Drei Shows, ein Sieger, viele Fragezeichen. Der 69. Eurovision Song Contest ließ Basel glänzen, präsentieren, organisieren. Zwischen neutralem Bühnenlicht und globaler Aufmerksamkeit zeigte sich der ESC erneut als Ereignis mit Ebenen: musikalisch laut, politisch aufgeladen, stimmungsvoll bis zum Schlussakkord. Österreich holte den Titel – und mit ihm die Verantwortung, Europas größte Musikbühne im kommenden Jahr zu bespielen. Wo, wie, mit wem? Auch Gewinner Johannes Pietsch aka JJ trug zur Debatte bei, noch bevor der Applaus verklungen war.
Best of Basel
Es begann mit einem Griff nach der Vergangenheit: Nemo, Vorjahressieger mit The Code, wollte im Eröffnungsvideo die Trophäe anfassen – die eigene hatte Nemo damals in Malmö zerbrochen – Moderatorin Sandra Studer lächelte und schnitt Nemo trocken den Weg ab: „You – don’t touch.“ Die Botschaft: Wir erinnern uns, wir lachen mit. Und dann ging es los. Basel, sonst eher Bühne für Kunstmessen und Kulturfestivals, wurde zur ESC-Metropole – verbunden durch ein Motto, das den Takt vorgab: United by Music. Drei Liveshows, 37 Nationen, über 160 Millionen Zuschauer – inszeniert mit jener schweizerischen Mischung aus Effizienz, Gastfreundschaft und Diskretion, mit der man sonst Weltwirtschaftsforen abwickelt.
35 Millionen Franken kostete das Event, etwa 95 Prozent der Hotelbetten waren belegt, und zwischen Altstadt und Messegelände wurde Basel zum Knotenpunkt europäischer Popkultur. Die Stadt organisierte mit ruhiger Hand: ein Eurovision Village im Messequartier, Kulturangebote quer durch die Innenstadt, Sicherheit sichtbar, Stimmung meist entspannt. Auch die Show selbst war durchdacht – mit kleinen Pointen zwischen den großen Auftritten. Der charmante Einspieler Made in Switzerland, eine musikalische Liebeserklärung an nationale Eigenheiten, blieb dabei besonders hängen. Basel versuchte nicht, größer zu wirken, als es ist – sondern zeigte, wie man ein Millionenpublikum empfängt, ohne sich zu verbiegen.

© EBU/Corinne Cumming
Politik auf der Playlist
Die Bühne unpolitisch, der Austragungsort offiziell neutral – doch der ESC 2025 blieb nicht unberührt vom Weltgeschehen. Israels Teilnahme prägte die Tage vor dem Finale: begleitet von pro-palästinensischen Protesten, erhöhter Sicherheit und spürbarer Anspannung. Vor der Halle wurde geschwiegen, gestört, gefilmt – drinnen blieb der Krieg im Gazastreifen zwar außerhalb der Songtexte, aber nicht außerhalb der Wahrnehmung. Auch das Voting stand in der Kritik: In sozialen Medien war von organisierten Kampagnen die Rede, die das Televoting zugunsten Israels beeinflusst haben könnten. Im Mittelpunkt: New Day Will Rise, gesungen von Yuval Raphael, einer Überlebenden des Hamas-Anschlags. Ein schlichter Auftritt, der bewegte – das Publikum reagierte emotional, die Jurys reserviert. Israels zweiter Platz zeigte, wie eng Emotion, Erinnerung und Bewertung beieinander liegen.
Auch der Sieger JJ bezog nach dem Finale öffentlich Stellung. In einem Interview äußerte er Unverständnis über die Teilnahme Israels und forderte Konsequenz – analog zum Ausschluss Russlands nach dem Angriff auf die Ukraine. Diese Wortmeldung sorgte für ein breites Medienecho: Während vereinzelt Zustimmung kam, überwogen in der öffentlichen Reaktion kritische Stimmen – teils mit deutlicher Schärfe. Der ORF distanzierte sich, die EBU verwies auf ihre Rolle als unpolitische Plattform. JJ stellte später klar, seine Kritik richte sich gegen die israelische Regierung, nicht gegen die Bevölkerung. Die Debatte zeigte: Der ESC ist längst mehr als ein Musikwettbewerb – er ist Resonanzraum globaler Konflikte. Und dennoch: Basel blieb auch inmitten der Spannungen eine Bühne für gelebte Diversität. Performances, Stimmen, Geschichten – so unterschiedlich wie die Länder, die sie schickten. Raum für Komplexität war weiterhin vorhanden.
Kraft, Klischees und Koffein
Auch sprachlich war das Grand Finale ein Flickenteppich: Finnisch, Griechisch, Ukrainisch, Französisch, Schwedisch, … – doch Englisch blieb das Rückgrat. Estland tanzte sich mit Espresso Macchiato durch die Nacht, ein Shot zwischen Italo-Beat und Herzrasen. Schweden schwitzte kollektiv im Takt – Aufguss zum Mitsingen. Spanien fächerte sich mit Esa Diva souverän durch Glitzer und Gesten, während Finnland auf den Punkt kam, laut und lasziv. Albanien flüsterte sich durch ein einziges Wort: Zjerm, als Echo, Frage, Loop. Armenien blieb dynamisch, Malta bunt. Italien streichelte die Kamera, Litauen sang sich in Trance, Frankreich hielt mit Maman leise dagegen.
Griechenlands Dramatik, Deutschlands Donner und niederländische Leichtigkeit blieben sichtbar, aber nicht siegfähig. Im letzten Drittel des Abends begann sich das Feld zu sortieren, unter Spannung schoben sich Favoriten nach vorn, andere rutschten leise ab. Das Juryvoting brachte Österreich an die Spitze, das Publikum ließ Israel kurz hoffen – bis die letzte Punktezahl fiel und alles klar war. Wasted Love holte den Sieg mit schwarz-weißem Seesturm, stoischer Präsenz und kontrollierter Erschütterung. Und Countertenor JJ? Der schien trotz emotionaler Achterbahn ein Stück Gelassenheit zu bewahren. „Jetzt hamma den Schas gwonnen.“

© EBU/Sarah Louise Bennett
#ESC26 – Austria calling!
Was nun? Nach Triumph und Trophäe geht es nicht länger um Punkte, sondern um Millionen. Mindestens 30 davon stehen im Raum, und während das Feuerwerk in Basel kaum verraucht ist, beginnt in Österreich die Planungsphase. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk spricht von einer „finanzpolitischen Herausforderung“ – Ressourcen müssen gebündelt, Prioritäten gesetzt werden. Salzburg und Klagenfurt haben sich bereits aus der rot-weiß-roten Runde der Gastgeber-Kanditaten verabschiedet, der Aufwand sei für beide Städte schlicht nicht tragbar.
Gleichzeitig formiert sich das Bewerberfeld: Wiens Erfahrung trifft auf Linzer Offenheit, Wels hat Ambitionen, Graz hält sich im Gespräch, Oberwart überrascht – und auch Innsbruck demonstriert Panorama und Potenzial. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Der ESC ist längst mehr als ein musikalisches Megaevent – er bietet Städten die Möglichkeit, sich touristisch und kulturell in Szene zu setzen. Zwischen Stephansdom und Seegrube wird sich nicht nur entscheiden, wo Europas Bühne 2026 steht, sondern auch, welche Kulisse Österreich der Welt zeigen will. Auftritt für Aufmerksamkeit, Anziehungskraft und Außenwirkung. Bühne frei für Spekulationen.