Die Karteileichen der Uni Innsbruck

von Simon Riegler
Lesezeit: 5 min
Die Scheinstudierenden leben im Schatten der Universität. Sie profitieren vom Semesterticket und den Vergünstigungen, belegen aber keine Kurse. Sie sind auf dem Papier Studierende, studieren aber in Wirklichkeit gar nicht.

Anna zeigt ihren Studierendenausweis, den sie seit ihrer Inskription an der Universität Innsbruck im Jahr 2016 immer bei sich trägt. Er ist auf dem aktuellen Stand, noch für mehrere Monate gültig. Das Besondere: Anna hat ihr Bachelorstudium bereits 2019 abgeschlossen. Ein Masterstudium wollte sie daran nicht anschließen. Viele Studierende arbeiten neben dem Studium. Doch bei Anna gibt es kein Studium mehr. Seit rund zwei Jahren ist sie voll berufstätig, ist derzeit im Einzelhandel angestellt. Die Universität betritt sie nur mehr zur Verlängerung des Studierendenausweises.

Anna heißt eigentlich anders, doch ihren richtigen Namen möchte sie nur ungern in einem Artikel lesen. Denn Anna ist Scheinstudentin und zählt damit zu einer vermeintlich kleinen Gruppe an Studierenden, die zwar an der Universität Innsbruck immatrikuliert sind, aber nicht die Absicht besitzen, auch einen Abschluss zu erreichen. Man nennt Sie auch Park- oder Phantomstudierende. Sie kosten die Vorteile des Studierendenlebens aus, ohne jemals wirklich am Studium teilzunehmen. Besonders attraktiv für ein Scheinstudium, so erzählt Anna, sind jene Studienfächer, welche keine Studiengebühren aufweisen und bei denen eine Anmeldung ohne Aufnahmeprüfung möglich ist. Sie selbst hat sich in einen Studiengang eingeschrieben, der sie auch interessiert. Prüfungen oder ECTS möchte sie dennoch keine absolvieren:

„Ich besuche hier und da einzelne Online-Vorlesungen, ein wirkliches Interesse, das Studium abzuschließen, besteht nicht“.

Eine ähnliche Lebenssituation schildert auch Peter. Er studiert seit knapp einem Jahr nicht mehr an der Universität Innsbruck, ist aber weiterhin dort inskribiert. Peter nutzt ebenfalls einen Decknamen, möchte nicht, dass seine Freunde und Familie ihn erkennen. In einem kleinen Kaffee in der Innsbrucker Innenstadt erzählt er, dass er sich nach seinem Bachelorabschluss in ein neues Studium eingeschrieben hat. Besucht hat er bis jetzt aber noch keine Vorlesung. „Ich bin mir gar nicht sicher, an welchem Standort das Studium überhaupt liegt“, verrät Peter lachend. Corona sei ihm in die Quere gekommen, eigentlich wollte er schon auf Weltreise sein. Jetzt arbeitet er Teilzeit im Lebensmittelhandel, genießt in seiner Freizeit, wie er selbst sagt, das als Student etwas weniger teure Leben in Innsbruck und spart das Geld für seine Reisepläne.

Zwischen Vorteilen und gesetzlicher Grauzone

Der Reiz eines Scheinstudiums, so erzählen beide, liegt vor allem in den Vorteilen des Studierendenlebens. Und die sind vielfältig: Semestertickets für Bus und Bahn, Studienbeihilfe und Kindergeld sowie vergünstigter Wohnraum. Zusätzlich bietet die Universität Innsbruck allen inskribierten Student:innen Zugriff auf eine Vielzahl lizenzierter Programme wie Microsoft Office, ArchiCAD, Statistica und Matlab. Und schlussendlich gibt es auch noch eine ganze Reihe an Rabattcodes und Vergünstigungen, die man allein durch den Studierendenausweis bzw. die Matrikelnummer erhält. Peter erklärt, dass für ihn vor allem das Semesterticket ausschlaggebend ist: „Damit spare ich mir einfach einen Großteil der sonst anfallenden Fahrtkosten. Ich fahre täglich mit dem Bus zur Arbeit, das geht als Nicht-Student schon ganz schön ins Geld“. Mit dem neu eingeführten Klimaticket hat sich die Sachlage verändert, erklärt Peter: “Da braucht es jetzt keine Matrikelnummer mehr. Das Alter allein reicht schon aus.”

Anna hingegen ist vor allem auf die Vorteile der Universität Innsbruck angewiesen: „Meine Mailadresse der Uni nutze ich jetzt schon einige Jahre, ein Umstieg fällt mir da einfach schwer“. Auch die Microsoft Office Programme finden fast täglich Anwendung in Annas Alltag. Sie schreibt Kurzgeschichten und Fan Fictions in Word und macht ihre Buchhaltung mit Excel. Die finanziellen Vorteile wie Studienbeihilfe und Semesterticket nutzt Anna nicht. Dennoch, so erzählt sie, fällt ihr auch ab und an ein Studierendenrabatt in die Hände. Dem kann sie dann auch nicht widerstehen.

Ein Scheinstudium ist nicht per se eine Straftat. Erst bei Inanspruchnahme von Vorteilen wie dem Semesterticket oder den Studierendenrabatten kann man von einem Betrugsfall sprechen und dementsprechend rechtlich belangt werden. Eine allgemeine Kontrolle ist hier aber kaum durchsetzbar. Auch aus Sicht der Universität gibt es kaum Mittel, jede:n Scheinstudent:in ausfindig zu machen. Daher stehen neben den rechtlichen Fragen vor allem auch moralische Fragen im Raum: Jede Vergünstigung muss von anderer Stelle mitfinanziert werden und trifft damit folglich die Allgemeinheit. Zudem “parken” Scheinstudierende oftmals in Studiengängen, die nur eine begrenzte Anzahl an Studierenden aufnehmen, und blockieren damit Plätze für all jene, die auch wirklich einen Studienabschluss erzielen möchten. Anna und Peter haben über ihr Scheinstudium keine Bedenken. Beide erklären, dass sie in Studiengängen inskribiert sind, die für alle offen sind. Und über rechtliche Folgen haben sie sich bis jetzt noch keine Gedanken gemacht.

Foto: Freepik/Simon Riegler

Etwa 20 – 30 Prozent aller Student:innen sind laut Schätzungen Scheinstudierende.

Schein oder nicht Schein

Scheinstudierende sind kein kleines Phänomen. Zwar gibt es diesbezüglich keine offiziellen Studien oder Umfragen, in Schätzungen geht man aber von etwa 20 – 30 Prozent aus. Auf Nachfrage im Büro des Vizerektors für Lehre und Studierende der Universität Innsbruck wird mitgeteilt, dass im Sommersemester 2021 26 Prozent und im Wintersemester 2021/22 29,3 Prozent aller Studierenden keine Studienleistung erbracht haben. Das entspricht im Sommersemester gut 6800 und im Wintersemester über 8000 Studierende. Das Problem dieser Zahlen: Es lässt sich kaum feststellen, wie viele hiervon auch wirklich Scheinstudierende sind und wie viele sich nur dafür entschieden haben, das Studium zu pausieren bzw. in diesem Semester keine ECTS-Punkte zu absolvieren. Dennoch fügen sich die Zahlen der Uni Innsbruck nahtlos in die gängigen Schätzungen ein und zeigen, dass sich ein Scheinstudium großer Beliebtheit erfreut.

Der Politik sind die Scheinstudierenden schon länger ein Dorn im Auge. Die vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung erlassene UG-Novelle soll nun Abhilfe schaffen. In dieser wird ab dem Studienjahr 2022/23 eine Mindeststudienleistung vorgesehen. Innerhalb der ersten vier Semester müssen 16 ECTS erarbeitet werden, ansonsten droht die Exmatrikulation. Die UG-Novelle wurde stark diskutiert und steht bis heute unter großer Kritik. Sicher ist: Die erlassene Mindeststudienleistung wird ein Scheinstudium in Zukunft erschweren. Inwiefern das Phänomen aber komplett aus der Welt geschafft wird oder ob das Scheinstudium auch weiterhin ein attraktives Modell bleibt, wird sich noch zeigen. Anna und Peter machen sich darüber noch keine Gedanken. Bis zu ihrer Exmatrikulation haben sie noch mindestens vier Semester, in denen sie die Vorteile des Studierendenlebens nutzen können.

Dieser Artikel erschien auch in der Mai/Juni-Ausgabe 2022.

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