Schon mal abgehoben? Im Flugzeug? Heißluftballon? Oder im Traum als fliegendes Einhorn gefühlt? Egal ob dieses oder jenes, das Hinabschauen aus höchster Höhe bietet – abgesehen vom dumpfen Gefühl in der Magengrube – einen gewissen Reiz für die Nerven. Für die Nerven, die vom Stress des Alltagsgeschehens doch sowieso schon derart überstrapaziert sind. In schwindelerregender Höhe zu sein, übt auf die Nerven wiederum eine solche Wirkung aus, wie wenn Minus und Minus zu Plus wird und die Menschen dann – sobald sie wieder festen Boden unter ihren Füßen zu spüren bekommen – paradoxerweise entspannter sind als vor dem Abflug. Mag dies auf den oben angeführten mathematischen Grundsatz zurückzuführen sein oder darauf, dass jene Menschen einfach nur froh sind, lebend gelandet zu sein… Es gibt auch eine dritte Hypothese: Trotz der Tatsache, dass sowohl Menschen als auch Adler der Kategorie der Landwirbeltiere zugeordnet werden, werden sich viele womöglich dennoch nicht als Herrscher der Lüfte fühlen. Das Erlebnis, in höchster Höhe zu sein, bewirkt nichtsdestotrotz einen kurz- oder langfristigen Gefühlsrausch des Glücks. Natürlich nur, sofern man nicht der Höhenangst erliegt. So hoch oben und weit entfernt von der Erdoberfläche scheint so manchen der ungewohnte Perspektivenwechsel wie ein Eintauchen in eine andere „Realität“. Diese – von den meisten nur selten – erlebte Realitätsferne ist ein Nebeneffekt des Abhebens vom Boden, der – im Gegenzug zum Luftraum – als Lebensrevier für den Menschen gilt.
Ob man nun mit dem Flugzeug oder auf der Skischanze kurz abhebt – das Erleben des Abhebens, und dadurch auf die Welt unter sich von oben herabblicken zu können, scheint nun umfassend erläutert worden zu sein. Auf dem Wege der Analogie lässt sich nun ein Bezug zu einer weiteren Kategorie des Abhebens ausmachen. Schon mal was von akademischer Abgehobenheit gehört?
Nicht? Naja… Dann wohl Themenwechsel. Ich studiere Jus, und du? Ja, ja genau, richtig gehört, ich studiere Jus. Du bist nicht der Erste, dessen Lippen ein zumindest kleines „O“ formen. Doch um deine Frage zu beantworten: Nein, das Studium ist gar nicht so trocken. Durch meine Tränen ist es eigentlich sogar ziemlich nass.
Das innere Potenzial erkennen
Doch bleiben wir mal am Boden der Tatsachen und sind ganz ehrlich. Wo in der juristischen oder – um es allgemeiner zu formulieren – in der akademischen Gesellschaft einst der „Geist“ wehte, gibt es heute oft nur noch laue Lüftchen. Wie viele Studenten und Studentinnen gibt es, die sich mit ihrer Studienwahl allein ihr Image hochschrauben oder ab und zu mal einen Ego-Boost beim Zusammentreffen der Großfamilie absahnen wollen?
Doch weiten wir unseren Blick von der Mikroebene auf die Makroebene aus: Muss man sich nach der Matura schämen, eine Lehre anstatt eines Studiums an der Universität oder Hochschule anzugehen? Mit satirischem Beigeschmack sage ich: „Allemal!“ Was haben denn unsere Eltern alles für uns getan, damit unsereins es mal besser hat als sie! Wir wollen unsere Eltern doch stolz machen! Außerdem: So groß (im Geiste) will man dann doch sein, dass man bei Begegnungen mit akademisch gebildeten Leuten nicht den Kopf in den Nacken legen muss.
Nichts für ungut, doch denkst du so, so will ich dir vorerst Hermann Hesses Buch zum Eigensinn in die Hand drücken und notwendigerweise vor die Augen pinnen.
Dem eigenen Gesetz folgen
Bewundernswert sei nicht ein erarbeiteter akademischer Grad; viel eher sei es ein Mensch, der sein innerstes Potenzial entweder durch ein Studium oder eine Berufsausbildung auszuschöpfen vermag. Jeder Mensch trägt ein solches in sich. Noch schlummernd wartet es bei manchen nur darauf, mit brennendem Eifer entfacht und tätig werden zu können, doch diese Auffassung sei den meisten Menschen nicht genehm. Denn noch zu überstrapaziert sind die Nerven, die bei einem selbst ganz blank lagen, als die Eltern für den Kampf um den Einzug ins Gymnasium beim Juristen mehr hinlegten als den Feriallohn des Sommerjobs. Nicht umsonst haben die Eltern und wir selbst uns zur Matura durchgeschlagen; denn die fünf verlorenen Lebensmonate aufgrund des Stresses hätten wir uns auch sparen können.
Hat man sich aus der symbiotischen Beziehung mit den Eltern dann gelöst, so gilt es, sich einer anderen als der parentalen Rechtsordnung zu fügen. Eine Orientierungsmöglichkeit sei durch Hermann Hesse geboten:
Wer eigensinnig ist, gehorcht einem andern Gesetz, einem einzigen, unbedingt heiligen, dem Gesetz in sich selbst, dem >Sinn< des >Eigenen<
Dieser Artikel erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2022.