Kaufrausch trifft auf Verkaufsfieber. Keine Alkoholsucht oder Grippe, sondern die Lösung all deiner modebasierten Probleme. Das Kleid, das dich seit Mittelschulzeiten verfolgt? Bald zehn Euro in deiner Tasche – vielleicht reicht das schon für eine neue Tasche? Neues tragen und Altes nicht mehr ertragen müssen: Das ist die Prämisse von Vinted, einer App zum Kaufen und Verkaufen von Kleidung und anderen Gegenständen. Wie bei einem Flohmarkt gibt es Schnäppchen zu entdecken und Deals zu machen, ganz ohne Chaos und Kaffeeflecken.
Flohmarkt im Taschenformat
Vinted ist wie ein digitaler Flohmarkt, nur ohne die Notwendigkeit, das Haus zu verlassen, Smalltalk zu führen und dem (Ver-)Käufer beim Verhandeln in die Augen sehen zu müssen. Neben Schnäppchen ist es auch ein nachhaltiger Weg an neue Kleidung zu kommen, insbesondere wenn es sich um Secondhand Fast Fashion handelt oder du nach einer bestimmten Marke suchst. Vinted ist auch für Voyeurist:innen geeignet – immerhin bietet die App eine Möglichkeit, sich durch fremde Kleiderschränke zu klicken und einen Blick in die Modewelt anderer Leute zu erhaschen. Hier sollte man jedoch auf der Verkaufsseite aufpassen, da es tatsächlich Menschen gibt, die sich nicht nur an den präsentierten Kleidungsstücken erfreuen. Wenn also jemand besonders intensiv über den Zustand gewisser Kleidung nachfragt oder man insbesondere freizügige Klamotten hochlädt, empfiehlt sich ein gewisser Pessimismus gegenüber der Natur des Gegenübers.

Wenn der Preis stimmt, ist alles möglich
Wo der Flohmarkt zu unangenehmen Konfrontationen oder der Verleugnung der eigenen Verhandlungstalente einlädt, kann man auf Vinted seine strategische Ader entfalten lassen. Zwar gibt der Verkaufende die Preise an, doch ist es ganz einfach, diese Vorstellung per Knopfdruck anzufechten und ganz nonchalant ein Gegenangebot zu machen, ohne in eine unangenehme Verhandlungsdynamik zu geraten. Es ist wie ein Tanz: Angebot. Gegenangebot. Deal. Unkompliziert und so persönlich, wie man es selbst haben will. Natürlich kann man auch mit dem (Ver-)Käufer kommunizieren und diesem sogar wie auf Social Media Plattformen folgen, aber wer sich eher auf der scheuen Seite sieht, der kommt auch (fast) ohne Interaktion aus. Die Lieferkosten beschränken sich ebenfalls auf ein Minimum. Während der Verkäufer pauschal von jeglichen Versandkosten befreit ist, muss der Kaufende – je nach Paketgröße – ebenfalls nur einen Bruchteil von dem zahlen, was bei einem normalen Versand verlangt wird.
„Soll ich’s oder soll ich’s nicht?“
Natürlich gibt es auch die immerwährende Frage, die beim Stöbern quält: „Soll ich wirklich diese Bluse aus den 2010er Jahren kaufen? Was, wenn sie auch die Geister der Vergangenheit mit sich trägt – und nach ihnen riecht?“ Hier schaffen die Bewertungen Abhilfe. Sie sind das goldene Werkzeug, das (Ver-)Kaufende vor bösen Geistern bewahrt. Auch der Verkäuferschutz, der den Kaufenden bei jeder Transaktion ein paar Cent kostet, schafft ein Sicherheitsnetz bezüglich Datenschutz, sicherem Geldtransfer und Rückerstattung. Der Versand kann ebenfalls transparent nachverfolgt werden und beide Parteien wissen jederzeit Bescheid, wo sich das Paket gerade befindet. George Orwell wäre entsetzt.

Der Tanz: Verkauf-POV
Aus Sicht des Verkaufenden kann man sich den Prozess in etwa so vorstellen: Du stehst vor deinem Kleiderschrank und greifst nach allem, was sich in den Ecken versteckt und dich mit Ekel verschreckt. Dann machst du davon ein Foto, fügst eine kurze Beschreibung hinzu („Weiße Bluse. Macht ein super Dekolleté, Lieblingstop vom Ex, sucht neue Augen, um gebührend gewürdigt zu werden“), legst den Preis und wenige weitere Details fest, und schon ist dein Kleidungsstück wieder auf dem Markt. Dann kann es direkt gekauft werden oder dir wird ein Gegenangebot geboten, das du ganz einfach annehmen oder ablehnen kannst. Wenn der Deal dann festgelegt worden ist, erhältst du einen Versandschein, den du entweder ausdrucken oder digital vorzeigen kannst, wenn du das Paket dann aufgibst. Sobald der Kaufende es dann erhalten hat, bekommst du eine Bestätigung, eine Bewertung und das Geld direkt aufs Vinted-Konto, wo du es entweder direkt für eigene Käufe benutzen oder es auf dein Konto buchen kannst.
Das Ganze gilt übrigens auch für jegliche andere Gegenstände, angefangen von Büchern bis hin zur PS5. Versandkosten spielen hierbei keine Rolle, also gern auch das 2kg Sammelbuch nach Italien versenden. Jedoch muss man trotz Regelwerk und Hilfe-Center im Auge behalten, dass es immer wieder Käufer gibt, die es nicht gut mit einem meinen und bei denen Pakete auf mysteriöse Art verschwinden. Hier tritt jedoch der Verkäuferschutz in Kraft, der vor solchen Begebenheiten schützen soll.
Der Tanz: Kauf-POV
Als Kaufender läuft das ganze mindestens genauso einfach. Zum Leiden so mancher Geldtasche. Man sucht nach Kleidungsstücken oder verlässt sich auf den gemein-guten Algorithmus, der immer mehr maßgeschneiderte Sachen vorschlägt. Dann klickt man entweder direkt auf Kaufen oder macht ein Gegenangebot, der Versand ist hierbei schon im Preis inkludiert und umfasst meist wenige Cent bis wenige Euro. Dann darf man als Kaufender die Versandmethode auswählen, legt entweder die Wohnadresse oder die gewünschte Abholstation fest, und innerhalb von meist wenigen Tagen ist das neue alte Kleidungsstück schon da.
Es empfiehlt sich, die Bewertungen der Verkaufsperson durchzulesen, um abzuwägen, ob es sich um einen Kettenraucher, Serienscammer oder, wie in den meisten Fällen, einen absolut normalen Menschen mit Kaufs- und Verkaufsambitionen handelt.
Fazit: Vinted – Dein neues altes
Vinted hat die Menschheit durchschaut. Im Grunde wollen wir alle kleine Schätze und große Schnäppchen entdecken. Vinted hat das Konzept des traditionellen Flohmarkts revolutioniert und unterstützt unsere kollektive Schnäppchensucht und Business-Ader. Retail-Therapy vom Feinsten. Dazu noch bequem von zuhause mit dem Kuss von Nachhaltigkeit im Nacken und der Möglichkeit, quid-pro-quo Platz im Kleiderschrank zu machen und trotz Käufen vielleicht sogar mit einem Gewinn auszusteigen.
Und noch ein kleiner Blick hinter die Kulissen: Ich selbst hab innerhalb eines Monats 100€ auf Vinted verdient (wie viel dabei wieder ausgegeben worden ist, bleibt redaktionelles Geheimnis).