Wenn sich die Studienwahl selbst wie die schwierigste Prüfung anfühlt: Die Psychologische Studienberatung Innsbruck im Gespräch

von Katharina Stotter
Lesezeit: 8 min
Christian Schöpf ist Leiter der Psychologischen Studienberatung Innsbruck, die unter anderem Studienwahlberatungen durchführt; seine Kollegin Angelika Schwarz-Ortner wird die Leitung in Kürze übernehmen. Im Interview beantworten sie Fragen, die bei vielen angehenden Studierenden aufkommen, und eine, die ihnen nie gestellt wird.

Angelika Schwarz-Ortner und Christian Schöpf im Gespräch (Quelle: Katharina Stotter)

UNIpress: Wenn sich jemand für ein Studium einschreiben will, gibt es zum Beispiel einen Eignungstest vom AMS, um die Entscheidung zu erleichtern. Was halten Sie von solchen Tests?

Schöpf: Wir verwenden eigene Tests und Fragebögen und sehen die Ergebnisse nur als einen Teilaspekt für die Entscheidungsgrundlage. Deshalb versuchen wir, sehr persönlich auf jede:n einzugehen und das Individuelle zu stärken, um herauszuarbeiten, was eine Person ausmacht. Dies ist eine wichtige Grundlage für eine passende Studienentscheidung. Es ist auch immer wichtig, sich einen passenden Plan B zu überlegen, denn es gibt in manchen Studienrichtungen Aufnahmeverfahren und begrenzte Aufnahmekapazitäten. 

UNIpress: Wie würden Sie jemandem ganz konkret dabei helfen, einen Plan B zu finden und beim Plan A die Stärken und Schwächen selbständig zu ermitteln? 

Schwarz-Ortner: Wir sehen die Tests, wie schon erwähnt, als Diskussionsgrundlage, aber nicht als Endresultat. Es geht beispielsweise auch um das Selbstbild: Wie erlebt sich jemand, wo sieht er:sie seine:ihre Fähigkeiten und Interessen? Sind diese im Studium und im angestrebten Beruf sinnvoll einzubringen? Auch das Abgleichen des Fremdbildes, also die Einschätzung des Umfeldes einzuholen, kann hilfreich sein.

UNIpress: Wie viel extrinsische Motivation darf bei der Studienwahl dabei sein und wie viel muss intrinsisch sein, damit es im Endeffekt die richtige Wahl wird?

Schöpf: Die intrinsisches Motivation, also die Motivation „aus mir selbst heraus“ ist hierbei die wichtigste.

Schwarz-Ortner: Sollte die Wahl auf ein Studienfach fallen, das jemand zwar sehr interessant findet, das aber keine berufliche Sicherheit verspricht, ist es wichtig zu überlegen, ob man sich vorstellen kann, nach dem Abschluss des Studiums in andere berufliche Bereiche einzusteigen. Hier können sich durchwegs interessante Berufswege entwickeln.

Schöpf: Dazu fällt mir ein gutes Beispiel ein. Bogdan Roščić, der Chef der Wiener Staatsoper, hatte ursprünglich Philosophie studiert und wurde über Umwege – als Mitarbeiter im Spitzenmanagement bei Universal Music Austria – schließlich Leiter der Staatsoper in Wien. Ein ungewöhnlicher Weg, der so nicht voraussehbar war.

UNIpress: Geschlechterrollen spielen, wenn man sich zum Beispiel Statistiken zur Studienwahl unter Frauen und Männern ansieht, leider immer noch eine Rolle: Was kann man tun, um sich möglichst wenig davon beeinflussen zu lassen – auch nicht unbewusst?

Schöpf: Wir versuchen, die Geschlechterrollen kritisch zu hinterfragen und mehr auf das Persönliche einzugehen. „Frauen und Technik“ ist seit vielen Jahren ein Thema und es gibt immer wieder Schülerinnen, die mit diesen Rollenbildern, auch heute noch, ein Problem haben. Leider bemerken wir, dass immer noch eher weibliche Studienwählerinnen an Themen wie Familienvereinbarkeit denken, männlichen Studienwählern hingegen Prestige, ein hohes Ansehen und die Aussicht auf einen möglichst hohen Verdienst besonders wichtig ist. Es ist zwar ein Veränderungsprozess im Gange, aber althergebrachte Rollenbilder zeigen noch Wirkung.

UNIpress: Angenommen, jemand hat sich dann für ein Studium entschieden, das sich nicht unbedingt durch sehr sichere Berufschancen am Arbeitsmarkt empfiehlt oder bei dem mit einem eher geringeren Gehalt zu rechnen ist. Wann soll man es trotzdem studieren und wann sollte man sich eher für Plan B entscheiden?

Schwarz-Ortner: Leider gibt es darauf keine klare Antwort. Wenn jemand sehr überzeugt ist, kann er:sie auch in Nischenbereichen einen erfolgreichen Berufsweg kreieren. Ich habe in meinem Bekanntenkreis einen jungen Mann, der Musikwissenschaften studiert hat. Zunächst haben viele gemeint: „Das wird schwierig, mit so einem Studium eine angemessene Arbeitsstelle zu finden.“ Er bekam jedoch bereits während des Studiums ein sehr gutes Jobangebot. Oft kommen Engagement, Können und Glück zusammen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Entscheidung für einen Ausbildungsweg immer auch eine gewisse Unsicherheit beinhaltet. 

Schöpf: Prinzipiell raten wir, ein Studium zu wählen, das wirklich interessiert. Um viele Jahre intensives Studieren durchzuhalten, braucht es intrinsische Motivation und inhaltliches Interesse. Die Frage nach dem „sicheren Studium“ ist deswegen ein bisschen „Kaffeesud lesen“, denn erfahrungsgemäß ist schwer vorherzusagen, welche Ausbildungen in fünf Jahren gefragt sein werden und gute Berufseinstiegschancen bieten. 

„Die Frage nach dem „sicheren Studium“ ist ein bisschen „Kaffeesud lesen.“ – Christian Schöpf

UNIpress: Wie würden Sie mit der Unsicherheit durch KI, die den Arbeitsmarkt wohl nachhaltig verändern wird, umgehen?

Auch wenn man heute KI und deren potenzielle zukünftige Entwicklung mitdenken muss, bleibe ich beim Fokus auf das eigene Interesse. Wie vorher erwähnt, ist es nicht möglich, heute abzuschätzen, was in fünf Jahren relevant sein wird. Wenn ich aber den Fokus auf mein Fachinteresse bewahre, habe ich gute Voraussetzungen, ein intensives, anstrengendes Studium durchzuhalten. Dies ist ein Vorteil gegenüber einem „vermeintlich sicheren“ Studium, wo echtes Interesse und die notwendige, langjährige Motivation fehlen.

UNIpress:  Wie weiß man, dass man sein Studium wechseln sollte – beziehungsweise wie unglücklich muss man in einem Studium sein, damit man weiß, dass der Wechsel sein muss?

Schöpf: Eine wichtige Frage, treffend formuliert. (lacht

Das Abbrechen beziehungsweise der Wechsel eines Studiums passiert nicht plötzlich, sondern dem geht ein Prozess voraus. Im Laufe eines jeden Studiums machen die Student:innen die Erfahrung, dass es immer auch Fächer, Seminare und Lehrveranstaltungen gibt, die eine:n wenig interessieren, die als belastend und uninteressant empfunden werden. Das gehört dazu und ist ganz normal. Es kann aber auch sein, dass man nach und nach merkt, dass das gewählte Studium in Summe nicht zu einem:r passt. Dies meint aber nicht den einmaligen Frust nach einer nicht bestandenen Prüfung oder das Desinteresse für einzelne Detailbereiche eines Studiums. 

Schwarz-Ortner: Eine Eingangsphase ist immer auch ein Anpassungsprozess. Gerade zu Studienbeginn denken viele, dass das selbst gewählte Studium nun hauptsächlich Spaß und Freude machen wird. Recht schnell zeigt aber die Realität, dass ein Studium harte Arbeit ist und man sich immer auch mit Fächern im Studium befassen muss, die wenig lustvoll sind. Hier gilt es, genau hinzuschauen. Wenn sich die Anzeichen häufen, dass man „im falschen Studium“ feststeckt und entsprechender Leidensdruck da ist, sollte man auf jeden Fall reagieren. 

UNIpress: Meistens haben dann auch Eltern oder andere Bezugspersonen ein Wort mitzureden, besonders wenn sie das Studium hauptsächlich finanzieren. Wie viel sollte man sich vom persönlichen Umfeld in diesem Fall beeinflussen lassen?

Schöpf: In Studienwahlberatungen höre ich zu 90 Prozent, dass die Eltern sagen: „Egal was du studierst, Hauptsache du wirst glücklich.“ Das ist zwar ein toller Wunsch, aber auch ein überfordernder Auftrag. Manchmal halten sich Eltern sogar zu viel heraus, das ist mein Eindruck. 

Schwarz-Ortner: Natürlich gibt es auch das Gegenteil, wo es in Familien Erwartungshaltungen und Druck gibt. Wenn beispielsweise in einer Mediziner:innenfamilie der Auftrag an die Kinder geht, dieselbe Laufbahn einzuschlagen. Auch auf dieser Ebene können Studienwahlentscheidungen fallen und dann wählen junge Studierende mitunter eine Studienrichtungen, die gar nicht zu ihnen passt. Optimal wäre es, dass Elter den Kindern beratend zur Seite stehen.

UNIpress: Welche „Fehler“ sehen Sie bei der Studienwahl am häufigsten und wie kann man diese vermeiden beziehungsweise korrigieren?

Schöpf: Der erste Fehler ist Inaktivität. Die Studienwahlentscheidung ist ein Prozess, der von dem:der Betreffenden aktiv gestaltet werden muss. Die Frage löst sich nicht von allein. 

Schwarz-Ortner: Ein weiterer Fehler ist es, die Studienwahl davon abhängig zu machen, welches Studium die Freund:innen wählen und sich dem anzuschließen. Diese vermeintliche Sicherheit vor die eigenen Fachinteressen zu stellen, ist keine gute Idee.

Schöpf: Ein weiterer Fehler wäre es, ein Berufsbild nach beliebten Serien zu idealisieren, beispielsweise hat es eine Zeit lang viele Medizin-Interessent:innen wegen der Serie „Grey’s Anatomy“ gegeben. 

UNIpress: Was kann man tun, um einen realistischeren Blick darauf zu gewinnen, welches Studium passen könnte? Die Curricula sind doch sehr abstrakt.

Schöpf: Wir raten einerseits, das Curriculum durchzuschauen, auch wenn es in Teilen abstrakt bleibt. Praxisnäher ist es, Vorlesungen zu besuchen, hier empfehlen wir Studieren Probieren, ein Angebot der ÖH. Wir empfehlen auch, nach Möglichkeit mit Leuten zu sprechen, die in den Berufsfeldern tätig sind – sagen aber gleichzeitig dazu, dass dies natürlich nur eine einzelne persönliche Erfahrung widerspiegelt, die eventuell hilfreich sein kann. Bei Whatchado kann man beispielsweise Berufsbilder aufrufen, und man bekommt Einblicke in verschiedene Werdegänge. 

Schwarz Ortner:  Hilfreich könnte auch das Angebot für Schüler:innen sein, noch während der Schulzeit ein vierwöchiges, gefördertes Praktikum in einem der angestrebten Fachbereiche der Uni zu machen. 

UNIpress: Zu guter Letzt: Welche Frage wird Ihnen zu der Studienwahl eigentlich nie gestellt, die Sie aber gerne beantworten würden?

Schöpf: (überlegt) Ich glaube, ich bin nie gefragt worden, wie ich zu meiner Studienwahl gekommen bin. Das erzähle ich manchmal, aber ich werde nie gefragt. 

UNIpress: Wie sind Sie dazu gekommen?

Schöpf: Ich selbst habe schlimme Erfahrungen bei meiner Studienwahl gemacht. Ich war bei der Berufsberatung und habe dort einen Rohrschach-Test gemacht, der von einem Mitarbeiter ausgewertet worden ist. Zu meiner favorisierten Studienwahl Psychologie hat er mir in der Berufsberatung damals gesagt: Erstens muss man dafür eine ganz gesunde Persönlichkeit haben – wobei ich mir gedacht habe: „Aha, bei mir stimmt etwas nicht“ – und er würde es auf keinen Fall studieren, weil es da keine Berufsaussichten gibt. Aber ich habe glücklicherweise trotzdem Psychologie studiert und auch immer eine Anstellung gefunden. 

UNIpress: Frau Schwarz-Ortner, welche Frage würden Sie gerne beantworten?

Schwarz-Ortner: Mir ist es wichtig zu sagen, dass Karrieren nicht immer geradlinig sein müssen. Ein Studium zu absolvieren und anschließend in einem fachfremden Bereich tätig zu werden, heißt nicht gleichzeitig, dass jemand mit seinem Weg unzufrieden sein muss. Selbst Studienabbrecher:innen müssen nicht erfolglos bleiben, da denke ich an prominente Beispiele wie Bill Gates oder Steve Jobs. An diese Aspekte zu denken, kann entlastend sein, wenn man selbst noch auf der Suche nach seinem:ihrem Weg ist.

„Karrieren müssen nicht immer geradlinig sein.“– Angelika Schwarz-Ortner



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