Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau jährt sich. Gedacht wird am internationalen Holocaust-Gedenktag dem Völkermord an den sechs Millionen Jüdinnen und Juden, außerdem dem „anderen“ Völkermord an den Sinti:zze und Rom:nja, den verfolgten und ermordeten Menschen mit Behinderungen, Menschen aus der queeren Community, Obdachlosen, sogenannten „Asozialen“ und Kriegsgefangenen. Sie alle wurden Opfer des NS-Regimes.
Antisemitismus als Staatslehre
Am 20. Januar 1942 lud der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich zur „Besprechung mit anschließendem Frühstück”. Als „freudig“ wurde die Atmosphäre zwei Jahrzehnte später vom damals anwesenden Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannführer und „Hauptorganisator” des Holocaust, beschrieben. Beschlossen wurde die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ – europaweit sollten Jüdinnen und Juden deportiert und vernichtet werden. Die Besprechung ging als Wannseekonferenz in die Geschichte ein. Sie ist Ausdruck des kaltblütigen bürokratischen Vorgehens des NS-Regimes und seiner Entschlossenheit zum Völkermord an der jüdischen Bevölkerung.
Zum Zeitpunkt der Wannseekonferenz war der Völkermord an der jüdischen Bevölkerung längst Wirklichkeit. Spätestens mit der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten in Deutschland 1933 war der Antisemitismus die Staatslehre im deutschen Herrschaftsgebiet. Jüdische Menschen wurden Opfer von Maßnahmen der Entrechtung, Ausgrenzung, Diskriminierung und Vertreibung. Mit dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 degradierte das NS-Regime Jüdinnen und Juden endgültig zu Bürger:innen zweiter Klasse. Die Wirtschaft wurde „arisiert“ und jüdische Menschen schrittweise von jeglicher Art der Erwerbstätigkeit ausgeschlossen. Dies bedeutete die Verelendung der jüdischen Bevölkerung. Ihr öffentliches Leben kam zum Erliegen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 verschlechterten sich auch in Tirol die Existenzbedingungen für jüdische Menschen drastisch.

Foto: Deutsches Bundesarchiv, via Wikimedia Commons
Mit den Novemberpogromen in der Nacht des 9. Novembers 1938 erreichten die antisemitischen Gewaltexzesse ihren bisherigen Höhepunkt. Am Morgen des 9. Novembers beging der 17-jährige Jude Herschel Grynszpan ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris. Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, hielt daraufhin noch am selben Abend in München eine Hetzrede vor Mitgliedern der NSDAP. Darin rief er zur Gewalt an der jüdischen Bevölkerung auf. Auch der Tiroler Gauleiter Franz Hofer war anwesend.
Innsbruck: Schauplatz des Völkermords
Hofer wies daraufhin die Innsbrucker Mitglieder der SS, der SA und des NSKK (Nationalistisches Kraftfahrkorps) an, sich in Zivil zu versammeln. Dies geschah um Mitternacht. Die „Aktionen“ in Innsbruck begannen gegen 3 Uhr 30 und sollten als spontane Volkserhebungen wahrgenommen werden. Anteilig gemessen an der Anzahl der jüdischen Bevölkerung in Innsbruck, sind in dieser Nacht in Innsbruck am meisten jüdische Menschen ermordet worden.
SS, SA und NSKK erhielten den Befehl, vier prominente jüdische Bürger zu ermorden. Es handelte sich dabei unter anderem um Ing. Richard Berger, Leiter der israelitischen Kultusgemeinde. NSDAP-Kampfeinheiten zerrten Berger aus seiner Wohnung in der Anichstraße 13 und ermordeten ihn schließlich in Kranebitten. Dr. Wilhelm Bauer, Chef der jüdischen Handelsorganisation, wurde in seiner Wohnung in der Gänsebacherstraße 4 in Saggen misshandelt und erstochen. Durch das gleiche Vorgehen starb Ing. Richard Graubart, wohnhaft im Nachbarhaus Wilhelm Bauers. Karl Bauer, Mitbesitzer des Kaufhauses Bauer & Schwartz (heute Kaufhaus Tyrol), überlebte einen Mordversuch mit schweren Kopfverletzungen. Auch Oberbaurat Ing. Josef Adler, wohnhaft in der Anichstraße 5, überlebte schwere Misshandlungen durch die Angreifer zunächst. Einige Wochen später erlag er jedoch den erlittenen Verletzungen.
Die organisierte Vernichtung
In derselben Nacht wurden jüdische Einrichtungen, Firmen und Wohnhäuser stark beschädigt oder zerstört. Die Kampfeinheiten plünderten und demolierten außerdem den jüdischen Betsaal in der Sillgasse 15, setzten ihn jedoch nicht in Brand: Er sollte später der Hitlerjugend zur Verfügung gestellt werden. Die Täter der Novemberpogrome wurden nie zur Verantwortung gezogen. Allein in Innsbruck entstanden Sachschäden im Wert von 200 000 Reichsmark. Die Geschädigten mussten diese Summe selbst begleichen. In den „Innsbrucker Nachrichten“ veröffentlichte Hauptschriftleiter Ernst Kainrath am nächsten Morgen einen Hetzartikel. Er schrieb, man hätte in „berechtigter Notwehr“ gehandelt, die jüdische Bevölkerung sogar mit „Glacéhandschuhen“ angefasst.
Den Novemberpogromen folgte die organisierte physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Hunderttausende Jüdinnen und Juden wurden in Ghettos deportiert, von dort „transportierten“ die Nationalsozialisten die Ghettobewohner:innen in die Vernichtungslager. Ghettos waren jahrelange Zwischenstationen, der Historiker Wolfgang Benz bezeichnet sie als „Wartesäle der Vernichtung“. Eine solche „Vorhölle“ stellte auch das „Arbeitserziehungslager Reichenau“ dar. Für fast alle Südtiroler Jüdinnen und Juden ein Zwischenstopp bis zur Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz. Schließlich begingen die Nationalsozialisten den industrialisierten Massenmord in den Vernichtungslagern. Auschwitz, vor dem Ersten Weltkrieg Teil von Österreich-Ungarn, war dabei der größte Vernichtungskomplex des nationalsozialistischen Imperiums. Heute vor 79 Jahren wurden die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz von der Roten Armee befreit.

Pogromdenkmal in Innsbruck; Bild: Christian Michelidis, Wikimedia Commons
Trauma und Erinnerung
Die Bevölkerung des deutschen Herrschaftsgebiets wusste um den organisierten Völkermord. Zur Lebenslüge einer gesamten Generation wurde die Beteuerung, nichts gewusst zu haben. Viele Gerichtsverfahren haben zur Aufklärung beigetragen. Den Vereinten Nationen wurden durch die Nürnberger Prozesse der Weg bereitet, um Angriffskrieg, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit Einhalt zu gebieten. Heute, acht Jahrzehnte nach Ende des Holocaust, erleben religiöse, soziale und ethnische Gruppen sowie ganze Völker noch immer Massengewalt, und die Schauplätze der Gräueltaten geraten – auch in Innsbruck – in Vergessenheit.