Die Uni von Gestern

von Jule Pichler
Lesezeit: 6 min
„Zu unseren Zeiten musste man im Studium noch mehr leisten.“ Wahrhaftig glücklich schätzen kann man sich, wenn man bisher auf keiner Familienfeier mit dieser Aussage konfrontiert wurde. Aber wie war es tatsächlich, früher zu studieren?

Schwelgend in Gedanken an die eigene Studienzeit berichten Eltern, Großeltern oder Verwandte über das Uni-Leben damals. Ob das Studium heute tatsächlich leichter ist als früher und wie sich der Alltag um und an der Uni Innsbruck verändert hat, erzählen uns drei Professoren und eine Professorin.

Anatomieprofessor über die lange Tradition des Sonnendecks

„Wenn es einen besonderen Krankenfall auf der Station gab, so wurde der Patient kurzerhand als Lehrmittel in den Hörsaal gekarrt.“ Was gelernt wurde, so Dr. Erich Brenner, richtete sich nach keinem strikten Lehrplan.  An diese Zeit erinnert sich der Anatomieprofessor, welcher 1983 sein Medizinstudium an der Uni Innsbruck begann, wo er noch heute als Professor für Anatomie tätig ist. Für ihn war damals vieles fundamental unterschiedlich verglichen mit dem heutigen System. Der oftmals persönliche Umgang, den Professor:innen heutzutage mit den Studierenden pflegen, war zu seiner Zeit als Student noch undenkbar.

Als Professor Braun studierte, waren die Professoren der medizinischen Fakultät unnahbar, sie galten als „Götter in Weiß“ und waren häufig bekannt für ihre rigorosen Prüfungsverfahren. Obgleich der Lernstoff damals angesichts des geringeren Forschungsstands noch nicht dem heutigen Umfang entsprach, musste dennoch tatkräftig gepaukt werden. Aufgrund der Fülle an Lernmaterial und Fächern kam es laut Professor Braun vor, dass er sich als frischer Studienabsolvent an manche Prüfungen gar nicht mehr erinnern konnte.

Neben all dem Lernen durfte es auch damals selbstverständlich nicht an Ausgleich fehlen. In der Freizeit konnte dann Abstand zu den anfänglich befremdlichen Arbeiten an toten Körpern genommen werden. Der Bergsport eignete sich damals schon blendend als Freizeitbeschäftigung und Mittel zur Prokrastination. Professor Braun erinnert sich zudem gerne an das Nachtleben seiner Studienzeit. Sezierkurspartys waren besonders toll. Auch die Wanderungen zum

Bild: Vera Egger

Höttinger Bild, wobei die Langsamen für die nächste Runde Bier aufkommen mussten, waren bereits etabliert. Außerdem waren das Sonnendeck und das Innufer schon damals ein beliebter Treffpunkt der Studierenden, egal welcher Disziplin. Dass sich ein Fahrrad ideal eignet, um zwei Personen als Stütze auf ihrem Heimweg nach einem feuchtfröhlichen Abend zu dienen, ist ein Rat des Professors, von dem man auch heute noch profitieren kann.

„In der Mathematik hatte ich damals nur männliche Vorbilder“

Professorin Mechthild Thalhammer ist die erste Frau mit einer Habilitation im Fachbereich Mathematik an der Uni Innsbruck. 1992 begann sie hier ihr Studium der Mathematik, wobei sie nebenher noch Physik, Querflöte, Latein und Geschichte studierte. Zwar war sie als einzige Frau den Kollegen in der Mathematik und Physik von der Körpergröße unterlegen, das schmälerte jedoch nicht ihren Ehrgeiz, in der Männerdomäne der Naturwissenschaften Fuß zu fassen. Die Hörsäle waren damals schon dieselben, jedoch mit weitaus weniger technischer Ausstattung und einer geringeren Anzahl an Studierenden, die diese füllten.

Die Mathematikerin erinnert sich gerne an die Zeit mit ihren Kommilitonen zurück, insbesondere blieben ihr die Institutsausflüge zum Brenner im Gedächtnis, wobei selbst die sportlichen Studierenden Mühe hatten, mit dem ambitionierten Professor und Bergführer Schritt zu halten. Schmunzelnd erinnert sich Professorin Thalhammer an die Büros ihrer damaligen Professoren. Speziell fällt ihr jenes ein, das man vor lauter Zimmerpflanzen kaum durchdringen konnte und sich unter Mühen den Weg zum Professor bahnen musste. Außerdem denkt sie an einen Professor zurück, der stets hinter sich stapelnden Büchern aufzufinden war. Für Fragen war jener immer gewappnet, denn er hatte allenfalls das passende Nachschlagewerk in Reichweite. Ganz im Gegensatz zu ihrem Professor mit Ordnungsfimmel, der sich bereits bei wenigen herumliegenden Blättern aufrichtig bei dem Besuch für die Unordnung entschuldigte.

Unbezahlbar teure Taschenrechner

Professor Bernhard Braun begann 1975 sein Chemiestudium an der Uni Innsbruck, bevor er sich später verstärkt der Philosophie zuwandte. Der Besitz eines eigenen Taschenrechners, so berichtet der in Hall geborene Professor, war für ihn damals, angesichts des stolzen Preises der ersten Modelle von umgerechnet 1200 Euro, eine Zukunftsvision. Heute kaum mehr vorstellbar ist das Studieren in Zeiten, als sich die Recherche zwischendurch nicht lediglich auf einen Eintrag in der Google-Suchleiste beschränkte. Professor Braun erklärt, dass er seine Programmierungen auf Lochkarten anfertigen und nach Wien schicken musste, da der dortige Computer die fortschrittlichste Forschung ermöglichte.

Umso entschleunigter das Studieren damals aufgrund der langsameren Informationsbeschaffung und der noch kleineren Universitätsgemeinschaft war, umso bewegter war das Engagement der Studierenden zu dieser Zeit in politischer Richtung. Die Jahre nach der 68er-Studentenbewegung waren entscheidende Wegweiser in Richtung einer Uni, die der Mitbestimmung der Studierenden offensteht. Braun beschreibt, dass die politische Orientierung der Studierenden damals eine deutlich größere Rolle spielte.

Bild: Vera Egger

Etwas schmerzlich betrachtet der Philosoph jedoch die Entwicklung der Universitäten in eine verschulte Richtung. Während den Studierenden damals ein größerer Spielraum in der Fächerwahl und den Interessensgebieten gewährt war, lässt das heutige, starr vorgegebene Curriculum weniger interdisziplinären Austausch zu. Dies führt Braun auf die verstärkte Spezialisierung der Professor:innen auf ein bestimmtes Forschungsthema sowie den allgegenwärtigen Publikationsdrang zurück. Als „Forschungsmanie“ bezeichnet er diese Dynamik, die das Interesse für Allgemeinbildung häufig untergräbt. Auch wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten an der Uni Innsbruck viel verändert hat, bleiben manche Dynamiken trotzdem beständig. So stellt Professor Braun fest, dass die Studierenden aus Südtirol schon damals das Wochenende in der Heimat verbracht haben.

„Das Physikstudium glich damals mehr einem Selbststudium“

Wie man sich in Innsbruck häufig in einer durch die Berge abgeschnittenen, langsameren Welt fühlt, so erging es Professor Peter Zoller auch, als er 1970 sein Studium im Fach Physik begann. Einerseits gemütlich, andererseits einschränkend war das Lernen in den Bergen damals, welches wenigen Strukturen und Vorgaben folgte. Der heutige Experte im Bereich der Quantenphysik erinnert sich, dass diese Art der Lehre viele seiner Mitstudierenden dazu veranlasste, das Bett morgens eher später zu verlassen, abends länger zu feiern oder die Energie in den politischen Diskurs der Zeit zu investieren. Das Studium lief langsamer ab, da der Prof die einzige Wissensquelle war. Bezogen wurde sich auf Literatur, welche häufig in einzelner Ausführung in der Unibib vorhanden war, jedoch ungünstiger Weise meist vom Prof selbst ausgeliehen war. Demnach erachtet Professor Zoller die heutige universitäre Ausbildung als komplexer, da sich die Uni Innsbruck von ihrem provinziellen Charakter emanzipiert habe. Dennoch sieht der Physiker sein damaliges Studium für sich persönlich als sehr gewinnbringend. Für ihn eröffnete der weit gefasste Lehrplan die Möglichkeit, seinen eigenen Interessen nachzueifern und sich dementsprechend zu spezialisieren, wodurch er es schaffte, über die Berggipfel hinaus mit internationalen Personen der Forschung in den Austausch zu treten.

Auch wenn das Lernen heutzutage im Gegensatz zu früher fortschrittlicher ist, so schwelgen die Professor:innen dennoch gerne in Erinnerung an die damalige Zeit ihres Studiums mit Notizbüchern statt Tablets und Nachschlagewerken statt Studydrive. Mit Sicherheit hätte Professor Braun vor 47 Jahren, als der Besitz eines eigenen Taschenrechners noch eine Zukunftsvision war, die Vorstellung einer völlig digitalisierten Uni für eine kühne Utopie gehalten.

Dieser Artikel erscheint auch in der Jänner-Ausgabe 2023.

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