One click to community?

von Elena Rieger
Lesezeit: 5 min
Wir sind ständig vernetzt – doch sind wir wirklich verbunden? Immer wieder stellt sich die Frage, ob Social Media tatsächlich Gemeinschaft schaffen kann. Wie schmal der Grat zwischen digitaler Nähe und realer Distanz sein kann, erklärt die Soziologin Lisa Waldenburger.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in unserer Printausgabe Zusammen-Sein im Sommersemester 2025.

In meinem individuellen Umgang mit Instagram habe ich erlebt, wie sich aus spontanen Blicken in den Feed oft ein Gefühl der Isolation und Unzufriedenheit entwickelte. Die App bot ein Meer an digitalen Kontakten, doch irgendwann fragte ich mich, ob sie mir mehr nahm, als sie mir gab: Selbstwert, persönliches Glück und vor allem Zeit.

Soziale Medien bringen Freunde und Fremde zusammen und bieten Raum für Austausch. Doch sie verändern auch, wie wir uns selbst darstellen und was wir als echte Verbundenheit empfinden. Likes und Kommentare schaffen Nähe auf Knopfdruck – aber wie viel davon ist echt? Lisa Waldenburger, Soziologin an der Universität Innsbruck, forscht zu dieser Thematik. Ihre Fachgebiete umfassen unter anderem digitale Kultur, Mediensoziologie und aktuelle Gesellschaftstheorien. Sie betrachtet kritisch, wie soziale Medien unser Verständnis von Beziehungen formen und betont: In der Welt von Social Media zählt oft mehr der Schein als das Sein.

Lisa Waldenburger, Soziologin an der Universität Innsbruck. Foto: Lisa Waldenburger

Gemeinschaft im Wandel

In der Soziologie bezeichnet der Gemeinschaftsbegriff allgemein das menschliche Zusammenleben in engen, vertrauten Beziehungen – sei es innerhalb von Familien, Freundeskreisen oder Nachbarschaften. Eigenschaften wie Nähe, Solidarität und gegenseitige Unterstützung stehen im Zentrum. Das hat sich auch durch die Digitalisierung nicht geändert. Stark verändert hat sich jedoch die Rolle, die Gemeinschaften in unserem Alltag spielen.

„Unser Leben hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend beschleunigt“, erklärt Lisa Waldenburger und verweist auf den Soziologen Hartmut Rosa. Mehr Möglichkeiten, Kontakte und Alternativen – auch durch Social Media. Der Kaffee mit einer Freundin konkurriert plötzlich mit zahllosen digitalen Optionen. Gleichzeitig entstehen ganz neue Formen der Gemeinschaft, etwa Fan-Communities, deren Mitglieder sich ausschließlich online kennen. „Es spricht nichts dagegen, diese digitalen Gemeinschaften als echte Gemeinschaften zu betrachten“, so die Soziologin.

Doch verändern digitale Plattformen wie Instagram unser Gefühl von Zugehörigkeit? Sicher ist: Zeit, die wir online verbringen, fehlt uns offline. Ein Spaziergang mit dem Handy in der Hand führt selten zu neuen Begegnungen. Gleichzeitig können Verbindungen entstehen, die ohne digitale Kommunikation nicht möglich wären – besonders für Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Stigmata.

Die klare Trennung zwischen online und offline hält Waldenburger für unzeitgemäß. „Viele unserer sozialen Beziehungen finden mittlerweile in beiden Räumen statt.“ Ein Videoanruf kann genauso verbinden wie ein Gespräch im gleichen Raum. Aber: Soziale Medien sind weniger verbindlich. Ghosting, also plötzlicher Kontaktabbruch ohne Erklärung, ist hier keine Seltenheit – und die sozialen Sanktionen sind gering.

Schein und Schattenseiten

Das Design von Instagram verstärkt das Gefühl, immer auf dem Laufenden sein zu müssen – und dabei dennoch zu verpassen, was wirklich wichtig ist. Studien zeigen, dass kuratierte Inhalte oft den Eindruck hinterlassen, nicht genug zu sein: nicht abenteuerlustig oder erfolgreich genug. Lisa Waldenburger verweist dabei auch auf ihre eigene Forschung: „Die Nutzung sozialer Medien führt bei vielen zu digitalem Stress und der Erfahrung der Entfremdung.”

Während soziale Medien oft zu Entfremdung führen, können sie auch bestehende Beziehungen stützen. Likes und Follower schaffen keine echte Stabilität, doch sie können Verbundenheit signalisieren. Ein Like kann Anerkennung ausdrücken, das Folgen enger Freunde hält sie im Alltag präsent. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Follower, sondern wer dazugehört. So kann Instagram den Austausch erleichtern und Nähe fördern – ohne jedoch persönliche Begegnungen zu ersetzen.

Gemeinschaft oder Bühne?

Besonders komplex ist die Frage, ob Social Media primär Gemeinschaften stärkt oder Selbstdarstellung fördert. Plattformen wie Facebook boten früher mehr Möglichkeiten für den Austausch in Gruppen. Heute steht bei Instagram oft die individuelle Inszenierung im Vordergrund. Doch gerade in politisch bewegten Zeiten zeigen sich auch die gemeinschaftsstiftenden Potenziale sozialer Medien: Aktivismus, geteilte Überzeugungen, Protestbewegungen – das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. 

Doch was bedeuten soziale Medien für unsere langfristigen Beziehungen? Eine intensive Nutzung digitaler Plattformen kann echte Begegnungen verdrängen. Man trifft sich nicht mehr, weil man das Wochenende der anderen bereits über Stories verfolgt hat. Waldenburger warnt: „Menschen sind soziale Wesen. Die Zeit mit Freunden und Familie ist eine der wichtigsten Resonanzquellen im Alltag.“ 

Digital verbunden, aber wirklich nah?

Eine Frage, die noch unklar ist: Können soziale Medien so gestaltet werden, dass sie Gemeinschaft fördern, ohne die mentale Gesundheit der Nutzer:innen zu gefährden? Derzeit sind viele Beiträge von Hass und Beschimpfungen geprägt, was sowohl für direkt Betroffene als auch für die gesamte Community belastend ist. Zusätzlich fördern süchtig machende Funktionen wie der Algorithmus bei Instagram eine verstärkte Nutzung.

Wichtiger als nur von den Plattformen Lösungen zu erwarten, sei es laut der Soziologin aber, den eigenen Umgang mit Social Media kritisch zu reflektieren. Persönliches Bewusstsein, das Reflektieren der eigenen Nutzung und das Setzen klarer Grenzen können helfen, digitalen Stress zu reduzieren. „Wenn wir wissen, was wir von den sozialen Medien erwarten und bewusst entscheiden, wie und wann wir sie nutzen, können wir sie besser für unsere Bedürfnisse einsetzen“, so Waldenburger. Die Frage ist letztlich nicht, ob Social Media uns verbindet – sondern wie wir es schaffen, diese Verbindungen im echten Leben zu spüren.



 

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