Es ist ein verregneter Sonntagnachmittag, als sich im Leopoldsaal der Theologischen Fakultät ein junges Publikum einfindet, um dem Bühnengespräch mit dem Titel “Wahre Verbrechen erzählen” zu lauschen. Die Veranstaltung ist Teil des Journalismusfest Innsbruck, das heuer vom 16.-18. Mai stattgefunden hat. Die Moderation übernimmt Barbara Bachmann. Mit ihr auf der Bühne sitzen zwei Journalist:innen: Bernd Volland, Redaktionsleiter des Magazins Stern Crime, und Maike Backhaus, die als Freie Investigativreporterin schon an mehreren True-Crime-Projekten mitgewirkt hat. 2024 hat sie zum Beispiel eine umfangreiche Podcast-Reihe in Kooperation mit dem Spiegel veröffentlicht.
True Crime – Was ist das eigentlich?
True Crime wird häufig als Phänomen der letzten Jahre angesehen, war jedoch bereits vor über 50 Jahren populär. Heute ist es eines der beliebtesten Podcast-Genres. Auch auf YouTube oder TikTok findet sich Einiges an True-Crime-Content. Wer kennt nicht die „Get-Ready-With-Me“-Videos, in denen sich junge Frauen schminken und dabei von brutalen Serienmördern erzählen? Wie der Name schon sagt, befassen sich True-Crime-Formate im Gegensatz zu Krimis mit realen Verbrechen. Beliebt sind aufsehenerregende Fälle, die sich durch besonders perfide Täter, schockierende Grausamkeit oder rätselhafte Umstände auszeichnen.
Kritik an dieser Gattung gibt es reichlich. Vor allem wird True-Crime-Formaten immer wieder vorgeworfen, die Schicksale von realen Personen und ihre Privatsphäre nicht zu respektieren und zur Aufmerksamkeitsgenerierung zu benutzen.
Faszination an menschlichen Abgründen
Was interessiert Menschen an wahren Verbrechen? Bernd Volland weiß darauf eine Antwort: Es sind die Abgründe, das „destruktive Element im Menschen“. Uns interessiert, wozu echte Menschen in der Lage sind – und warum. Die Frage nach dem Warum spielt eine große Rolle, wenn Menschen sich für True-Crime interessieren. Doch oft kann sie nicht beantwortet werden. Journalist:innen können zwar Hintergründe erforschen, mit Angehörigen sprechen und strukturelle Phänomene miteinbeziehen, meist jedoch nicht herausfinden, was den Täter (oder die Täterin, wobei Männer aber stark in der Überzahl sind) schlussendlich motiviert hat.
Mit dem Täter selbst zu sprechen, ist fast nie möglich. Oft liegen Verbrechen, die in True-Crime-Formaten behandelt werden, mehrere Jahrzehnte zurück. Manchmal ist der Täter bereits gestorben, und wenn er noch am Leben ist, ist er meist nicht bereit, mit Journalist:innen zu sprechen. Oder es geht um ungeklärte Fälle, bei denen der Täter nicht bekannt ist. So bleiben Details zu Motivation und Tathergang häufig Spekulation.
Ein Beispiel: Der “perfekte Mord” von Rom
Gleichzeitig ist es wichtig, sich nicht auf eine Interpretation eines Falles zu versteifen, vor allem, wenn nur wenige Hinweise darauf hindeuten. Bernd Volland nennt dazu als Beispiel den „perfekten Mord“, der sich im Mai 1997 auf einem Universitätscampus in Rom ereignet haben soll. Eine Studentin wurde am helllichten Tag erschossen. Keinerlei Zeugen hatten irgendetwas Verdächtiges bemerkt, es gab keine Tatwaffe, kein Motiv. Erst etwa einen Monat später wurden die mutmaßlichen Täter gefunden: Zwei Jura-Dozenten wurden beschuldigt, die 22-Jährige kaltblütig ermordet zu haben. Das Motiv: Die beiden hätten aus juristischem Ehrgeiz beweisen wollen, dass es das „perfekte Verbrechen“ gibt. Erst kurz zuvor hatten sie in einem Seminar darüber diskutiert. Zu dieser Vermutung passte das überhebliche Auftreten der Doktoren im Gerichtssaal.
Die Beweise waren mangelhaft, trotzdem stürzten sich die Medien auf den „perfekten Mord“. Schnell sah man in der Tat die Weltfremdheit von Akademikern, die bereitwillig Menschenleben in Kauf nahmen, um ihre Theorien zu beweisen. Die beiden Juristen wurden schließlich wegen fahrlässiger Tötung zu Haftstrafen verurteilt. Bis heute ist aber nicht geklärt, ob sie es wirklich waren. Die Beweislage bleibt unzureichend, das Motiv weit hergeholt – auch, da der Mord schlussendlich alles andere als perfekt war. Bernd Volland betont, dass es als Journalist wichtig ist, diese Unsicherheit zur Geschichte zu machen und nicht die Vermutungen – so spannend sie auch sein mögen. Man solle sich auf die Fakten stützen, nicht auf Spekulationen.

Einzelfälle und strukturelle Probleme
Maike Backhaus sieht Faszination und Interesse nicht als ausreichende Grundlage dafür, einen Fall zur Geschichte zu machen. Ihr ist es wichtig, dass aus den Einzelfällen auch Schlüsse über strukturelle Phänomene gezogen werden können. In ihrer Podcast-Reihe über den Fußballspieler Jérôme Boateng und seine Ex-Freundin Kasia Lenhardt geht es um Gewalt in Beziehungen – ein verbreitetes Problem, welches sie anhand des Einzelfalls der beiden Promis aufarbeitete. „Ein Podcast liefert einen emotionaleren Zugang zu einem strukturellen Problem als zum Beispiel eine Statistik“, sagt Backhaus. Er bringe auch mehr auf den Punkt. Bernd Volland ist dagegen überzeugt, dass Einzelfälle auch dann ihre Berechtigung haben, wenn sie sich nicht direkt auf ein strukturelles Phänomen beziehen. Auch Einzelschicksale seien lehrreich, denn: „Das sind alles Menschen wie wir.“
Die Moderatorin fragt nach, wie die beiden Journalist:innen unter vielen Einzelfällen eine Auswahl treffen. Backhaus meint, sie stelle sich dabei zuerst die Frage, welcher Fall nicht geht, da etwa die Ressourcen nicht da sind oder das Risiko zu hoch ist. Damit meint sie auch das finanzielle Risiko: Als freie Journalistin muss sie ihre Storys und Projekte an Medienhäuser verkaufen – sollte keines sie nehmen, wäre monatelange Arbeit und einiges an Geldinvestition umsonst. Ihr Fokus liegt auf Fällen, in denen eine große strukturelle Ungerechtigkeit steckt. Und selbstverständlich geht es nicht ohne das Einverständnis der Opfer und ihrer Angehörigen.
Die Recherche bezeichnet Backhaus als „Gratwanderung“. Auf der einen Seite solle die Story so authentisch wie möglich sein, auf der anderen müsse man das Persönlichkeitsrecht der Beteiligten wahren, auch postmortal. Unnötiges Detailreichtum lehnt sie ab: Es sollten nur Inhalte miteinbezogen werden, die der Aufklärung dienen und die Geschichte nicht nur spektakulärer machen. Als Journalistin sieht sie bei sich eine große Verantwortung: Sie muss einordnen und kontextualisieren, was vorher falsch interpretiert wurde. Im Fall Boateng-Lenhardt seien beispielsweise Sprachnachrichten gegen den Willen Kasia Lenhardts veröffentlicht und falsch gedeutet worden. Auch ein Interview mit Boateng habe zu Fehlinterpretationen geführt. Davon dürfe man sich nicht in die Irre führen lassen. Als Journalist:in sei es wichtig, unvoreingenommen an den Fall heranzugehen und sich nicht auf eine Seite zu stellen.

Die ständige Konfrontation mit Kriminalität kann den Journalist:innen stark zusetzen. „Schreibt man nur solche Geschichten, ist das auf Dauer sehr belastend“, sagt Volland. Vor allem die Täterbiographien und die Gespräche mit Angehörigen gingen unter die Haut. Als Redaktionsleiter achtet er deswegen in seinem Magazin auf eine gute Mischung – auch etwas Leichteres sollte dabei sein.
Zielgruppe Gen Z
Von Vollands und Backhaus‘ Formaten fühlen sich vor allem junge Leute angesprochen. Etwa drei Viertel davon sind Frauen. Dadurch kommt es zu einer Verzerrung: Da deutlich mehr Frauen zu den Konsument:innen zählen, werden mehr Fälle berichtet, bei denen Frauen die Opfer sind – etwa in Bezug auf den Diskurs um Femizide. „Das tatsächliche Verhältnis von Frauen und Männern unter den Opfern ist aber Fifty-fifty“, erklärt Volland.
Backhaus berichtet, dass auch mehr und mehr junge Männer beginnen, sich für True-Crime-Formate zu interessieren. Gerade auf ihren Podcast zu Boateng und Lenhardt habe sie viele Reaktionen von jungen Männern bekommen. In unserer Gesellschaft würden Räume fehlen, in denen man über das immer noch tabuisierte Thema Gewalt in Beziehungen sprechen könne, so Backhaus. Daran könnte dieses Interesse liegen.
True Crime als Unterhaltungsformat – Wo liegt die Grenze?
Und was ist mit den „Get-Ready-With-Me“s? Mit den hübschen jungen Frauen, die vor laufender Kamera Foundation und Eyeliner auftragen, während sie von brutalen Morden und Verstümmelungen erzählen? Diese Frage kommt am Ende der Veranstaltung aus dem Publikum. Maike Backhaus ist sehr kritisch solchen Formaten gegenüber, vor allem, wenn sie der bloßen Unterhaltung dienen und nichts tun, um Zuschauer aufzuklären. Dann würden schreckliche Schicksale echter Menschen mit teilweise lebenden Angehörigen dazu verwendet, Clicks zu generieren. Sie bezeichnet das als „Voyeurismus“.
Bernd Volland findet, dass grundsätzlich jeder öffentlich über wahre Verbrechen sprechen darf. Man solle jedoch immer sensibel sein und auf keinen Fall außer Acht lassen, dass es sich in den Geschichten um reale Personen handelt. Auch sehr erfolgreiche Podcasts seien da zu wenig differenziert. Backhaus ist ebenfalls der Meinung, dass man sich sowohl als Creator:in, als auch als Zuhörer:in klar machen muss, was Meinung und was Fakt ist. Beide Journalist:innen wollen den Konsum von True Crime als Unterhaltung nicht anprangern. Man solle sich jedoch auch als Zuschauer:in bewusst sein, dass es in den Geschichten um echte Menschen geht. Und sich vielleicht öfter fragen, was man aus den erzählten Verbrechen lernen kann.