Hinweis: Dieser Artikel thematisiert den Suizid einer fiktiven Person.
„Wir sind in die Wiener Falle gegangen
wir sind in die Österreichfalle gegangen
Wir haben alle gedacht wir haben ein Vaterland
aber wir haben keins“
(Heldenplatz von Thomas Bernhard)
Der Skandal ist riesig, als Heldenplatz im November 1988 uraufgeführt wird. Ein Journalist fordert im Standard das Publikum zu Störaktionen auf; zahlreiche Politiker:innen – unter ihnen der amtierende Bundespräsident Kurt Waldheim – verlangen schon vor der Premiere eine teilweise Zensur oder gar komplette Absetzung des Stücks.
Thomas Bernhard hat das Stück anlässlich des „Bedenkjahrs“ 1988 geschrieben: Es markiert ein halbes Jahrhundert seit dem „Anschluss“. Während Österreich öffentlich die Eingliederung ins nationalsozialistische Deutsche Reich „bedenkt“, sitzt mit Kurt Waldheim ein ehemaliger Wehrmachts-Offizier in der Hofburg, dem die Beteiligung an Kriegsverbrechen vorgeworfen wird. Die Hauptaussage von Thomas Bernhards Drama: Die Nazis sind aus Österreich nie verschwunden – sie streifen nach wie vor durch die Straßen, sitzen in den Gremien der Universitäten, stehen wahlweise in roter oder schwarzer Couleur am Wahlzettel. Mit harter Sprache wird ein ganzes Land angeklagt.
Von Hitler heimgesucht
März 1988. Der jüdische Professor Josef Schuster stürzt sich aus seinem Fenster und ist sofort tot. Durch das Fenster hat die Wohnung Aussicht auf den Heldenplatz – jenen Ort, an dem Adolf Hitler genau 50 Jahre zuvor von der Wiener Bevölkerung unter tosenden Jubelrufen in Empfang genommen wurde.

Eigentlich war alles bereit für einen Umzug nach Oxford. 1938 war der jungen Familie die Emigration nach England gelungen, nun sollte es wieder dorthin zurückgehen. Die Ehefrau des Professors wollte nicht in der Wohnung in Wien bleiben. Seit dem Einzug hat sie furchtbare auditive Halluzinationen. Sie hört noch immer, wie die Menge feiert und „Sieg Heil“ schreit.
Der Professor wollte nicht, dass ihn Hitler ein zweites Mal aus Wien vertreibt. Doch auch für ihn waren die Zustände im Österreich der Gegenwart unaushaltbar geworden. Weder in Österreich noch in England fand er jemals eine Heimat.
Das Stück setzt am Tag der Beerdigung des Professors ein (er selbst erscheint nie auf der Bühne). In langen Monologen reflektieren die Menschen aus dem Umfeld des Professors, vorrangig seine Wirtschafterin und sein Bruder, über sein Leben sowie die österreichische Gesellschaft, die als feindlich und verloren dargestellt wird. Für die Jüdinnen und Juden in dem Stück hat das Deutsche Reich nie aufgehört zu existieren. Typisch für Thomas Bernhard sind die absoluten, stark negativen Aussagen seiner Charaktere. So heißt es „In Österreich musst du entweder katholisch oder nationalsozialistisch sein / alles andere wird nicht geduldet / alles andere wird vernichtet.“
Ein Chor von Mitläufern
Das Tiroler Landestheater widmet sich mit Heldenplatz einem Stoff, der fast 38 Jahre nach der Premiere und 88 Jahre nach dem „Anschluss“ erschreckend aktuell ist. Regisseurin Jessica Glause erweitert ihre Inszenierung um einen Bürger:innen-Chor aus Laien-Schauspieler:innen, der für die österreichische Mehrheitsbevölkerung steht und so den Gegenpol zu den Charakteren Thomas Bernhards bildet. Die Texte für den Sprechchor lieferte Elias Hirschl, dessen Poetry-Slam-Hintergrund in der Rhythmik unverkennbar ist. Warum sie sich um andere Menschen kümmern sollten, fragen sich die Bürger:innen, und was das überhaupt alles mit ihnen zu tun hätte. In die Menge am Heldenplatz rutschen sie einfach so hinein, vergleichen den Wirbel mit dem Fasching und freuen sich, dass es hier endlich einmal nur um sie geht.
Hirschls Texte kritisieren richtigerweise den Egoismus und die Ignoranz, die autoritären Entwicklungen den Weg ebnen. Zu kurz kommt allerdings, was damals wie heute die vielleicht noch größere Rolle spielt als Gleichgültigkeit: die Begeisterung, die Überzeugung, die Lust am Hassen. Durch den starken Fokus auf das impulsive Mitlaufen lässt sich leicht vergessen, wie organisiert, bewusst und genüsslich die Nazis – auch in Österreich – den Terror planten.
Schräges Pop-Konzert am Heldenplatz?
Vielleicht würde der Bürger:innen-Chor stärker wirken, wenn die begeisterten „Sieg heil!“-Rufe am Ende des Stücks von ihm kämen – nicht (nur) vom Original-Video von 1938. Das würde die Halluzinationen der Frau Professor unmittelbar greifbar machen. Die Aufnahmen von Hitlers Rede am Heldenplatz gehen unter: Sie werden nicht laut genug abgespielt und durch das hohe Bühnenbild im dritten Akt (Nicole Marianna Wytyczak) zum Teil verdeckt.
Andere im Stück projizierte Videos (ebenso von Nicole Marianna Wytyczak) sind gut sichtbar, doch sie irritieren aus ganz anderen Gründen: Wie aus dem Nichts werden die Charaktere von Aufnahmen unterbrochen, die an ein buntes Musikvideo erinnern. Eine der Darstellerinnen hat darin ein Lachsfilet im Gesicht liegen. Als das Video endet, geht es weiter mit der Besprechung von Vergasungen. Das Intermezzo darf man unpassend bis geschmacklos finden.
Auch die kurzen Poplieder (Liedtexte von Mira Lu Kovacs), die ab und an angestimmt werden, wirken deplatziert. Das Stück prangert den Fortbestand des nationalsozialistischen Gedankenguts an – das ist offensichtlich, ohne dass inbrünstig „Can’t you feel their hate was never defeated? Are you really so naive and deceived?” gesungen werden muss. Der Wechsel ins Englische ist – trotz gepackter Kisten für Oxford – holprig.
Ausdauerndes Spiel
„Ich habe ja immer gesagt
nicht in der inneren Stadt wohnen
die Fenster auf den Heldenplatz
das ist ja Wahnsinn“
(Heldenplatz von Thomas Bernhard)
Beeindruckend sind die Leistungen der Schauspieler:innen. Die langen Monologe, die für Bernhard charakteristisch sind, verlangen ihnen sehr viel ab. Marie-Therese Futterknecht gibt trotz ein, zwei kleiner Versprecher am Premierenabend eine selbstbewusste Frau Zittel. Besonders hervorzuheben ist Christoph Kail als Professor Robert Schuster, der Bruder des Verstorbenen, dessen harte verbitterte Monologe Dreh- und Angelpunkt des Stücks sind. Den ausgiebigen Applaus hat er sich redlich verdient. Seinem Fatalismus begegnet Julia Posch als Anna mit viel Einsatz. Sarah Nunius spricht als Herta in tranceartiger, monotoner Theatersprache, die die einfältige Haushaltshilfe eher als unheimliche Aufziehpuppe erscheinen lässt. Als Frau Professor Schuster ist Nunius aber konsequent und stürzt bewundernswert mutig den Kopf in die Suppenschüssel.

Foto: Marcella Ruiz Cruz
Christoph Kail (Prof. Robert Schuster) und Julia Posch (Anna).
Dass die Charaktere um Professor Schuster alle schwarz tragen, während die Bürger:innen im Chor bunt gekleidet sind, streicht deren verschiedene Lebensrealitäten hervor (Kostüme von Florian Buder). Durch die grellen Farben einerseits, die ausgiebigen Schulterpolster andererseits wird der Bezug zum Setting in den 80er-Jahren hergestellt. Dennoch existiert das Stück visuell außerhalb der Zeit: Die ausladenden Röcke der Dienstbotinnen erinnern ans Rokoko, und die Räume auf der Bühne sind an die späten 1930er angelehnt. Diese Mosaiktechnik unterstreicht die bedauernswert zeitlose Relevanz des Stücks. Allerdings muss man sich als Zuschauerin auch ständig ins Bewusstsein rufen, dass der Suizid des Professors eben nicht irgendwann passiert, sondern genau 50 Jahre nach dem „Anschluss“.
Etwas befremdlich ist, wie humoristisch einige Passagen vorgetragen oder zumindest aufgenommen werden. Eigentlich ist Heldenplatz eher zum Weinen. Als Frau Zittel (Marie-Therese Futterknecht) mit lockerer Stimme den Professor zitiert: „Dass ich Österreicher bin, ist mein größtes Unglück“, lachen einige Zuschauer:innen laut auf. Das kann man wohl nur lustig finden, wenn man denkt, es sei eine Übertreibung. Für viele Jüdinnen und Juden bedeutete ihr Österreicher-Sein in der Nazi-Zeit tatsächlich den Tod oder die lebenslange Traumatisierung.
1938 – 1988 – 2026
Gleichgültigkeit, Hass, autoritäre Tendenzen: Heldenplatz ist 2026 erschreckend relevant und allein deshalb schon lesens- oder sehenswert. Leider wird in der Inszenierung am Tiroler Landestheater durch viel Drumherum ein Teil der Kraft des schlichten Originaltextes verspielt. Trotzdem geht man erschüttert nach Hause – wie es sich bei dem Stück gehört.
Das Theaterstück Heldenplatz läuft noch bis April im Tiroler Landestheater. Karten gibt es für alle unter 27 um 40 Prozent ermäßigt.