1 – Wandeln in vergangenen Zeiten
Beginnen wir am Anfang – im ältesten Bibliotheksgebäude der Uni, dem historischen Lesesaal am Campus Innrain. Schon beim Hinaufgehen muss man beinahe ins Schreiten verfallen, während man über die breiten marmornen Stufen in den ersten Stock steigt. Durch die hohen, hölzernen Portale gelangt man ins Innere. Es wird einem der Blick auf drei Etagen voller Bücher eröffnet. Über eine schmiedeeiserne Wendeltreppe könnte man nach oben steigen, aber vor lauter Ehrfurcht traut man sich kaum – bleibt man eben unten beim Pöbel. Hier sind die Lernplätze zu finden, immer streng nach vorne hin ausgerichtet, so als möchte der Lesesaal lieber Hörsaal sein.
Wie es anders nicht sein könnte, knarzen die Holzstühle gewaltig bei der geringsten Bewegung. Die traumhafte Akustik des verkappten Auditoriums trägt sogar das leiseste Tastentippen durch den gesamten Raum. Einzig die grünen Banker-Lampen fehlen, um sich vollends in ein anderes Jahrhundert versetzt zu fühlen – die fehlenden Steckdosen sind wiederum sehr authentisch.
2 – Sehen und gesehen werden in der Hauptbib
Der Lesesaal-Neubau am Campus Innrain bietet ein Kontrastprogramm zu seinem erhabenen historischen Pendant. Im Untergeschoss des Bruno-Sander-Hauses befindlich hat man hier zum Glück Lichthöfe eingelassen, damit man sich nicht allzu sehr wie in einem Keller vorkommt. Hat man keinen Platz mit Schreibtischleuchte ergattert, halte man sich besser an das Tageslicht aus diesen Höfen, bevor man das schummrige Licht der Deckenlampen mit seinem Augenlicht bezahlt.

Foto: Tobias Jakober
Die schalldämmende Bauweise schluckt die Geräusche der hunderten hier eifrig Lernenden – und auch die Gespräche derer, die sich nur zu gern davon abhalten lassen. Gedämpft sind auch die Schritte auf dem Teppich, der wie ein langer Laufsteg zu den vordersten Plätzen führt. Wo einige aus Unbehagen so früh wie möglich von diesem Pfade abweichen, tänzeln andere wiederum ganz nach vorne zur Glasfront, um sich in der Auslage zu platzieren. Man wird hier aber nicht nur gesehen, auch bietet sich einem der Blick auf die Kollegen, die am Sonnendeck der Entspannung frönen. Ob nun das schlechte Gewissen der Flüchtigen draußen oder das moralische Hochgefühl der Kasernierten im Inneren überwiegt, bleibt noch bis zur Prüfungsphase abzuwarten.
3 – Zu Gast auf der Translationswissenschaft
Am Herzog-Sigmund-Ufer, links neben Neuer Mensa und Studia geht es hinauf in die Bibliothek der Translationswissenschaft im vierten Stock. Die orangefarbenen Stahlträger und die verglasten Dachschrägen geben dem Raum den Touch eines Lofts im Industrial Design. Die Decke ist hoch und luftig dort, wo sie spitz zusammenläuft. Luftig pfeift auch der Fön, der den Sonnenschutz draußen gegen die Glasflächen peitscht, durch die der Panoramablick auf die Nordkette lockt.
Die Bibliothek gehört nicht zu den anderen Standorten der ULB, sondern zum Institut für Translationswissenschaft: Das bedeutet, dass hier nicht das Reservierungssystem gilt; ist ein Platz frei – was hier anders als in der Hauptbib gerne mal vorkommt –, kann man sich einfach hinsetzen. Das gilt natürlich nur, wenn man die – paranoid-imaginierten – bösen Blicke der Translationswissenschaftler auf den Eindringling ignorieren kann.
4 – Herr, lass Hirn vom Himmel regnen
Wo dürfte man mehr auf geistige Erleuchtung erhoffen als in der Theologie? Statt hinauf in himmlische Höhen geht es zur Bibliothek der theologischen Fakultät aber hinab unter die Erde. Vorbei an einer ganzen Reihe von Türen und Ecken, hinunter über Stufen tut sich einem dieser Hort des Wissens auf. Man fühlt sich fast wie im Labyrinth aus Umberto Ecos Name der Rose, ist man doch immer nur hinabgestiegen und sieht nun doch auf einen ebenerdigen Innenhof hinaus, auf dem heilige Ruhe weilt. Zwar nicht aus dem Mittelalter von Ecos Roman, aber immerhin aus dem 18. und 19. Jahrhundert finden sich hier auch Bücher in den Regalen des Freihandbereichs, die sich auf zwei Etagen ausbreiten. Das vergilbte Alter des Papiers haucht einem schon beim Betreten seine Begrüßung entgegen.

Foto: Tobias Jakober

In tiefe Studien versinkt man hier in den tiefen weiß lackierten Stühlen vor ausladenden Tischen, die am Halbrund der Verglasung zum Innenhof aufgestellt sind. Anders als in den irdischen Gefilden der Geiwi, wo der Blick aus der Glasfront beständig Ablenkung bietet, ist man hier durch nichts in seiner entrückten Kontemplation gestört. Eine Trennwand zu den gegenüberliegenden Plätzen der Tische lässt einen vollends alle Welt um sich vergessen.
5 – Stille Eintracht im Haus der Musik
Im 5. Stock im Haus der Musik schwebt man über den Dingen – dem Blick bieten sich Altstadtdächer und Kirchtürme dar. Im zartesten Pianissimo blättern hier die Leute in ihren Büchern, von Grünpflanzen umgeben an den Tischen oder auf den gemütlichen Sofas sitzend. Nichts regt sich, nicht einmal eine leise Melodie aus den nebenan liegenden Proberäumen dringt hier herein. Einzig das Staccato der Schuhsohlen schallt auf dem edlen Holzparkettboden ungedämpft durch die Luft. Für die schnelle – oder gemächlichere – Rauch- oder Kaffeepause hat man es auch zur Dachterrasse nicht weit.
6 – Das Techniker-Wohnzimmer

Foto: Tobias Jakober
Fast wie in einem gemütlichen Wohnzimmer fühlt man sich im frisch renovierten Bibliothekszentrum West am Campus Technik. Die Wände aus braunem Backstein und der weiche grüne Teppichboden lassen ein feines Wohlgefühl aufkommen, sodass man sich am liebsten mit einer Tasse Tee vor einen Kamin setzen möchte. Zur Bibliothek geht man die Stufen in den ersten Stock hinauf und kommt genau in der Mitte des Raumes an. Der quadratische Bau ist unhierarchisch, keine langen Gänge sind hier abzuschreiten, alles ist gleich weit entfernt. Auf der Seite mit den – knapp bemessenen – Lernplätzen ist es offen und lichtdurchflutet, im anderen Teil erhellen Lampen gleichmäßig die schlichten weißen Regale.
7 – Kühler Stahl und erhitzte Räume
Wie das ganze Sowigebäude scheint die Bibliothek aus nichts anderem als Glas und Metall zu bestehen. Das moderne Design, die Ästhetik wurden hier übergeordnet, es gilt Form über Funktionalität: Durch den offenen Raum, mit seiner schön geschwungenen Wendeltreppe und dem gläsernen Geländer im oberen Stockwerk, schweben auch die Geräusche alle ungehindert umher, wenn die – passend zur Architektur – perfekt gestylten Studierenden in ihren Mänteln hereinrauschen, um sich hinter ihre MacBooks zu klemmen. In diesem Winter hat die Sowi-Bibliothek den entscheidenden Vorteil, dass das durch die Glaswände dringende Sonnenlicht die Heizung ersetzen kann, was einen sonst beim Lernen bis in den Spätherbst nicht nur innerlich schwitzen lässt.

Foto: Elias Walder
8 – Archäologie des Atriums
Die alten Tage des Atriums sind gezählt, bald schon wird der Campus in Innsbrucks Gewerbegebiet Geschichte sein – nämlich sobald das neue Unigebäude am Innrain bezogen wird, und damit auch die neue Bibliothek für die Archäologinnen, Altphilologen und Althistorikerinnen. Bis dahin aber kommen wir noch in den Genuss der spektakulär öde aussehenden Bibliothek im Atrium. Diese besteht aus einem Zwillingspaar zweier Freihandbereiche, die voneinander vor allem darin unterscheidbar sind, dass zwei verschiedene Angestellte am Schalter sitzen. Vorzug der Lernplätze, die es auf beiden Seiten gibt, ist insbesondere der Ausblick, der hier garantiert nicht vom Studieren ablenkt.
Dieser Artikel erschien erstmals in der Jänner-Ausgabe 2023.