gefühle“ empfinden. 

Kopfsache

Wie helfen uns nun aber Emotionen dabei, bessere Entscheidungen zu treffen? Besonders starke negative oder positive Gefühle dringen tief in unser Bewusstsein. Wenn wir eine Erfahrung mit einem solchen Gefühl verbinden, erinnert sich das Gehirn an diese Emotion. Dazu hat der Psychologe Antonio Damasio im Jahr 1997 den Begriff „Somatische Marker“ eingeführt. Unter somatischen Markern versteht man körperliche Reaktionen, die mit einem unguten Bauchgefühl einhergehen, wie zum Beispiel kalte Hände, Kribbeln im Bauch und den berühmten Kloß im Hals. Diese physischen Äußerungen empfinden wir, wenn wir uns – bewusst oder unbewusst – an vergangene emotionale Erfahrungen erinnern. Somatische Marker helfen unserer Intuition also dabei, eine Situation als gut oder schlecht einzuschätzen.

Achtung, Sackgasse!

Aus Erfahrung kann wahrscheinlich jeder ein Lied davon singen, dass das Bauchgefühl zwar meist recht hat, hin und wieder jedoch in die falsche Richtung weist. Wenn sich nun aber sowohl mein Bauchhirn als auch mein Gehirn ganz von selbst an vergangene Erlebnisse und damit verbundene Emotionen erinnern, wie können sie dann falschliegen? Dazu probieren wir ein kurzes Experiment aus, das sogenannte „Schläger-Ball-Rätsel“:

Ein Tennisschläger und ein Tennisball kosten gemeinsam 1,10 Euro. Der Schläger kostet dabei einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? 

Wer hier auf seine intuitive Eingebung vertraut, wird vermutlich antworten, dass der Ball zehn Cent kostet. Tatsächlich kostet er aber fünf Cent (macht an dieser Stelle gern mal eine Pause und denkt nach). Anhand dieses Beispiels lässt sich zeigen, dass es in manchen Situationen sinnvoll ist, seine Intuition zu hinterfragen und bewusst nachzudenken. Besonders in Situationen, die wir noch nie oder sehr selten erlebt haben, lässt uns das Bauchgefühl häufig im Stich. 

Eine weitere Gefahr, die das Bauchgefühl mit sich bringt, ist die Entwicklung von Stereotypen. Oft überschätzen wir beispielsweise Risiken, die uns emotional herausfordernd erscheinen – wir haben mehr Angst vor dem Fliegen als vor dem Autofahren, obwohl Fliegen statistisch gesehen viel sicherer ist. Das liegt daran, dass wir Autofahren regelmäßiger erleben – unser Gehirn ist also schon damit vertraut. Zudem suchen wir gerne Informationen, die bereits bestehende Annahmen bestätigen, und lassen uns von ersten Eindrücken leiten. Dabei greifen wir auf Stereotypen zurück, die wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben. Was uns dann wie ein „Bauchgefühl“ vorkommt, ist oft keine besondere Menschenkenntnis, sondern die schnelle Aktivierung von unbewussten Vorurteilen, etwa gegenüber Alter, Herkunft oder Geschlecht. 

Übung macht den Meister

Das Bauchgefühl lässt sich durchaus trainieren – beispielsweise kann man lernen, in welchen Situationen unsere Intuition meist richtig liegt und wann wir lieber noch einmal über eine intuitive Entscheidung nachdenken sollten. Dazu muss man wissen, dass die Verlässlichkeit unserer Intuition davon abhängt, wie gut unser Erfahrungsschatz ist. Deshalb ist es wichtig, Entscheidungen regelmäßig zu reflektieren. War diese Entscheidung gut oder schlecht? Welche Konsequenzen gingen mit der Entscheidung einher? Wie habe ich mich dabei gefühlt? Durch gründliche Reflektion stellt unser Gehirn Zusammenhänge zwischen Reiz, Reaktion und Konsequenzen her und kann deshalb in Zukunft besser einschätzen, in welchen Situationen unser Bauchgefühl hilfreich ist und in welchen nicht. Bei der Frage, ob ich mir jetzt einen Aperol genehmigen soll, muss ich jedenfalls kein zweites Mal überlegen – bei der Frage, ob ich für diesen Aperol mehr als acht Euro ausgeben soll, aber schon.

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