Vom Raubbau zur Weitsicht: Wie gelingt es uns, zukunftsfähig und nachhaltig zu wirtschaften?

von Benjamin Hofer
Lesezeit: 6 min
Ein Interview mit Professor Jürgen Huber, dem Leiter des Instituts für Banken und Finanzen an der Universität Innsbruck, das tiefe Einblicke in die Chancen nachhaltiger Wirtschaftspraktiken gewährt.

Stellt euch eine Straße vor, die sich scheinbar endlos erstreckt – schnurgerade, ohne Kurven, ohne Abzweigungen. Eine Straße, die nur ein Ziel kennt: vorwärts. So haben wir lange Zeit gewirtschaftet – immer schneller, immer weiter, ohne innezuhalten. Doch nun verschwimmt der Horizont. Die Ressourcen schwinden, die Natur setzt uns Grenzen. Plötzlich erkennen wir, dass diese Straße, wenn wir sie weiter befahren, uns in den Abgrund  führt. Was also tun, wenn das „Weiter-so“ nicht mehr funktioniert? Müssen wir umkehren, langsamer werden, auf die Bremse treten?

Für Jürgen Huber, Professor am Institut für Banken und Finanzen der Universität Innsbruck, geht es nicht darum, das Tempo zu drosseln oder gar aufzugeben. Stattdessen schlägt er vor, die Richtung zu ändern. Nicht länger auf der gewohnten Straße des Raubbaus an der Natur, sondern auf neuen Wegen – durch kluge, nachhaltige Investitionen.

UNIpress: First things first: Herr Professor Huber, wie würden Sie nachhaltiges Wirtschaften definieren?

Jürgen Huber: Das Konzept der Nachhaltigkeit kommt ursprünglich aus der Waldwirtschaft: Man sollte dem Wald nur so viel Holz entnehmen, wie nachwächst. Dasselbe gilt für Fischgründe und generell für alle natürlichen Ressourcen.

In der Gesamtwirtschaft sollte Nachhaltigkeit breiter verstanden werden: Jede Generation trägt die Verantwortung, der nächsten mindestens ebenso viele Chancen und Ressourcen zu hinterlassen, wie sie selbst erhalten hat. Das bedeutet jedoch nicht nur, zu bewahren, sondern auch gezielt zu verbrauchen, um Neues zu schaffen – beispielsweise durch Investitionen in zukunftsweisende Technologien wie Photovoltaik und Windkraft, die langfristige Möglichkeiten eröffnen.

„Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen“ (Original: Carl von Carlowitz, 1713)

Welche Präposition erscheint Ihnen im folgenden Satz am sinnvollsten:  Zukunftsfähiges Wirtschaftswachstum trotz, mit oder durch Nachhaltigkeit?

Ganz klar mit oder durch Nachhaltigkeit! Ich bin Optimist und sehe hier enorme Chancen. Ein Beispiel: Österreich gibt jährlich 12 Milliarden Euro für den Import fossiler Energieträger aus. Wenn wir diese nicht mehr benötigen, sparen wir uns dieses Geld. Schauen Sie nach China: Das Land exportiert mittlerweile pro Jahr über 150 Milliarden Euro an Photovoltaikanlagen, Batterien und Elektroautos. Das ist mehr, als Österreich insgesamt exportiert. Wenn man wagt und die Führung übernimmt, liegen hier große Wachstumschancen.

Lässt sich nachhaltiges Wirtschaften durch technischen Fortschritt erreichen, oder ist es unweigerlich mit Verzicht verbunden?

Technischer Fortschritt ist unverzichtbar, denn Verhaltensänderungen passieren bisher zu langsam und in zu geringem Ausmaß. Auch die junge Generation will reisen und die Welt erkunden – und das ist verständlich. Aber der technologische Fortschritt macht mich optimistisch: Solarenergie ist mittlerweile weltweit die günstigste Energiequelle, und das hat zu einem Boom geführt, der alle Prognosen übertroffen hat. Es wird uns gelingen, Lösungen zu finden, die nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen, ohne unsere Lebensqualität reduzieren zu müssen. Doch „dummer“ Überkonsum – Stichwort Fast Fashion oder Wegwerfgesellschaft – muss aufhören.

Gibt es konkrete Technologien oder Sektoren, die Sie als „Gamechanger“ für eine Nachhaltigkeitsoffensive sehen?

Ja, insbesondere die Photovoltaik. PV-Anlagen sind heute die günstigste Energieform und praktisch überall einsetzbar – von Feuerland bis Japan. Auch bei Batterietechnologien sinken die Kosten rapide. Im Heizbereich sehe ich Wärmepumpen als vielversprechendste Zukunftstechnologie, aber deren Umrüstung wird Zeit benötigen. Ein weiteres Beispiel sind Elektroautos. Das Gegenteil sind übrigens Bitcoins: vollkommen nutzlos und immense Stromfresser. Sie verursachen mehr CO2- Emissionen als Österreich und die Schweiz zusammen – hier wäre ein Verbot aus meiner Sicht angebracht.

Die Grafik veranschaulicht, wie die jährlichen Prognosen für den Zuwachs an Solarkapazität (in Gelb) die tatsächlichen Installationen (in Schwarz) kontinuierlich unterschätzt haben. Besonders seit 2020 steigt die reale Kapazität exponentiell an. Foto: IEA; Energy Institute, BloombergNEF

Wie stehen Sie zu alternativen Wirtschaftsmodellen wie der Gemeinwohlökonomie oder Degrowth? Utopien oder effektiv umsetzbar?

Die Gemeinwohlökonomie und ähnliche Ansätze liefern gute Denkanstöße. Sie brechen mit dem üblichen „Wachstum-ohne-Ende“-Paradigma und werfen die Frage auf, wie Alternativen aussehen könnten. Gerade die Gemeinwohlökonomie setzt auf Werte wie Solidarität, Kooperation und Vertrauen, die wir auch in unseren persönlichen Beziehungen schätzen. Allerdings bin ich skeptisch, ob sich solche Modelle in der breiten Masse durchsetzen lassen. Das menschliche Streben nach „größer, besser, mehr“ ist einfach tief verankert.

Bieten kapitalistische Wirtschaftssysteme Platz für nachhaltiges Wirtschaften?

Absolut. Raubbau an der Natur bedroht letztlich unseren Wohlstand, und das erkennt auch die Marktwirtschaft. Unternehmen, die auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind, treiben Forschung und Entwicklung in Bereichen wie Photovoltaik, Windkraft, Batterien und Elektroautos voran. Die Marktwirtschaft hat zwar Probleme wie Umweltverschmutzung verursacht, aber sie kann diese auch lösen und sich weiterentwickeln – vorausgesetzt, wir schaffen die richtigen Anreize, zum Beispiel durch CO2-Steuern, die die wahren Kosten der Emissionen widerspiegeln.

Sehen Sie nachhaltiges Wirtschaften als globale Aufgabe – Stichwort Pariser Abkommen – oder eher als regionale Herausforderung?

Beides! Globale Abkommen und Kooperation sind unverzichtbar, denn was bringt es, wenn Europa CO2-neutral wird, während China und Indien ihre Emissionen massiv erhöhen? Gleichzeitig müssen die Lösungen oft regional und dezentral sein – im Energiebereich etwa durch tausende kleine Kraftwerke statt weniger großer Anlagen.

Der Environmental-Performance-Index (EPI) zeigt, dass Länder wie die USA und China trotz ihrer ökonomischen Stärke in puncto Nachhaltigkeit schlecht abschneiden. Welche Anreize könnten diese Länder zu einer nachhaltigeren Wirtschaftspolitik bewegen?

Niemand kann die USA oder China zu etwas zwingen – weder die UNO noch die EU. Der Wandel wird aus ökonomischen Gründen kommen: Solarenergie ist mittlerweile die günstigste Stromquelle. Schockierende Klimaereignisse wie Hurricanes und Überflutungen werden uns zum Umdenken zwingen und dazu führen, dass auch die Bevölkerung Druck ausübt, besonders in den USA. In China geschieht bereits viel: Das Land investiert mehr in erneuerbare Energien und installiert mehr Photovoltaik als der Rest der Welt zusammen.

Wenn Sie eine weltweite Policy erlassen könnten, die jedes Land einhalten müsste, welche wäre das?

Ich würde eine globale CO2-Steuer auf alle Emissionen einführen, in Höhe der tatsächlichen Kosten von CO2 für die Gesellschaft – das sind etwa 130 Euro pro Tonne. Das würde die richtigen Anreize setzen, um aus fossilen Energieträgern auszusteigen. Die Einnahmen aus dieser Steuer sollten als Klimabonus an jeden Bürger weltweit ausgeschüttet werden – das wären rund 650 Euro pro Jahr. Besonders in den ärmsten Ländern der Welt würde das einen erheblichen Unterschied machen und gleichzeitig die weltweite Ungleichheit verringern.

Kurswechsel statt Sackgasse

Die Straße, die wir aktuell fahren, mag uns bisher weit gebracht haben, aber sie führt in die falsche Richtung. Es ist Zeit, neue Wege zu gehen, Wege, die nicht auf Verschleiß, sondern auf Erneuerung basieren. Professor Jürgen Huber zeigt: Nicht die Angst vor Verlust sollte uns leiten, sondern der Mut zur Innovation. Die Werkzeuge für diesen Wandel liegen bereits in unseren Händen. Der Übergang von einer ausbeuterischen zu einer nachhaltigen Wirtschaft ist kein Rückschritt, sondern ein Neuanfang. Ein Aufbruch, der nicht nur unsere Umwelt bewahrt, sondern auch die Grundlage für langfristigen Wohlstand schafft.

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