„Freiheit. Wir brauchen sie. Aber sie ist kein Geschenk.“

von Kristina Kerber
Lesezeit: 8 min
Theater. Dokumentation. Spiegel. Codename Brooklyn feierte am 28. Februar 2025 im Tiroler Landestheater seine Uraufführung – ein Moment, der treffender nicht hätte sein können. Drei Darsteller:innen, zehn Jugendliche und zwei Zeitzeugen halten uns mit diesem Projekt einen schonungslosen Spiegel vor, der die Vergangenheit in die Gegenwart reflektiert.

„Die New York Times verkündet es am 5. Oktober 1945: Ein Sohn Brooklyns, Frederic Mayer, hatte dafür gesorgt, dass der Einmarsch der US-Truppen in Innsbruck unblutig verlaufen war. Er hatte die Nazi-Herrschaft in der berüchtigten «Alpenfestung» sabotiert, der Folter der Gestapo standgehalten und Gauleiter Franz Hofer dazu bewegt, Innsbruck zur offenen Stadt zu erklären.“Programmheft Codename Brooklyn

Stefan Riedl, Ulrike Lasta, Daniela Bjelobradić in Codename Brookyln, Foto: Birgit Gulfer

Das dokumentarische Theaterprojekt Codename Brooklyn schildert die Geschichte der Operation Greenup. Bei der geheimen Mission des US-Geheimdienstes OSS landete ein Kernteam von drei Agenten – die jüdischen Flüchtlinge Fred Mayer und Hans Wijnberg sowie der Wehrmachtsdeserteur Franz Weber – am 26. Februar 1945 mit dem Fallschirm in den Stubaier Alpen, um in Tirol für die Alliierten zu spionieren. Unverzichtbare Unterstützung erhielten sie von mutigen Frauen, die lange Zeit in der Geschichtsschreibung unsichtbar geblieben sind. Diese Frauen, darunter Webers Schwestern und seine Verlobte sowie lokale Heldinnen wie Maria Hörtnagl und Anna Niederkircher, spielten eine Schlüsselrolle im Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft.

Schauspiel trifft Zeitzeugnisse

Codename Brooklyn ist kein gewöhnliches Theaterstück, sondern ein dokumentarisches Theaterprojekt, das sich von klassischen Formaten abhebt. Anstelle von fiktiven Theaterrollen treten die Darsteller:innen Daniela Bjelobradić, Stefan Riedl und Ulrike Lasta als omnipräsente Stimmen auf, die uns durch die historische Aufarbeitung dieser wahren Geschichte führen. Ab der zweiten Hälfte bildet eine Zehnergruppe an Jugendlichen das Verbindungsstück der Vergangenheit in die Gegenwart. „Es geht uns nicht um laute Proteste – wir fordern echte Veränderungen und langfristige Lösungen“, heißt es, um zu verdeutlichen, dass der Widerstand weitergeht.

Seele des Stücks sind jedoch die Zeitzeugen. Ihre Interviews und persönlichen Erinnerungen werden immer wieder auf der projizierten Leinwand eingeblendet, wodurch ihre Leben und Erlebnisse direkt in die Darstellung einfließen. Bernhard Weber ist der Sohn von Franz und Anni Weber, und Josef Weber ein Junge aus der Nachbarschaft in Oberperfuss, wo sich ein Großteil der Geschichte abspielt. Beide kommen immer wieder auf die Bühne und sprechen über ihre Eindrücke, Erfahrungen und Gedanken. 

Bernhard Weber und Ulrika Lasta, Foto: Birgit Gulfer

Die Wäsche als Tarnkappe – Wie Tirolerinnen den Nazis trotzten

Besonders hervorzuheben ist die Rolle starker Frauen, deren Zivilcourage lange übersehen wurde. Zeitzeuge Bernhard Weber spricht von der „heiligen Dreifaltigkeit der Macht“ in Oberperfuss während des Nationalsozialismus: Der Pfarrer, der Bürgermeister und die Anna Niederkircher. „Im Hinterstüberl, man nannte es Sakristei, wurden politische Geschäfte gemacht“, so Weber. Die von Weber mit Schmunzeln angesprochene Sakristei war eigentlich ein Nebenraum von Anna Niederkirchers Hotel „Zur Krone“. Denn es war Anna, die trotz aller Gefahren ihr Hotel als Ort des Schutzes und strategischen Austausches bereitstellte. Und es waren sie und die anderen Frauen in Oberperfuss, die ganz unscheinbar und ungenannt von der Geschichte maßgeblich an der erfolgreichen Durchführung der Operation beteiligt waren.

Ein besonders prägendes Beispiel ist auch das von Maria Hörtnagl, einem „jungen zarten Bauernmädl“ vom Thoma-Hof, die am 22. April 1945 mit klugem Kalkül einen Gestapo-Beamten in eine Falle lockte und ihn kilometerweit über die Berge scheuchte. Das trug dazu bei, die Besatzung in ihrer Heimatregion zu schwächen. Frauen, Kindern und Kriegszurückgebliebene nutzten beispielsweise die Wäsche als Tarnkappe, um entscheidende Informationen in Wäschekörben zu schmuggeln. Sie halfen so ganz waffenlos, die Operation zu unterstützen und auf lange Sicht den Krieg zu gewinnen.

Die Schreie von gestern als Weckruf für heute

Die Inszenierung erzählt von unvorstellbarem Leid, aber auch von Widerstand und einer nicht tot zu kriegenden Hoffnung. Ein zentrales Anliegen des Stücks ist es, das Feuer des Widerstands auch heute neu zu entfachen und aufzuklären – über Teile der Vergangenheit und Parallelen zur Gegenwart, die oft ignoriert wurden und werden. Lange wurden die Verdienste der Operation Greenup in Österreich verschwiegen. Generell wurde die Schuld des Landes im Nationalsozialismus lange Zeit heruntergespielt. Bei Nazideutschland denken wohl die meisten an München oder Berlin, und nur wenige an Innsbruck oder Oberperfuss.  Dabei erlebte die Pogromnacht, eine Art offizielles Startsignal zum Völkermord in Europa, in Innsbruck selbst im europaweiten Vergleich einen der blutigsten Vollzüge.

Codename Brooklyn setzt sich eindrucksvoll mit Teilen dieser oft willentlich fehlinterpretierten Themen auseinander und stellt sie ins Zentrum der öffentlichen Erinnerung. Besonders ergreifend wird dies durch die Aussagen der Zeitzeugen gewahr. Die physische Präsenz von Bernhard Weber, Sohn des Wehrmachtsdeserteurs und Spions Franz Weber, sowie des Nachbarsjungen Josef Weber, die nicht nur eine Geschichte, sondern ein ganzes Leben verkörpern, lässt das Publikum mehrfach mitten im Stück in Applaus ausbrechen – übertönt nur von Momenten erdrückender Stille und betroffener Gänsehaut.

Josef Weber und Daniela Bjelobradić, Foto: Birgit Gulfer

Aufarbeitung: Ein Großteil Tirols war pro-Nazi

“Ein Großteil Tirols war die ersten zwei Kriegsjahre pro-Nazi”, verdeutlicht Bernhard Weber. Wir müssen uns von dem Narrativ entfernen, dass Österreich das erste Opfer der Nazis war. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Österreich war lange von der Opferthese geprägt, wonach Österreich als erstes „Opfer“ des Nationalsozialismus galt. Erst in den 1980er Jahren, insbesondere durch die Waldheim-Affäre, begann eine intensivere Auseinandersetzung. Bundeskanzler Franz Vranitzky erklärte 1991: „Wir bekennen uns zu allen Taten unserer Geschichte und haben uns für die bösen zu entschuldigen – bei den Überlebenden und bei den Nachkommen der Toten.“ Diese Worte spiegeln die fortlaufende Herausforderung wider, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Trotz Fortschritten bleibt die vollständige Aufarbeitung ein offenes Thema und auch direkt nach dem Krieg wurde viel geschwiegen. Codename Brooklyn hat sich vorgenommen zu sprechen. „Wenn alle desertiert wären, wär der Krieg aus gewesen“, erklingt die nachdenkliche Stimme einer eingeblendeten Zeitzeugin. „Der Faschismus war nie weg.“ Und auch Josef Weber betont: „Heute zeichnet sich beunruhigend eine andere Richtung ab: Vom Gemeinsamen zum Trennenden.“

Dissonanzen einer Rebellion im zweiten Akt

Während der erste Akt vor allem durch seine Gänsehaut-Momente beeindruckt, wird der zweite Akt von den Jugendlichen getragen, die in roten Beanies, fingerlosen schwarzen Handschuhen und Straßenkleidung auftreten. Die zehn Jugendlichen stoßen zu den drei Theaterdarstellenden und repräsentieren weitere „Stimmen der Sichtweisen“. Anders als im  ersten Akt, der durch historische Aufarbeitung und Zeitzeugen die Vergangenheit aufrollt, verschiebt sich der Fokus im zweiten Akt auf die Gegenwart. Aktuelle Entwicklungen werden offen benannt und in das Narrativ des Stücks eingebunden: Fridays for Future, Black Lives Matter, #MeToo, die Präsidentschaft des verurteilten Straftäters Donald Trump und die österreichischen Wahlergebnisse, bei denen die FPÖ, eine Partei mit Wurzeln im Nationalsozialismus, zur stimmgewaltigsten Kraft wurde. Ein Zitat des österreichischen Bundespräsidenten, gesprochen im Kanon der Jugendlichen, unterstreicht dabei die Dringlichkeit: „Wann wäre denn der richtige Zeitpunkt, um sich mit den schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte auseinanderzusetzen? Wann? Die Antwort ist ganz einfach: Gestern! Heute! Und morgen!“

Ihre durchdringenden Worte und choreografischen Gesten bringen die Botschaft des Stücks unmittelbar und körperlich zum Publikum. Der Kontrast zwischen der bedrückenden, professionell inszenierten ersten Hälfte und der „in-your-face“ wirkenden zweiten Hälfte, die teils Jugendtheater-Techniken nutzt, ist zwar provokant und kreiert eine stilistische Dissonanz, doch ist genau diese Diskrepanz Teil der Botschaft: Die Vergangenheit ist nicht nur ein abgehakter Teil der Geschichte, sondern eine lebendige, fortwährende Auseinandersetzung. 

Stimmen der Sichtweisen, Foto: Birgit Gulfer

Minimalistisches Bühnenbild mit maximalem Effekt

Das Bühnenbild ist minimalistisch und schafft mit wenigen, aber wirkungsvollen Komponenten eine starke visuelle Sprache. Im ersten Akt dominieren zwei zentrale Elemente: eine aufgespannte Fläche, die an eine Mauer erinnert, und ein herauffahrbarer Gang, der die beengten Verstecke symbolisiert, die ebenfalls zum Schauplatz des Einsatzes wurden. Im Laufe der Geschichte werden die markanten grüne Anzüge der drei Darsteller:innen zunehmend weniger uniform, was den Widerstand, die wachsende Unruhe, aber auch den Wandel hin zum wiedergefundenen Individualismus in der Gesellschaft widerspiegelt. Der zweite Akt wird zusätzlich von Boxsäcken begleitet, die von der Decke hängen und als Choreografie-Elemente eingesetzt werden. Sie erzeugen Tonalität und visuelle Dynamik, die das Tempo und die Dringlichkeit der aktuellen politischen Bewegungen verstärken. Untermalt wird die Szenerie musikalisch von Andreas Schiffer, mal mit Schritten im Schnee, mal mit Paukenschlag, mal mit Sirene, was gerade bei Letzterem bei der Bombardierung Gänsehaut und Grauen hervorruft.

Stefan Riedl, Ulrike Lasta, Daniela Bjelobradić in Codename Brookyln, Foto: Birgit Gulfer

Konklusion

Wer nach dem Besuch von Codename Brooklyn nicht von den Parallelen zwischen damals und heute erschüttert ist, dem fehlt es nicht nur an Empathie, sondern auch an historischem Bewusstsein. Dieses Theaterprojekt trägt dazu bei, einen lange verdrängten Teil der Tiroler Geschichte in den öffentlichen Raum zu bringen und geht in seiner Wirkung weit über das bloße Erzählen von Geschichten hinaus. Besonders die Interviews mit den Zeitzeugen gehen unter die Haut und verleihen der Inszenierung eine greifbare, emotionale Tiefe.

Inmitten eines weltweit spürbaren Rechtsrucks und der zunehmenden politischen Polarisierung kommt dieses Stück genau zur richtigen Zeit. Es ist ein notwendiger Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte und eine Mahnung, die Lehren aus der Vergangenheit nicht zu vergessen. Auf die Phrase, dass man es damals nicht besser wissen hätte können, wird prompt erwidert: „Aber heute kann man es besser wissen.“ Nie wieder ist jetzt.

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