„Einsamkeit kann uns alle treffen‟: Im Gespräch mit Psychotherapeutin Christine Trenn

von Hannah Mayer
Lesezeit: 9 min
Warum sich Menschen einsam fühlen, kann viele Gründe haben. Dahinter steckt das menschliche Bedürfnis nach Kontakt und Zugehörigkeit. Doch kaum jemand spricht offen darüber: Das Thema ist gesellschaftlich immer noch stark stigmatisiert. Psychotherapeutin Christine Trenn gibt im UNIpress-Gespräch einen Überblick über normale und chronische Einsamkeit und was dagegen hilft.

Christine Trenn ist Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie und arbeitet als Fachdienstleiterin in einer ambulanten Suchtberatungsstelle in Hessen. Außerdem berät sie Studierende bei persönlichen Herausforderungen – auch jenseits der Sucht. Themen wie Einsamkeit begegnen ihr bei ihrer Arbeit nicht selten. Denn von Einsamkeit kann jeder Mensch betroffen sein – unabhängig von seinem Alter und sozioökonomischen Status. Welche Menschen besonders von Einsamkeit betroffen sind, wie viel Einsamkeit normal ist und wie man mit Einsamkeitsgefühlen umgehen kann, erklärt Frau Trenn im Interview mit UNIpress.

UNIpress: Frau Trenn, gibt es einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?

Christine Trenn: Für mich wäre das Alleinsein eine Isolation, die objektiv nachvollziehbar ist. Das heißt, ich sitze alleine in meinem Zimmer oder ich bin alleine zu Hause. Einsamkeit hingegen wäre die subjektiv erlebte Isolation. Ich bin auf einer Party, also objektiv gesehen bin ich da nicht allein. Aber subjektiv habe ich das Gefühl, ich gehöre gar nicht dazu. Alle haben Spaß und keiner beachtet mich und keiner schaut mich auch nur an.

Könnte man das auch mit dem Selbstwertgefühl in Verbindung bringen? Wenn man ein geringes Selbstwertgefühl hat, dann denkt man vielleicht, ich habe niemanden, den ich anrufen kann. Weil man sich im Leben der anderen einfach nicht wichtig genug fühlt. Das ist ja ein sehr subjektives Gefühl.

Genau. Einsamkeit ist ein sehr subjektives Gefühl, das sehr viel damit zu tun haben kann, wie ich mich selbst sehe und wie ich zu Beziehungen stehe, zum Beispiel durch meine bisherigen Bindungserfahrungen, die mein Selbstbild beeinflussen. Wenn ich dann Überzeugungen habe wie „Ich bin für andere nicht wichtig‟ oder „Ich werde sowieso nur verarscht‟, dann führt das natürlich dazu, dass ich soziale Beziehungen meide und meine Bedürfnisse nicht äußere, weil ich anderen nicht zur Last fallen will oder weil ich Angst vor sozialer Ablehnung habe. Und das bedeutet, dass ich im Endeffekt keine positiven Erfahrungen machen kann und dass die Einsamkeit sich verstärkt – und zwar sowohl in meinem subjektiven Empfinden als auch in der objektiven Tatsache, dass ich dann alleine bin.

Wie hängt das mit den Bindungstypen zusammen? Empfindet jemand, der ein sicherer Bindungstyp ist, auch Einsamkeit? Und empfindet er Einsamkeit in der gleichen Weise wie jemand, der ein unsicherer Bindungstyp ist?

Das ist eine spannende Frage. Einsamkeit kann uns alle treffen. In Form von vorübergehender Einsamkeit kennen wir sie wahrscheinlich alle aus unserem Alltag, zum Beispiel, wenn man am Sonntag allein zu Hause ist und die Arbeitskollegen vermisst, die man erst am Montag wiedersieht. Es gibt auch situative Einsamkeit, etwa wenn sich der Freundeskreis nach einer Trennung ändert, wenn der Partner verloren geht oder wenn jemand stirbt. Das sind Situationen, die uns alle treffen und als Trigger Einsamkeit auslösen können, egal welchen Bindungstyp wir haben. Sie haben weniger mit unserer Verarbeitung zu tun. In Bezug auf die Bindungstypen kann ich mir schon vorstellen, dass unsicher gebundene Menschen oft ihre Denkmuster haben, die dann aktiviert werden. Sie fühlen sich dann in ihren Überzeugungen bestätigt.

Das heißt, dass Vulnerabilität sowohl eine Rolle bei der Entstehung von Einsamkeitsgefühlen spielt, aber auch durch Einsamkeit verstärkt werden kann, oder?

Ja, da würde ich immer eine Wechselwirkung sehen. Wie auch bei psychischen Störungen. Einsamkeit an sich hat keinen Störungswert, da sie jeden vorübergehend treffen kann. Einsamkeit kann aber mit psychischen Erkrankungen einhergehen oder eine Folge von psychischen Erkrankungen sein. Zum Beispiel, wenn ich mich wegen einer Depression zurückziehe. Das kann natürlich auch eine Art von Aufrechterhaltung sein. Also so ein Gefühl von „Niemand ist für mich da‟, was ich natürlich durch mein Verhalten massiv beeinflusse.

Sind bestimmte Faktoren wie Alter, Geschlecht oder sozialer Status ausschlaggebend dafür, wer besonders anfällig für Einsamkeit ist?

Ja, man könnte sagen, dass es Risikofaktoren gibt. Aber so einfach ist es nicht. Man muss das etwas differenzierter betrachten als nur das Alter oder das Geschlecht per se. Tatsächlich nimmt die Einsamkeit im Laufe des Lebens eher zu – wobei das Spannende ist, dass sich die 80-Jährigen weniger einsam fühlen als die 65- bis 70-Jährigen. Es gibt Peaks in den Dreißigern und Sechzigern. Es ist auch nicht so, dass Frauen sich generell einsamer fühlen oder Männer sich einsamer fühlen. Interessant ist, dass sich eher Kinder und Jugendliche des männlichen Geschlechts einsamer fühlen. Aber das ist zahlenmäßig kein so großer Unterschied.

Es lassen sich aber Trends feststellen?

Das Problem ist, dass die Studien super heterogen sind. Viele Studien sagen, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Eine Studie findet keinen Unterschied. Und eine andere Studie sagt, wenn man einen Unterschied finden will, dann ist der in der Kindheit und Jugend, wo sich eher die Männer ein bisschen einsamer fühlen.

Ich finde das total überraschend, weil man ja immer von dem großen Problem der Einsamkeit im Alter in unserer Gesellschaft liest und hört.

Ich glaube, es wäre zu einfach zu sagen, es liegt am Alter. Vielmehr kommen zusätzliche Risikofaktoren hinzu, wie Todesfälle im Umfeld, allein zu leben, schlechter Gesundheitszustand, Arbeitslosigkeit und weniger Kontakte durch die Rente. Ältere Menschen sind häufig sozioökonomisch benachteiligt und vereinsamen.

Die sozialen Medien machen es uns heute leichter denn je, Kontakte zu knüpfen und Gleichgesinnte zu finden – und doch fühlen sich viele Menschen einsam.

Ja. Auch das ist spannend. Wenn soziale Medien genutzt werden, um bestehende Kontakte zu pflegen oder neue Kontakte zu knüpfen, dann reduziert das eher die empfundene Einsamkeit. Werden sie jedoch zur Kompensation, also als Flucht, genutzt, verstärkt das die empfundene Einsamkeit.

Welche Rolle spielt hier das Alter? Ältere Menschen tun sich ja oft schwerer, mit den sozialen Medien umzugehen oder sich da zurechtzufinden.

Bei den Älteren ist die Nutzung von Social Media eher ein Schutzfaktor, weil es  leichter ist, Kontakt zu halten – zum Beispiel zu den Kindern oder zu den Enkelkindern, wenn die weiter weg sind. Und bei den jungen Menschen scheint es eher ein Risikofaktor zu sein.

Spielt da nicht auch FOMO eine Rolle? Man sieht immer das Leben der anderen und dann denkt man: Oh, die machen jetzt wieder was zusammen und ich bin nicht dabei, oder die haben einen bestehenden Freundeskreis und die sehen sich, was weiß ich, fünfmal die Woche – und ich habe das nicht.

Das wäre genau diese passive Nutzung, dass ich nur schaue, was die anderen machen. Das würde die Einsamkeitsgefühle eher verstärken, wenn ich einfach nur scrolle.  Oder auch wenn die Onlinekontakte alles ersetzen und als Flucht dienen.

Je weiter ich scrolle, desto mehr bestätige ich natürlich die Muster, die ich habe. Das ist es, was das Gefühl der Einsamkeit aufrechterhält. Und ich suche ja ganz gezielt nach dieser Bestätigung, auch wenn es nicht unbedingt ein gutes Gefühl ist, sie zu finden. Da geht es wirklich mehr darum, mich selbst zu verstärken.

Wie viel Einsamkeit ist normal? Wann würde man sagen, dass man sich zu einsam fühlt oder dass es vielleicht schon in Richtung Depression geht?

Einsamkeit gehört zum Leben. Ich begründe das gerne so ein bisschen mit der Evolution. Und Einsamkeit ist natürlich evolutionär der Indikator dafür: Hey, du brauchst deine Gruppe. Du musst Kontakt zu Menschen haben, weil ohne Menschen kannst du nicht überleben. Das ist einfach eines der menschlichen Grundbedürfnisse. Wenn das bedroht ist, fühle ich mich einsam.

Wenn das länger anhält oder chronisch wird und ich vielleicht auch innerlich den Glauben habe, dass diese Einsamkeit nicht mehr weg geht oder dass ich vielleicht gar keinen Einfluss darauf habe, das würde ich schwierig finden. Dann fängt es an, wirklich belastend zu werden.

Wann ist Einsamkeit chronisch?

Ich glaube, das darf absolut subjektiv und individuell bleiben. Also ich finde es völlig in Ordnung, wenn jemand nach zwei Wochen, zwei Monaten oder zwei Jahren darüber klagt. Die Belastung ist total individuell. Es geht ja nicht darum, Kriterien für eine psychische Störung festzulegen, weil Einsamkeit keine psychische Störung ist. Aber: Einsamkeit kann belastend sein und man darf sich dafür Hilfe suchen.

Was können Betroffene denn tun, um diesen Gefühlen zu begegnen?

Das hängt davon ab, ob die Betroffenen in der Lage sind, das Gefühl auszuhalten und ob sie über die notwendigen Skills verfügen, aktiv zu werden. Sind sie in der Lage, Kontakte wieder zu aktivieren, sie zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen? Oder werden sie durch ihre negativen Gedanken über sich selbst, ihre Beziehungen und andere Menschen in diesem eigentlich evolutionär durchaus sinnvollen Verhalten gehemmt? Es ist wichtig, authentisch zu sein und auch Schwächen zuzulassen.

Aber was macht man, wenn man sich einfach nicht traut?

Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn jemand in Therapie kommt, dann schauen wir uns das soziale Netzwerk an: Gibt es da jemanden? Was möchte ich da verändern? Welche Kontakte könnte ich überhaupt reaktivieren? Wo könnte ich vielleicht neue finden?

Das klingt auf den ersten Blick logisch, scheitert aber oft an Denkmustern. Hier könnte man ansetzen und diese Denkmuster mit den kognitiven Mitteln der Psychotherapie in Frage stellen. Man könnte zum Beispiel ein Verhaltensexperiment machen: Wir probieren einfach mal aus, ob sich diese negativen Annahmen, die ich habe, überhaupt bestätigen. Häufig konzentrieren sich einsame Menschen in ihrem Alltag eher auf die negativen Erfahrungen, die sie mit Menschen machen. Sie merken gar nicht, dass der Busfahrer sie freundlich gegrüßt hat, dass ihnen gerade jemand die Tür aufgehalten hat oder dass sie jemand bei der Arbeit gefragt hat, wie ihr Wochenende war – all diese kleinen positiven zwischenmenschlichen Gesten, die dazu beitragen können, die Denkmuster wieder zurechtzurücken. In der Therapie wird also versucht, den Fokus ein wenig zu verschieben. Das wiederum eröffnet neue Perspektiven und Optionen.

Eine andere Möglichkeit wäre, wenn man keine Ahnung hat, was die Ursache des Gefühls ist, ein Protokoll zu führen: Wann treten diese Einsamkeitsgefühle auf? Und man kann explorieren, ob in der näheren Vergangenheit etwas passiert ist – nach dem Auslöser suchen.

Was kann ein Mensch tun, bei dem es vielleicht noch nicht so schlimm ist, dass er eine Therapie machen muss oder will? Was kann er gegen das Gefühl der Einsamkeit tun?

Bei Menschen, die jetzt vielleicht noch nicht pathologisch krank sind und keine Therapie suchen, fände ich es immer wichtig, dieses Gefühl erst einmal einfach anzunehmen. Sich in Achtsamkeit zu üben, indem man die Emotionen erst einmal überhaupt wahrnimmt und versucht, sie einzuordnen. Was ist jetzt los, dass ich mich einsam fühle? So ein bisschen Ursachenforschung zu betreiben und erst mal zu sagen: Das ist auch erstmal okay, ich darf mich auch mal einsam fühlen. Das gehört zum Menschsein dazu. Und je nachdem, was die Ursache ist, gibt es Möglichkeiten, das zu ändern. Dann kann ich schauen, wo ich Lust habe, etwas zu machen? Was sind meine Interessen, meine Werte?  Und dann zu gucken, wo finde ich vielleicht Leute, die ähnliche Interessen oder Werte haben, weil das meistens bedeutet, dass ich mit ihnen gut auskomme.

Eine letzte Frage: Was würden Sie als Therapeutin einem Menschen mitgeben, der sich einsam fühlt?

Dass er damit nicht alleine ist. Ich glaube, das ist am Anfang wichtig, weil Einsamkeit auch etwas ist, was sehr schambesetzt ist. Das auszusprechen und den Kontakt zu suchen, muss man sich erst trauen.

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