
Eine Ausgangssperre? Mit von der Kälte steifen Fingern schreibe ich zurück: Woher das Gerücht kommt. Was das konkret sein soll, eine Ausgangssperre. Und wie sowas überhaupt umgesetzt werden soll. Mein Unikollege weiß es nicht. Waren auch eher rhetorische Fragen. Momentan weiß nämlich niemand irgendwas. Das weiß ich auch.
Ich zucke mit den Schultern und stecke das Handy in die Hosentasche. Auf die Party hatte ich eh keine Lust.
Es ist mein letzter Heimweg von der Uni für eine ganze Weile. Noch am selben Abend um 22:05 Uhr bekomme ich, wie Zehntausende andere, eine E-Mail. Sofortige Maßnahme: keinerlei Lehrveranstaltungen mehr in den Universitätsräumlichkeiten. Alles digital. Ab morgen schon. Mehr Infos folgen. Herausfordernde Zeiten. Mit freundlichen Grüßen.
Nun gut. Wir schützen die Älteren und Schwächeren. Das tue ich gerne. Ein paar Wochen daheim klingt auch angenehm. Dann kann ich länger schlafen. Die Wimperntusche auch mal weglassen. Vielleicht ein Chloe-Ting-Workout probieren. Instant-Kaffee zu festem Schaum schlagen.
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Immer länger dauert es. Seit kurzem habe ich einen Freund. Den hab ich jetzt schon länger nicht mehr in echt gesehen, als wir vorher überhaupt zusammen waren. 26. Februar 2020, ein selten unglückliches Zusammenkomm-Datum. Aber vielleicht bin ich eh ein bisschen zu alt, um zu zählen, wie viele Wochen meine Beziehung schon dauert. Ich zähle stattdessen die Wochen herunter, bis mein Leben wieder normal wird.
Bis Ostern, hat es geheißen. Irgendwie fühlt sich das schon noch lange an. Auf den Spiegel an meinem Schminktisch – zumindest für die Online-Seminare mit Kamera greife ich dann doch wieder zur Mascara – klebe ich ein pinkes Post-It. Darauf steht: „Auch das geht vorbei.“
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Es wird noch Jahre dauern, bis sich das Leben wieder anfühlt wie vorher. In diesen Jahren sterben weltweit Millionen Menschen an, oder zumindest mit, Covid. Andere überleben die Krankheit, tragen aber gesundheitliche Langzeitfolgen mit sich, die ihr Leben teils noch lang nach der offiziellen Genesung stark einschränken. Vielleicht kennt zwar nicht jeder persönlich jemanden, der an Corona verstorben ist, wie Bundeskanzler Kurz das im Frühling 2020 prognostiziert. Aber fast alle von uns sehen Menschen im Umfeld leiden, unter der Krankheit und der Angst vor ihr. Und wir machen eine kollektive Machtlosigkeitserfahrung. Wann musste sich die breite Gesellschaft denn zuletzt ernsthafte Sorgen um eine Infektionskrankheit machen? Hygiene, Antibiotika und Impfungen haben uns in Europa verwöhnt; Pest, Typhus, Tuberkulose kennen die meisten nur noch aus dem Geschichtebuch. Jetzt durchleben wir auf einmal Ereignisse, von denen wir wissen, dass sie historische Tragweite haben. Komisch fühlt sich das an. Geschichte – irgendwie dachten wir, das gäbe es nur in der Vergangenheit.
Lockdowns und ähnliche Maßnahmen sollen die Auswirkungen der Pandemie auf die öffentliche Gesundheit einhegen, die Krankenhäuser vor der Überlastung bewahren. Anfangs klatschen wir abends an unseren Fenstern für die „Systemrelevanten“, die unsere Gesellschaft auf ihren Schultern tragen. Doch je länger das Ganze andauert, desto weniger fühlt es sich für viele wie ein Segen an, zu denen zu gehören, die Zuhause bleiben. Vor allem junge Menschen leiden unter den Einschränkungen. Wir sind es, die am ehesten einen asymptomatischen Verlauf haben und so unbemerkt Leute anstecken können; wir sind es, die die meisten sozialen Kontakte haben, wohl auch brauchen.
Neben den psychischen Folgen der Isolation haben die Lockdowns auch tiefgehende wirtschaftliche und soziale Auswirkungen. Durch Einkommensverluste kommen manche nicht mehr gut über die Runden, die Bildungsungleichheit verschärft sich im Distance Learning. Und schon bald gibt es Unmut in der Bevölkerung, erste Proteste von jenen, die die Einschränkungen der Freiheit nicht mehr akzeptieren wollen. Die lang herbeigesehnte Impfung wird für den Knacks im gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zum Kitt, sondern zum Brecheisen. Über die Fließbänder der Firma Pfizer läuft anstelle einer Panazee ein Politikum.
Das gesellschaftliche Klima wird immer schlechter. Zwei-Klassen-Gesellschaft, Ausgrenzung, Missachtung des Rechts auf Selbstbestimmung lauten die Vorwürfe der einen Seite. Mangelnde Solidarität, Wissenschaftsskepsis oder gar -leugnung, Gefährdung der Schwächsten aus Sturheit, sagen die anderen. Freundschaften und Familien zerbrechen. Virologinnen werden von Maßnahmengegnern auf der Straße bedroht, eine medial bekannte und massiv verfolgte Ärztin nimmt sich sogar das Leben. Wenn von psychischen Folgen der Pandemie gesprochen wird, darf nicht nur die Isolation, sondern müssen auch die Hetze und der Hass als Ursachen genannt werden.
Als die Krankheit zunehmend endemisch wird, Maßnahmen wegfallen und die Kurve der Infektionen nicht mehr jeden Abend über die Bildschirme flackert, entspannt sich die gesellschaftliche Stimmung langsam. Fünf Jahre nach Ausbruch der Pandemie ist Covid kaum noch ein offenes Gesprächsthema, jedenfalls nicht mehr als Grundsatzdiskussion. Aber ganz zugewachsen sind die Wunden nicht, auch wenn wir seltener draufschauen.
Nur selten sieht man die Pandemie literarisch oder filmisch verarbeitet. Unsere Kulturproduktion scheint sich in einem immerwährenden, diffusen 2019 niedergelassen zu haben. Eine Maske im Fernsehen – das ist irgendwie befremdlich. Zu kurz und gleichzeitig zu lang ist es her. Ein bisschen wie wenn Charaktere in einer Serie eine App benutzen, die mittlerweile in der Irrelevanz versunken ist. Beim Versuch, am Puls der Zeit zu bleiben, datiert sich ein Werk selbst. Eine Telefonzelle wirkt am Bildschirm zeitloser als ein Vine. Altes ist nostalgisch, gerade erst Vergangenes hingegen passé. Logisch, dass wir lieber Regency-Hauben als FFP2-Masken anschauen.
Aber es ist mehr als das. Wir werden ungern erinnert an die Krankheit und an das, was sie einerseits mit unserem menschlichen Körper, andererseits unserem corpus politicum gemacht hat. Wirklich genesen sind wir, als Gemeinschaft, nie. Auch wenn wir jetzt vielleicht wieder unseren Nachbarn grüßen, der vor zwei Jahren noch Verschwörungsmythen im WhatsApp-Status geteilt hat.
Seit Jahren hangeln wir uns von einer Krise in die nächste. Die Dringlichkeit aktueller Probleme lässt uns alte vergessen, und besonders, wie diese vielleicht zusammenhängen. Kaum jemand erkennt noch an, wie schwierig, unvorhergesehen, nie dagewesen die Pandemie für die Bevölkerung, die Forschung, den Gesundheitsbereich und die Politik war. Wie viel wir lange Zeit gar nicht wussten über die Krankheit, und wie schwer es war, die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Vielleicht gerade deswegen ist Corona noch immer politischer Sprengstoff. Groll über Entscheidungen von Amtsinhabern während der Pandemie ist eines der häufigeren Wahlmotive für rechtspopulistische Parteien, die die Wut schüren und für sich nutzen.
Es braucht eine echte Aufarbeitung der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung – mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass wir nicht sicher wissen können, was passiert wäre, wenn anders vorgegangen wäre. Die Aufarbeitung braucht es allein schon deswegen, weil Epidemien und Pandemien wieder kommen können, wieder kommen werden – weil es sie immer schon gab und der Klimawandel sie zusätzlich begünstigt. Wir müssen die notwendigen Lehren ziehen, um in Zukunft vielleicht ein bisschen besser vorbereitet zu sein. Und Entscheidungen besser kommunizieren zu können, gesellschaftlich verträglicher zu machen.
Vielleicht aber noch mehr braucht es eine Erinnerungskultur. Ein kollektives Trauern um das, was wir erlebt haben, was uns die Pandemie genommen hat. Und eine Anerkennung dessen, was unter diesen Umständen von vielen geleistet wurde.
Im Vereinigten Königreich wurde auf Empfehlungen der „UK Commission on Covid Commemoration“ hin der erste Sonntag im März zu einem jährlichen nationalen Gedenktag, dem „COVID-19 Day of Reflection“, ausgerufen. Außerdem sollen laut der Kommission hinterbliebene Familien von Covid-Toten, an vorderster Front arbeitendes Gesundheitspersonal sowie Wissenschaftler:innen und freiwillige Helfer:innen Gelegenheit bekommen, ihre Geschichten zu erzählen, zu dokumentieren und als Stück Zeitgeschichte der Nachwelt zu erhalten. Auch mehrere neue Denkmäler sollen der kollektiven Erinnerung dienen.
2021 begonnen Freiwillige – zunächst ohne behördliche Genehmigung – eine Wand in London mit rosaroten Herzen zu bemalen. Jedes Herz steht dabei für genau einen oder eine Covid-Toten in England. Alle Herzen sind handgemalt: „komplett einzigartig, wie die Liebsten, die wir verloren haben”, so der Sohn eines Verstorbenen zum Guardian. Hinterbliebene hinterlassen Bilder, Blumen, schreiben Namen und Widmungen in die Herzen. Mittlerweile sind es fast eine Viertelmillion.

Bildcredit: Polydeukes2020, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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Im Jahr 2025 lebe ich wieder mein Leben. Besuche Konzerte, mit Tausenden Fremden auf engstem Raum zusammengequetscht. Gehe auf Dates und schmuse beim Ausgehen. Bewege mich frei, ohne vorher Reisewarnungen oder Risikogebiets-Einstufungen zu checken. Sitze ganz normal in der Uni, und drehe erst beim dritten kräftigen Huster meines Sitznachbarn diskret den Körper weg. Traue mich auch mit leichten Halsschmerzen, meine Großmutter zu umarmen.
Es ist fast, als wäre nichts gewesen.
Doch es war etwas.
Erinnerst du dich?