Sexualität findet im Rahmen verschiedenster Bindungs- und Beziehungsmodelle statt. Bringt ein One-Night-Stand unausweichliche Enttäuschung oder doch ultimative Freiheit?
Die enttäuschendste Überraschungstüte am Markt
Von Katharina Isser
Das Für und Wider zwischen Monogamie und Promiskuität ist mindestens so alt wie die Verhütung. Lange war Monogamie eindeutig das Standardmodell mit Legitimitätsmonopol, zumindest für Frauen. Wer sexuell einen Blick aus dem eigenen Ehebett wagte (oder, Gott verhüte, ans andere Ufer) oder sich gar schon vor der Ehe der Fleischeslust hingegeben hatte, galt als unrein und sündhaft.
Dass das Bullshit ist, ist irgendwie logisch. Sex mit vielen wechselnden Partnern zu haben, macht jemanden weder schmutzig, noch ist es irgendwie moralisch verwerflich. Allerdings ist es unglaublich, unglaublich anstrengend.
Zuerst muss man sich jemanden organisieren, sich beispielsweise durch dutzende Tinder-Profile swipen (wenn man nicht eh schon alle durch hat), ein Gespräch mit jemandem aufbauen und ein Treffen einfädeln. Nur um sich dort, bevor man zur Hauptaktivität des Abends überschreitet, eine Stunde lang anhören zu dürfen, was jemandes Lieblingsfarbe ist, ob die Person Geschwister hat und dass die Ex des Gegenübers „voll psycho“ war.
Oder man überspringt diese Phase des Prozesses, landet direkt in der Horizontalen und weiß dann nicht einmal, welchen Namen man beim Orgasmus rufen soll. Wenn es überhaupt zu einem kommt (Hahaha. Ha). Besonders für Frauen kann das ganze Theater nämlich ein sehr unbefriedigendes Ende nehmen, wenn eine Person nicht weiß, was beim Sex gefällt, was funktioniert und was nicht – schließlich macht der Orgasm-Gap dem Pay-Gap in Sachen Breite Konkurrenz. Man hat kaum Zeit, sich aufeinander einzustimmen, und muss beim nächsten Mal (neue Person, neues Glück) wieder ganz von vorne anfangen. Das ganze Prozedere ist ermüdend und ungewiss. Da lob ich mir die Monogamie, das überraschungsfreie Beziehungsmodell. Da ist der Sex zumindest immer gleich schlecht.
Noch dazu fällt beim Gelegenheitssex die Intimität weg. Sex mit Fremden ist oft eher wie Konsum, irgendwo zwischen Selbstbewusstseinsbestätigung und sexueller Bedürfnisbewältigung. Etwas sehr Gemeinschaftliches wird auf einmal vom Individualismus dominiert; es geht nicht um Uns, sondern um Mich. In einer Beziehung kann man schlechten Sex vielleicht noch eher tolerieren, wenn man die Person (hoffentlich) zumindest mag. Wenn ich mich aber nur mit einer Person abgebe, damit ich einen Orgasmus abstauben kann, und das dann nicht passiert, wurden nur Zeit und Kondome verschwendet – und die sind bekanntlich beide bares Geld.
Frei Ficken statt Zwangsjacke
Von Rosa Schmitz
Monogamie? Ist doch wie Zwangsjacke. Wer will sich die schon freiwillig anziehen? Dadurch gibt es Sicherheit? Ha. Geht doch eh fast jeder fremd. „Ich bin dir treu.“ Ist doch meist Fake News. Zum Einlullen.
Brauch ich alles nicht. Laberei mit Hundeblick. Außerdem habe ich schon mit mir selbst genug zu tun. Mich ständig „auseinandersetzen“ will ich nicht. Mich festlegen? Oh Gott, nein. Nichts geht über meine Freiheit. Meine eigenen Emotionen machen es mir eh schon schwer genug.
Beziehungs-Debatten sind immer kompliziert. Nervenaufwendig. Unsexy. Ich will’s einfach. Eine gemeinsame Nacht – ohne Gefühle, einfach Spaß. Höchstens zwei. Dann ist es Zeit, auf Distanz zu gehen. Wenn einer lästig wird, ist Ghosting eine Option. SMS und Anrufe einfach unbeantwortet lassen… Irgendwelche Erklärungen abgeben? Lieber nicht. Ich will mich nicht rechtfertigen.
Manche Typen meinen, ich spiel Spielchen. Dabei tue ich denen, die ich abwimmel, einen Gefallen. Es würde eh nicht gut gehen mit uns. Bei zu vielen Ansprüchen.
Im Bett bin ich gut. Doch was hab ich eigentlich sonst zu bieten, was Bindungen begünstigt? Ich bin eine einsame Wölfin. So bin ich eben. Nichts dagegen zu machen. Liegt in meinen Genen.
Zumindest sag ich das so… Damit sich keiner falsche Hoffnungen macht.
Auch wenn ich jemanden mag, finde ich ihn nicht jeden Tag toll, alles schon gar nicht. Ich hege Zweifel, habe Bedenken, ob ich bleiben will. Bei einer idealen Beziehung dürfte das nicht sein.
Ein- oder zweimal dachte ich, dass es sich vielleicht lohnt, langfristig, mich auf einen bestimmten Typen einzulassen. Hat ja doch was. Vielleicht. Sex ohne Aufwand. Ohne Kondom – ein Bonus, denn billig sind die Gummis ja nicht und fühlen tu ich damit auch nie was. Man kann sich einen Netflix-Account teilen. Und nachts muss man nicht noch die Dating-Apps absuchen, damit man nicht einsam ist.
Aber lieben… geliebt werden… Das ist immer mit Forderungen verbunden. Außerdem ist Offenheit gefährlich. Sie macht verletzlich.
Was wäre, wenn ich mich mal tatsächlich in einem Typen verliere? Meine Bedenken, die manche Hilfspsychos mir als „Ängste“ vorhalten, überwinde. Und einfach rein springe? Und wenn er dann geht? Wär doch blöd. Ich wäre die Verlassene. Peinlich. Besser, ich riskier es nicht.
Dieser Text erschien erstmals in der zurückgezogenen Ausgabe vom Sommersemester 2022. Für die Wiederveröffentlichung wurde er leicht überarbeitet.