Der Fels ist rau, die Luft dünn, die Schritte müssen sitzen. Wer sich in eine Seilschaft begibt, gibt Verantwortung ab – und nimmt sie gleichzeitig an. Eine solche Gruppe von Bergsteigern ist durch ein Seil miteinander verbunden und sichert sich im Fall eines Fehltrittes gegenseitig ab. Roland Mayrhofer, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, weiß, wie gute Gemeinschaft am Berg funktioniert. Seit 2012 führt er Gruppen sicher durch alpine Herausforderungen – und hat dabei einiges über das Zusammenspiel in einer Seilschaft gelernt. Oft hängt der Erfolg einer Tour weniger vom technischen Können Einzelner ab, sondern vielmehr davon, wie gut die Einheit aller Beteiligten funktioniert. Es ist diese Dynamik, die das Bergsteigen zu einer besonderen Form der Zusammenarbeit macht – eine Zusammenarbeit, in der das gemeinsame Ziel nur erreicht werden kann, wenn alle an einem Strang ziehen.
UNIpress: Herr Mayrhofer, was macht für Sie eine gute Seilgemeinschaft aus?
Roland Mayrhofer: Das muss man aus zwei Sichtweisen betrachten. Aus beruflicher Perspektive ist eine gute Seilgemeinschaft, dass ich über die Fähigkeiten aller Gäste Bescheid weiß, diese sich wohlfühlen und ich sie sicher durch den Tag bringe. Im Kontext meiner Freunde und Kletterpartner braucht es für eine gute Seilgemeinschaft immer eine Vertrauensbasis – und natürlich auch eine gewisse Routine. Man kennt sich gut, man hat die Abläufe im Kopf und man ist ein sehr eingespieltes Team.

Roland Mayrhofer ist seit 2012 als Bergführer aktiv. Foto: Roland Mayrhofer
Wie geht man als Bergführer mit Konflikten oder Unsicherheiten in der Gruppe um?
Wenn ich merke, dass eine Stresssituation auftritt, versuche ich immer, erst zehn Sekunden in mich zu gehen, die Situation zu erfassen und danach in die Entscheidungsphase zu wechseln. Wichtig ist, zuerst einmal zu überlegen: Was kann man jetzt machen und wie kann man die Situation lösen? Was sind externe Einflussfaktoren und was kann ich als Bergführer ändern? Aber mir hilft es immer, mich kurz selbst zurückzunehmen, nicht in Stress zu verfallen oder irgendwelche Aktionen zu starten, die unüberlegt sind.
Haben Sie Strategien, um eine motivierende Atmosphäre in der Gruppe zu schaffen?
Ein ganz wichtiges Thema ist Kommunikation. Man muss die Leute abholen an dem Punkt, an dem sie sich gerade befinden. Man muss herausfinden, was ihre Wünsche und Bedürfnisse sind und was sie brauchen. Ich glaube, allen Beteiligten ist es sehr wichtig, dass sie mündig behandelt werden und man als Bergführer nicht davon ausgeht: „Die laufen hinter mir her und es ist ihnen eh alles egal.“ Ich versuche, den Leuten gezielt zu vermitteln, warum ich Entscheidungen treffe. Außerdem auch ruhig zu bleiben und der Gruppe zu verdeutlichen, dass sie gut aufgehoben ist.
Wie bereitet man die Teilnehmenden auch mental auf herausfordernde Situationen vor?
Das macht man am besten, indem man ganz klar sagt, wie die Situation ist. Wo sind gewisse Schlüsselstellen? Wo könnten Gefahrenstellen liegen? Wo muss man besonders gut aufpassen? Das ist meine Aufgabe als Bergführer. Bei gewissen Touren, speziell wenn man an das Klettern oder 4000er denkt, bleibt einfach ein gewisses Risiko. Dieses versucht man zwar immer möglichst zu vermeiden, aber man muss darüber aufklären. Das schafft dann eine Basis, mit der man als Gemeinschaft in die Tour geht.
Was haben Sie persönlich im Laufe der Jahre über Gemeinschaft gelernt?
Mehr auf das Bauchgefühl zu hören und dass es wichtig ist, viel miteinander zu reden. Wir haben es oft in unserem Freundeskreis erlebt, dass man irgendwie das Gefühl hatte, dass die Situation nicht passt oder man nicht darüber gesprochen hat. Dann ist man am Gipfel und hat sich gedacht: „Hm, das war heute aber irgendwie komisch.“ Mir kommt immer vor, dass es wichtig ist, sich vorher genau untereinander abzustimmen. Das ist schon ein Learning im Alpinismus. Auch, dass man sich einmal zurücknimmt und bewusst sagt: „Heute brechen wir ab.“
Stichwort moralische Dilemmas im Gebirge: Wie gehen Sie damit um?
Das ist besonders ein Thema, wenn man heterogene Gruppen hat. Es kommt vor, dass ich merke: „Es geht nicht.“ Vielleicht muss ich dann mein Ziel ein bisschen anpassen oder die Tour überhaupt abbrechen. In diesem Fall richtet man sich immer nach dem schwächsten Glied. Wenn man sieht, dass jemand den Herausforderungen überhaupt nicht gewachsen ist und sich falsch eingeschätzt hat, dann muss man ehrlich sein. So etwas geht einfach zu Lasten der restlichen Seilschaft. Es ist sehr individuell, wie man so eine Situation gestaltet, aber es ist wichtig, irgendeine Lösung oder einen Kompromiss für alle zu finden.
Inwiefern haben gemeinsame Herausforderungen in den Bergen das Potential, Menschen enger zusammenzuschweißen?
Wenn man gemeinsam unterwegs ist, ist dieses Potential immer gegeben. Man hat beim Bergsteigen einfach sehr starke Erlebnisse, oft viele Emotionen, und man rückt im Gebirge nah zusammen. Das, was uns im Alltag, vielleicht im urbanen Raum, oft nicht so ganz gelingen will, ist in einer Seilschaft unerlässlich. Hier ist man nicht bloß für sich. Man ist voneinander abhängig und darauf muss man sich einlassen. Es entsteht relativ schnell eine gewisse Nähe und man lernt als Bergführer auch viel über sich und die Gruppe.
Gab es im Laufe der Jahre mal eine besonders prägende Erfahrung in einer Seilschaft?
Über die Jahre erlebt man natürlich allerhand Dinge. Wenn man viel unterwegs ist, gibt es auch immer wieder Situationen, die brenzlig sind. Ganz einschneidend war bei mir sicher am Anfang von meinem Bergsteigen ein Lawinenunfall, bei dem ich aber glimpflich davongekommen bin. Das war dann ausschlaggebend, dass ich mehr über mein Tun nachgedacht und mich auch in diese Richtung weitergebildet habe. Ich glaube, am Ende zählt weniger das Erreichen des Gipfels, sondern der Weg, den man gemeinsam geht. Und dieser Weg, so herausfordernd er auch ist, verbindet stärker als jedes Seil.