Seit dem obligatorischen Gymnasiums-Ausflug in die Silberbergwerke hat mich nichts mehr nach Schwaz bewogen. Bis heute. Es ist Valentinstag, und ich habe eine Verabredung mit Friedrich Dürrenmatt im Theater im Lendbräukeller.
Zuhause, in meinem Bücherregal neben dem Schreibtisch, stehen neun Werke des großen Schweizer Schriftstellers: Von den Physikern über Romulus den Großen bis zur Panne, ich bin Dürrenmatt-Veteranin. Doch angefangen hat alles mit dem Besuch der alten Dame – damals Schullektüre und Stoff für die endjährliche Theateraufführung (mit mir als Alfred Ill in der Hosenrolle meines Lebens). Im Gegensatz zu so manchen Reclam-Heften, die unangetastet im Schulrucksack blieben, bis sie wieder eingesammelt wurden, habe ich das Werk verschlungen. Bis heute bleibt es eines meiner Lieblingsbücher.
Was ist so faszinierend an dem Klassiker? Dürrenmatt zeigt, wie Geld korrumpiert (oder Armut wenig Wahl lässt). Wie Moral und Prinzipien zum Mordwerkzeug verkommen, ein ganzes Dorf sich etwas schönredet, und wie kollektive Schuld entsteht. Alle waren’s, also war’s keiner.
Dabei ist das Stück nicht belehrend oder schwer, sondern tatsächlich wahnsinnig unterhaltsam. Das bewirken groteske Charaktere, eine übertriebene Sprache und das bewusste Spiel mit Theaterkonventionen (beispielsweise müssen die Dorfbewohner auch als Bäume fürs Bühnenbild herhalten). Dürrenmatt verfremdet unsere Welt – hält uns dabei aber einen schonungslos ehrlichen Spiegel vor.
„Güllen für einen Mord, Konjunktur für eine Leiche“
Güllen ist „ein Dorf, das es nie gegeben hat, und doch überall gibt“, hält Markus Plattner in der Einführung zum Stück fest. Ein durch und durch ruiniertes Städtchen, dessen Einwohner:innen praktisch allesamt von der Arbeitslosenunterstützung leben. „Leben? – Vegetieren. – Krepieren“, so ein Austausch zwischen Dorfbewohnern.
Doch nun soll sich alles ändern. Claire Zachanassian, in Güllen geboren und aufgewachsen als Kläri Wäscher, nunmehr Milliardärin, kehrt zurück in das mittlerweile verarmte Städtchen ihrer Jugend. Die Güllener:innen erhoffen sich eine großzügige Spende und tun dafür alles. In der Begrüßungsrede des Bürgermeisters schwärmt dieser von den schulischen Leistungen der jungen Kläri, die in Wahrheit ein ungezogenes Kind mit miserablen Noten war. Außerdem wartet das Dorf mit Turnvorführungen, einem gemischten Chor und dem einzigen Zylinder der Stadt (von Kopf zu Kopf wandernd) auf.
Die Zachanassian ist von den Darbietungen höflich unbeeindruckt, enthüllt aber, dass sie zu einer großzügigen Spende bereit ist. Unter einer Bedingung.
„Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet.“
Dieser Alfred Ill (der Nachname bitte zu lesen wie das englische Wort für „krank“, nicht als „der Dritte“, wie das schon manchem Leser passiert sein soll) war Kläri Wäschers große Jugendliebe. Doch als Ill sie schwängerte, bestritt er die Vaterschaft und bestach sogar zwei Zeugen im folgenden Gerichtsprozess. Kläri Wäscher unterlag in der Vaterschaftsklage, wurde aus dem Dorf verstoßen und durch ihre Umstände in die Prostitution gezwungen. Das Kind musste sie an eine fremde Familie abgeben, in deren Obhut es mit einem Jahr verstarb. Zu ihrem Vermögen kam das junge Mädchen durch die Heirat mit dem alten Milliardär Zachanassian – er fand sie in einem Bordell.
Nun ist Claire Zachanassian selbst alt geworden, und will abrechnen. Ill, der vorher wegen seiner Jugendliaison mit der Milliardärin der beliebteste Bürger der Stadt war, wird zum Gejagten. Denn obwohl die Güllener:innen anfangs beteuern, sich auf den Deal nicht einlassen zu wollen, beginnen sie, immer mehr Schulden zu machen…
Gelungene Darbietung vor vollem Haus
Die Tragikomödie kann offenbar viele Tiroler Fans vorweisen: Die Inszenierung des Theaters im Lendbräukeller ist bereits vor der Premiere, trotz Zusatzvorstellungen, restlos ausverkauft. Das Endprodukt enttäuscht nicht: Im Gegenteil beweist das kleine alternative Theater, dass große Kunst keine große Bühne verlangt. Der begrenzte Platz und die wenigen Requisiten werden clever und passend eingesetzt. Das Blocking, also die Aufstellung der Schauspieler:innen auf der Bühne, ist besonders hervorzuheben. Regisseur Markus Plattner arbeitet mit Dreieckskompositionen: Die Güllener – mit Ausnahme von Ill – stehen meist im Trio auf der Bühne, während die Zachanassian hinten auf einer Leiter thront wie auf der Spitze einer Pyramide, zu ihrer Rechten ihr Bodyguard, zu ihrer Linken ihr achter Ehemann (oder wars der neunte?), wie die Dreifaltigkeit einer Rachegöttin.
Das Ensemble rund um Beate Palfrader und Peter Hörhager liefert, mit Ausnahme ein paar zu früher Einsätze, eine überzeugende Darbietung ab. Leider wurde der Text an manchen Stellen großzügig gekürzt; dabei hätte das kurzweilige Stück ruhig noch 10 Minuten länger gehen können.
Toll ist der Einsatz der Kostüme, die gelungen nachzeichnen, wie die Güllener:innen von ruinierten Städtern zu Menschen von geliehenem Wohlstand und flexibler Moral übergehen. Am Ende werden die abgelegten Regenmäntel zu einem mächtigen Symbol der Summierung individueller Teilschuld zum kollektiven Verbrechen.
Zum Lachen, zum Weinen
Das Zusammenspiel aus Ernst und Absurdität ist gelungen. Vielleicht weil gerade Fasching ist, driftet die raffinierte Tragikomödie in dieser Inszenierung aber leider doch ein-, zweimal in den Klamauk ab. Das vom Bürgerchor angestimmte „schlichte Volkslied“ – im Originaltext durch das Dröhnen eines vorbeifahrenden Zuges übertönt – ist in Schwaz „Aramsamsam, Aramsamsam, Gülli [sic!] Gülli Gülli, Ramsamsam“ und geht mit „Kohlrabi, Kohlrabi“ weiter. Ein paar billige Lacher werden dadurch eingesammelt, wirklich passend ist es aber nicht. Auch andere Stellen, an denen Musik eingesetzt wurde, sind eher ablenkend als unterstützend.
Nichtsdestotrotz hat das Theater im Lendbräukeller mit dieser Inszenierung Großes geleistet. Visuell stimmig, überzeugend gespielt, clever inszeniert: Diese „alte Dame“ bringt zum Lachen, bis es einem im Hals stecken bleibt.
Wie bereits erwähnt, ist Der Besuch der Alten Dame bereits restlos ausverkauft. Leser:innen, die Lust auf das Stück bekommen haben, sei auch der Originaltext (unter anderem verfügbar zum Ausleihen in der ULB) empfohlen. Und: Als nächste Produktion zeigt das Theater im Lendbräukeller Herzliche Grüße aus Grado von Franz Xaver Kroetz. Premiere ist am 9. Mai; Karten (für Studierende zum Preis von €20) sind noch auf der Website des Theaters erhältlich.
