Wie wir aus der Berichterstattung zum Amoklauf in Graz lernen können

von Jonas Krabichler
Lesezeit: 5 min
Der schreckliche Amoklauf von Graz hat viele Menschen bewegt und zog eine intensive mediale Berichterstattung nach sich. Die Auseinandersetzung der Medien mit dem Ereignis – vor allem der Fokus auf den Täter – war jedoch oft reißerisch und respektlos. Wie wir mit Schreckenstaten umgehen, muss sich ändern.

Vor etwa einem Monat, am 10. Juni, wurde Graz und ganz Österreich von einer unfassbaren Tragödie erschüttert. Bei einem Amoklauf an einer Schule wurden zehn unschuldige Menschen getötet, der Täter erschoss sich selbst. Solch schreckliche Tragödien bewegen Menschen, und was Menschen bewegt, spiegelt sich in den Medien wider. Doch der mediale Umgang mit dem Amoklauf war oft respektlos und gefährlich. Wir alle hoffen, dass solch eine Tragödie nie wieder geschieht. Sollte es trotzdem passieren, muss die Berichterstattung komplett anders aussehen.

Die Probleme der Berichterstattung über Graz

Nur kurze Zeit nach dem schrecklichen Amoklauf konnte man in den Medien schon erste Berichte lesen, die Fotos oder Videos der Ereignisse zeigen, oft hinterlegt mit dramatischer Musik. Zu sehen waren Schüler und Schülerinnen, die ins Freie flüchteten, Schüsse in Klassenzimmern oder Verletzte, die in Notarzthubschrauber verladen wurden.  Auch wenn dabei keine Personen aus nächster Nähe gezeigt wurden: Solche Aufnahmen hätten nicht veröffentlicht werden dürfen. Denn die abgebildeten Menschen durchlebten gerade den vielleicht schlimmsten Moment ihres Lebens. Insbesondere Menschen, die schwer oder lebensbedrohlich verletzt sind, brauchen Schutz. Dazu zählen auch ihre Persönlichkeitsrechte. Sie zu zeigen, hat keinen Informationswert. Stattdessen wird die Leserschaft zu Gaffern gemacht.

Hinzu kommt, dass oft die Gegenwartsform verwendet wurde. Überschriften wie etwa „Video zeigt, wie Jugendliche um ihr Leben rennen“ suggerieren, dass die Ereignisse im Hier und Jetzt stattfinden und die betroffenen Personen noch in Gefahr sind, was Angst auslösen kann – auch wenn die Leserinnen und Leser rational wissen, dass das Ereignis vorüber ist.

Ein weiteres Problem: In den ersten Tagen wurde viel über den Ablauf der Tat und den Täter sowie seine Motive spekuliert. Dies führte zu vielen Falschmeldungen. Auch wenn Medien diese irgendwann berichtigen: Die späteren Korrekturen werden oft nicht mehr gelesen.

So wurde ein Mann aus der Südweststeiermark, der aus Zufall den gleichen Vornamen sowie den Anfangsbuchstaben des Nachnamens hat, wurde deshalb online sowie telefonisch beleidigt und bedroht. Sogar seine Familie war Opfer verstörender Nachrichten, er selbst erhielt Morddrohungen. Dies zeigt die negativen Auswirkungen von Meldungen, die Schnelligkeit statt Richtigkeit priorisieren.

Die Gefahr der Heroisierung

Schreckliche Gewalttaten kommen oft plötzlich und unerwartet. Das unfassbare Leid, das durch einen einzigen Menschen ausgelöst werden kann, ist unbegreiflich. Genau diese Punkte beschäftigen die Öffentlichkeit.  Antworten suchen viele in der Beschäftigung mit dem Täter. Entsprechende Spekulationen wurden von den Medien schon in den ersten Tagen nach der Tragödie in Graz aufgegriffen.

Intensive Berichterstattung über den Täter bringt allerdings einige negative Konsequenzen mit sich. Der Täter wird in den Mittelpunkt gestellt und erlangt so Ruhm und Bekanntheit.  Dadurch werden Täter zu einem gewissen Maß validiert. Zudem werden Täter durch die mediale Aufmerksamkeit als etwas Außerordentliches dargestellt. Ihr Leben wird auf das kleinste Detail untersucht, um Unterschiede zur breiten Gesellschaft offenzulegen. Die Informationen können für Menschen, die sich in ähnlichen Situationen wie der Täter befinden, Identifikationsmaterial bringen. Dies kann zur Folge haben, dass der Täter als Vorbild dient, und so weitere Schreckenstaten folgen.

Ein Blick in die USA zeigt die Gefahr von Nachahmern. 1999 fand ein „School Shooting“ mit 12 getöteten Personen in Colorado statt, das eine große und landesweite mediale Aufmerksamkeit erlangte. Die beiden Amokläufer wurden zu Vorbildern, unter anderem für einen Amokschützen, der 2007 in Virginia 32 Menschen an seiner Universität tötete. Er drückte vor der Tat aus, das Colorado-Massaker wiederholen zu wollen. Seitdem diente der Amoklauf von Virginia als Inspiration für weitere Täter, manche drohten im Vorfeld, noch mehr Menschen zu töten.

Nicht nur anekdotische Hinweise, sondern auch wissenschaftliche Studien, zum Beispiel durch das amerikanische National Center for Health Research, bestätigen den Nachahmungseffekt. Die American Psychological Association empfiehlt aus diesen Gründen, dass die Namen der Täter nicht veröffentlicht werden sollten, um ihnen den Ruhm zu verwehren.

Durch das intensive Durchleuchten von Amokläufern kann auch eine Täter-Opfer-Umkehr entstehen. Oft wird spekuliert, Mobbing sei der Auslöser für solche Schreckenstaten. Der Amokläufer wird als Opfer und die Tat als eine Art Hilfeschrei oder Racheakt angesehen. Das bestätigen reale Kommentare unter Artikeln oder Videos, die starkes Mitleid mit dem Grazer Amokschützen äußern.

Das Scheitern der Medien und was wir daraus lernen können

Die Medien haben mit ihrer Berichterstattung über den schrecklichen Amoklauf von Graz versagt. Damit sind nicht alle Medien der gesamten Republik gemeint, jedoch haben viele der reichweitenstärksten Blätter verstörende Videos von Verletzten gezeigt oder dem Täter Ruhm und somit Validität gewährt. Infolge des Amoklaufs gingen beim österreichischen Presserat 80 Beschwerden ein. Der Presserat kann jedoch nur unverbindliche Empfehlungen geben. Beschäftigt wird sich damit Anfang Juli. Es wurden diesbezüglich noch keine Folgeentscheidungen getroffen.

Der Amoklauf muss politische und mediale Konsequenzen haben, die weitere Schreckenstaten hoffentlich verhindern können. Sollte aber ein weiteres, ähnliches Ereignis in Zukunft auftreten, muss die mediale Berichterstattung anders stattfinden.  Die Grundsätze der Menschenwürde und des Persönlichkeitsschutzes – verankert im Ehrenkodex des Österreichischen Presserats – müssen mehr Beachtung finden: Es sollten keine Fotos oder Videos von Opfern veröffentlicht werden, die ihr Leid für wirtschaftliche Interessen ausnutzen. Schließlich werden auch bei Unfällen keine Fotos oder Videos von Opfern veröffentlicht. Das größere öffentliche Interesse bei Schreckenstaten rechtfertigt Persönlichkeitsrechtsverletzungen nicht.

Ebenfalls sollte auf intensive Berichterstattung über den Täter verzichtet werden. Die amerikanischen Erfahrungen zeigen die negativen Auswirkungen der Täterfokussierung. Amokläufern darf keine öffentliche Bühne gegeben werden, damit sie nicht validiert oder sogar heroisiert werden können, wie Studien belegen. Verschiedene Gruppen wie „Don‘t name them“ setzen sich dafür ein, dass die Namen der Täter nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Solch eine mediale Berichterstattung, die sich nicht auf die Verursacher konzentriert, hilft dabei, dass solche Schreckenstaten nicht erneut geschehen – in Österreich, in den USA und auch weltweit.

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