Wenn wir Gewalt ablehnen, warum unterstützen wir sie dann? – Die kognitive Dissonanz auf unserem Teller

von Johanna Korell
Lesezeit: 10 min
Zwischen moralischem Anspruch und alltäglicher Gewohnheit klafft oft eine Lücke. Dieser Meinungsartikel stellt die Frage, wie konsequent unsere Werte tatsächlich gelebt werden – im Spannungsfeld von Feminismus, Tierethik und Ernährung.

„Wie kann man feministisch, links oder pazifistisch sein – und gleichzeitig jeden Tag ein System unterstützen, das auf Ausbeutung und Gewalt basiert?“ Diese Frage begegnet mir in letzter Zeit immer häufiger in feministischen Foren, in Tierschutzkreisen und linken Gruppen und ich finde, wir sollten darüber reden, auch wenn es ungemütlich ist.

Bevor jetzt jemand direkt innerlich aussteigt, sobald das Wort Veganismus fällt: Es geht mir nicht darum, irgendwem das Schnitzel oder die Milch im Kaffee zu verbieten. Ich möchte niemanden verurteilen. Mir geht es darum, ehrlich darüber zu sprechen, wo unsere Lebensmittel herkommen und was wir mit unseren Entscheidungen jeden Tag unterstützen. Und ob das eigentlich zu dem passt, was wir von uns selbst glauben: Nämlich progressiv, tierlieb und feministisch zu sein. Denn genau das ist die kognitive Dissonanz auf unserem Teller. Das unangenehme Spannungsgefühl, das entsteht, wenn die eigenen moralischen Werte nicht mit dem tatsächlichen Handeln übereinstimmen. Um diesen inneren Konflikt schnell und einfach zu lösen, werden oft Rechtfertigungen oder Besänftigungen von uns herangezogen, die das eigene Verhalten vor sich selbst legitimieren.

„Das haben wir schon immer so gemacht.“

Viele Dinge, die wir heute als unvorstellbare Ungerechtigkeit empfinden – dass Frauen nicht wählen durften oder rechtlich ihrem Ehemann unterstellt waren – wurden damals mit genau derselben Begründung verteidigt: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Tierschutz und Feminismus haben dasselbe Anliegen

Feminismus bedeutet, sich gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt zu stellen, vor allem an Frauen. Es geht darum, Machtstrukturen sichtbar zu machen und zu hinterfragen – und sich für Gleichberechtigung einzusetzen. Genau deshalb stellte sich für mich irgendwann eine Frage, die ich lange ausgeblendet habe: Warum endet dieser Anspruch bei Tieren? Warum analysieren wir strukturelle Gewalt und akzeptieren gleichzeitig ein System, in dem fühlende Lebewesen als Produktionsmittel existieren? Nicht, weil wir darauf angewiesen wären, sondern weil wir es gewohnt sind.

Die Gewalt trifft vor allem weibliche Körper

Besonders deutlich wird dieser Widerspruch bei den weiblichen Körpern in der Tierindustrie. Eine Milchkuh ist vor allem eines: Eine Mutter. Eine Kuh gibt nämlich nicht einfach Milch. Sie muss dafür wie jedes Säugetier schwanger sein, immer wieder, also wird sie durchgehend besamt. Ihr Kind wird ihr kurz nach der Geburt weggenommen, damit die Muttermilch verkauft werden kann. Jede Kuh trägt eine Ohrmarke, eine Nummer. Kein Name, kein Individuum, sondern Teil eines Systems. Ist das Kind männlich, wird es oft sehr früh getötet oder verkauft, meist ins Ausland. Ist es weiblich, beginnt der gleiche Kreislauf.

Eine Milchkuh ist vor allem eines: Eine Mutter.

Auch in der Schweineindustrie sind es die Mütter, deren Körper kontrolliert werden. Sie stehen oder liegen in engen Metallkäfigen, so klein, dass sie sich nicht einmal umdrehen können. Sie können kein Strohnest bauen, sich kaum um ihre Jungen kümmern – Dinge, die eigentlich zu ihrem natürlichen Verhalten gehören.

Bei Hühnern zeigt sich das Prinzip anders, aber nicht weniger drastisch. Ein Huhn legt zur Fortpflanzung etwa 20 bis 30 Eier im Jahr. Die für den menschlichen Verzehr qual-gezüchtete „Legerasse“ legt heutzutage mehr als das Zehnfache – nämlich über 300 Eier im Jahr. Das führt zu massiven Entzündungen und qualvollen Schmerzen für die Tiere und zum frühen Tod. Auch hier gilt: Nur weibliche Tiere sind „nützlich“. Die anderen werden aussortiert.

Diese Realität existiert unabhängig davon, ob wir sie sehen wollen

Und während all das passiert, haben viele von uns ein ganz anderes Bild im Kopf: Kühe auf grünen Wiesen, Hühner im Freien, eine Art „heile Welt“, wie man sie aus der Werbung kennt. So stellen wir es uns vor.

Doch die Realität in der industriellen Tierhaltung sieht oft anders aus. Viele Tiere leben in engen Ställen, auf harten Böden, mit kaum Zugang zu Tageslicht. Und wenn ihre Leistung nicht mehr genügt, werden sie geschlachtet. Vielleicht funktioniert dieses System auch deshalb so gut, weil wir diese Diskrepanz selten wirklich sehen.

Von „Aww süß“ zu „Hmm lecker“

Diese Widersprüche zeigen sich auch darin, wie wir Tiere einteilen. Wir unterscheiden ganz selbstverständlich zwischen „Haustieren“ und „Nutztieren“. Wir halten an, um einen verletzten Igel von der Straße zu tragen. Wir empören uns über Tierquälerei, unterschreiben Petitionen, teilen Beiträge. Die Tötungsstationen für Hunde und Katzen in Kroatien? Skandal! Und gleichzeitig bestellen wir uns abends eine Käse-Salami-Pizza.

Ein Hund ist ein Familienmitglied. Wenn er stirbt, wird er betrauert, manchmal sogar beerdigt. Andere Tiere essen wir. Der Unterschied liegt nicht in ihnen, sondern in der Rolle, die wir ihnen geben. Die aus unserer Sicht hübschen, süßen und intelligenten Tiere schützen wir, alle anderen sind egal. Diese Unterscheidung nennt sich Speziesismus.

„Aber Bio!“ – und andere Beruhigungsgeschichten

Oft beruhigen wir uns mit dem Gedanken, dass es „okay“ sei, Tiere zu essen, solange sie ein gutes Leben hatten. Aber würde dieses Prinzip irgendwo anders für uns funktionieren? Eine geliebte Katze, die ein schönes Leben hatte, wird nicht am Ende getötet und gegessen. Warum also andere Tiere? Die Frage ist nicht nur, wie ein Leben verläuft, sondern auch, wie es endet – und ob dieses Ende notwendig ist. Gibt es überhaupt Ausbeutung, die respektvoll sein kann?

Auch wenn man jetzt als Vegetarier:in denkt: „Für mich stirbt zumindest kein Tier“ – leidet es trotzdem ein Leben lang qualvoll für den eigenen Genuss. Bei genauerem Hinsehen bleibt nämlich die systemische Nutzung bestehen, denn auch für Milch und Eier werden Körper beansprucht und Lebenszyklen fremdbestimmt. Es ist erneut eine Frage der kulturellen Prägung: Würden wir Eier von Raben essen oder Milch von Hunden trinken?

Die Würde eines Lebewesens sollte unabhängig von seiner Leistung sein.

Während wir für uns selbst das Recht auf körperliche Selbstbestimmung beanspruchen, ignorieren wir es bei Tieren. Als Frau kann man sich entscheiden Mutter zu sein, eine Kuh in der Milchindustrie kann das nicht. Es geht im Kern darum, ob wir die Existenz eines Lebewesens nur dann anerkennen, wenn es uns einen Nutzen bringt. Bei schutzbedürftigen Menschen wie Kindern oder Menschen mit Behinderung haben wir uns längst darauf geeinigt, dass ihre Würde unabhängig von ihrer Leistung ist – Veganismus versucht diesen ethischen Kreis konsequent zu erweitern.

Ich war selbst zehn Jahre stolze Vegetarierin

Ich schreibe das nicht, weil ich selbst immer konsequent gewesen wäre. Im Gegenteil. Ich erkenne mich in vielen dieser Widersprüche selbst wieder. Ich habe mich lange als tierlieb verstanden und gleichzeitig Produkte konsumiert, für die Tiere leiden und sterben. Ich bin erst seit einem Jahr vegan und ich weiß, wie schwer diese Entscheidung sein kann. Gerade weil Dinge wie Käse oder Milch einfach gut schmecken. Das ist nichts, was man ehrlich leugnen kann. Es ist nämlich keine Frage des Geschmacks, sondern der Moral. Ich könnte kein Tier selbst töten oder ausbeuten, deshalb möchte ich auch niemanden dafür bezahlen, das zu tun.

Keine Frage des Geschmacks, sondern der Moral.

Meine Entscheidung war kein großer Moment. Eher ein Prozess. Ein langsames Unbehagen, das sich irgendwann nicht mehr ignorieren ließ. Je mehr ich wusste, desto angeekelter wurde ich. Und irgendwann habe ich einfach angefangen. Ohne großes Statement, ohne Ankündigung. Aber plötzlich war es überall Thema: Beim Essen mit Freund:innen, auf einer Feier mit Buffet und immer, wenn im Alltag jemand etwas anbietet. Mir ist erst da wirklich bewusst geworden, wie normalisiert Tierausbeutung eigentlich ist und dass es weniger eine Ernährungsumstellung als eine soziale und moralische Entscheidung ist, vegan zu leben. Das Thema ist so aufgeladen, weil es unser inneres Wertesystem angreift.

Veganismus und Männlichkeit

In unserer Gesellschaft ist erstaunlich vieles entlang von Geschlechterrollen organisiert – selbst das, was wir essen. Fleisch gilt oft noch als Symbol für Stärke, für Wohlstand, für Männlichkeit. Das Bild ist vertraut: der Mann am Grill, die Frau, die den Salat vorbereitet. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass gerade Männer ihren Fleischkonsum besonders vehement verteidigen.

Tofu ist feministisch.

Veganismus passt nicht in dieses Bild. Pflanzliche Ernährung wird häufig als „weich“, „verzichtend“ oder sogar als unmännlich gelesen – Stichwort Tofu. Wie absurd diese Abwehrreaktionen sein können, zeigt ein Beispiel aus der Gaming-Kultur: Als ein Spiel nur eine nicht-sexualisierte weibliche Hauptfigur hatte, folgte ein sexistischer Aufschrei von Männern. Eine echte Immersion – ein ‚Eintauchen‘ in die Welt des Spiels – sei dadurch nicht möglich, hieß es. Dass die Entwickler daraufhin fast schon satirisch einen Tofublock als zweiten spielbaren Charakter alternativ anboten, verdeutlicht die Schnittstelle. Sowohl die Abkehr von Geschlechterklischees als auch der Griff zum Tofu rütteln an patriarchal geprägten Machtstrukturen. In diesem Sinne ist Tofu tatsächlich feministisch.

Es ist bezeichnend, dass „Testosteron-Gurus“ im Netz Mythen streuen, Soja würde Brüste wachsen lassen oder impotent machen. Obwohl die Wissenschaft dies längst widerlegt hat, halten sich diese Ängste hartnäckig. Sie zeigen, wie eng das klassische Männlichkeitsbild mit Angst vor Weiblichkeit, Härte und der Kontrolle über „schwächere“ Lebewesen verknüpft ist.

Dabei hat Veganismus nichts mit Geschlecht zu tun. Er fordert etwas, das im klassischen Männlichkeitsbild lange keinen Platz hatte: Empathie. Die Bereitschaft, Leid wahrzunehmen und das eigene Verhalten daran auszurichten. Und genau das scheint für manche irritierend zu sein.

Ein häufiges Gegenargument: Die Nährstoffversorgung

Grundsätzlich kann jede Ernährungsform gesund oder unausgewogen sein. Eine gut geplante pflanzliche Ernährung ist oft mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden, da sie häufig mit mehr Gemüse und unverarbeiteten Lebensmitteln einhergeht.

Vitamin B12 ist der meistgenannte Punkt als Argument gegen eine pflanzliche Ernährung, da es supplementiert werden sollte. Was viele nicht wissen: B12 wird weder von Tieren, Pflanzen oder Menschen selbst produziert – sondern von Mikroorganismen. Studien zeigen, dass sich B12 an Pilzen, Fermentiertem und auch an Algen findet. Früher nahmen Menschen es meist über ungewaschene Rohkost auf, durch Bakterien aus dem Boden. Ein Weg, der heute aufgrund von Pestiziden und Hygienestandards weder möglich noch ratsam ist.

Wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft, aber fordern „Natürlichkeit“.

Der Clou an der Sache: Durch die moderne Massentierhaltung und den fehlenden Kontakt zu natürlichen Böden leiden die Tiere in Betrieben (auch Bio) heute selbst unter akutem B12-Mangel. Deshalb werden dem Tierfutter und der Milch in der konventionellen Industrie Vitamine und Zusätze beigemischt. Wer tierisch isst, supplementiert also auch – nur eben indirekt über den Umweg Tierkörper. In der pflanzlichen Ernährung wird dieser Prozess lediglich abgekürzt und das Vitamin direkt eingenommen. Es ist keine Frage der „Natürlichkeit“. Wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft, genießen moderne Medizin und Technologie, aber pochen bei der Ernährung weiterhin auf alte Strukturen, die nicht haltbar sind.

Landwirt:innen bei der Debatte nicht vergessen

Ein oft vernachlässigter Aspekt ist der Blick zu den Betrieben selbst. Dabei geht es nicht um individuelle Schuld. Viele Landwirt:innen arbeiten in Strukturen, die historisch gewachsen sind und in denen echte Alternativen oft fehlen. Tierhaltung ist für viele kein abstraktes „Entscheiden“, sondern wirtschaftliche Realität und Teil eines Systems, das sich über Jahrzehnte stabilisiert hat.

Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass es andere Wege geben kann: erste Umstellungen, Lebenshöfe und Sanctuaries, in denen Tiere nicht mehr als Produktionsmittel, sondern als Lebewesen betrachtet werden. Landwirt:innen, die ihre Betriebe umstellen, zeigen, dass Veränderung möglich ist. Das verändert nicht sofort das ganze System, aber es zeigt, dass Landwirtschaft nicht zwangsläufig an Ausbeutung gebunden sein muss.

Ehrlichkeit statt Perfektionismus

Dabei ist klar: Veganismus ist in unserer Gesellschaft auch eine Frage von Privilegien – vor allem zeitlichen. Wer zwischen Jobs und Care-Arbeit rotiert, hat keine Kapazität für selbstgemachten Cashew-Käse. Ethik muss man sich zeitlich leisten können. Doch genau hier liegt der Punkt: Es geht nicht darum, das Leben komplizierter zu machen, sondern im Rahmen der eigenen Möglichkeiten umzudenken.

Einfach klein anfangen

Heute ist es nämlich so einfach wie noch nie, klein anzufangen. Man muss keine Zutatenlisten studieren, um öfter mal zur Mandelmilch oder zum Linseneintopf zu greifen. Es gibt immer mehr pflanzliche Alternativen, immer mehr Menschen setzen sich damit auseinander, und vieles, was früher kompliziert wirkte, ist längst mit dem Vegan-Label im Alltag angekommen. Es geht auch gar nicht darum, alles sofort perfekt zu machen, sondern überhaupt anzufangen – Dinge auszuprobieren, Gewohnheiten zu hinterfragen und sich Schritt für Schritt heranzutasten.

Jeder Schritt verschiebt etwas.

Dass eine pflanzliche Ernährung nebenbei positive Effekte auch auf das Klima hat, ist kein Geheimnis mehr. Und trotzdem bleibt die eigentliche Frage eine andere: nicht, was wir gewinnen, sondern was wir bereit sind zu hinterfragen. Denn oft scheitert Veränderung nicht an Möglichkeiten, sondern an Routinen, an Bequemlichkeit, an dem Gefühl, dass es „jetzt auch keinen Unterschied mehr macht“. Aber das stimmt nicht. Jeder Schritt verschiebt etwas. Und es ist nie zu spät, damit anzufangen.

Ich habe selbst lange gebraucht, um meine eigenen Widersprüche zu erkennen. Nicht, weil die Informationen gefehlt hätten, sondern weil es einfacher war, sie zu ignorieren. Tiere haben keine Stimme, sie können sich nicht wehren. Gerade deshalb liegt es an uns, hinzusehen. Sie leben mit uns, nicht für uns. Und vielleicht geht es am Ende genau darum, sich ehrlich zu fragen, ob wir Gewalt an anderen Lebewesen wirklich ablehnen – oder nur dann, wenn sie uns nicht betrifft.

Tiere leben mit uns, nicht für uns.

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