„Trauern ist wie eine Heilsalbe“

von Anna Mayr
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Über das Leben, das Sterben und den Tod — ein Gespräch mit Maria Streli-Wolf, Leiterin der Kontaktstelle Trauer im Hospiz in Hall.

Gut zehn Kilometer östlich von Innsbruck in der kleinen Gemeinde Hall liegt das Hospizhaus Tirol. „Nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben“, ist einer der Sprüche, die an der Holzwand in der hellen Eingangshalle hängen. Maria Streli-Wolf leitet die Kontaktstelle Trauer der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft. Sie spricht über die Arbeit des Hospizes, den Umgang mit dem Tod und wie sich ihr Blick auf das Lebensende gewandelt hat.

Frau Streli-Wolf, wie hilft das Hospiz schwer kranken Menschen, den verbleibenden Tagen mehr Leben zu geben?

Im Hospiz steht nicht die Heilung, sondern das Lindern der Krankheit im Vordergrund. Um die Leiden der Menschen zu lindern, braucht es einerseits eine hohe fachliche Kompetenz. Denn ein Mensch, der unter wahnsinnigen Schmerzen, Übelkeit und Atemnot leidet, hat keinerlei Lebensqualität mehr. Andererseits braucht es Zuwendung: Für den Menschen da zu sein, ihm zuzuhören, ihn zu fragen, was er braucht. Es geht darum, den Menschen als solchen mit seinen Bedürfnissen und Eigenarten zu sehen — und nicht nur seine Krankheit.

Unter welchen Erkrankungen leiden Menschen, die ins Hospiz kommen?

Die meisten unserer Patient:innen haben Krebs. Besonders im Endstadium ist diese Krankheit mit starken Schmerzen, teils offenen Wunden verbunden und braucht daher eine sehr intensive medizinische und pflegerische Betreuung. Ein weiteres häufiges Krankheitsbild sind neurologische Erkrankungen, wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), die unter anderem Muskelschwund verursacht.

Ist das Hospiz für alle Patient:innen unmittelbar die letzte Station vor dem Tod?

Wenn man „Hospiz“ hört, ist das für viele zunächst ein Schreck, als wäre es der allerletzte Weg. Doch wenn die Menschen zu uns kommen, heißt das nicht zwingend, dass sie in den nächsten zwei Wochen sterben. Die verbleibende Zeit ist sehr relativ. Viele unser Patient:innen kommen in unser Haus und merken: „Hier ist es ja gar nicht so schlimm.“ Und nicht jeder, der ins Hospiz kommt, stirbt hier. Es gehen fast ein Drittel der Menschen wieder nach Hause, nachdem sie hier betreut wurden und beispielsweise eine gute medikamentöse Einstellung bekommen haben.

Trotzdem ist der Tod ständig präsent.

Ja, es kann gut sein, dass genau in diesem Moment jemand stirbt und die Bestatter:in kommt. Natürlich ist das eine sehr spezielle Situation mit spezieller Wirkung. Aber bei uns wird das Leben mit all seinen Facetten — der Freude, der Trauer und dem Leid — angenommen. Deswegen haben wir uns auch bewusst entschieden, den Tod nicht zu verstecken. Die Menschen kommen und gehen durch die Eingangstür, entweder zurück nach Hause oder eben, weil sie gestorben sind und im Sarg herausgebracht werden.

 

Der Alltag im Hospiz: Wenn Patient:innen verstorben sind, stellen Streli-Wolf und ihre Mitarbeiter diese Schale vor die Zimmertür. Dort bleibt sie, bis die Bestatter:innen kommen.

Jeder von uns ist früher oder später mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert. Kann man Trauer jemals bewältigen?

Nein, Trauer kann man nur leben. Wenn jemand einen großen Abschied durchleidet, ist die Trauer die normale, gesunde, heilsame und schmerzhafte Reaktion auf diesen schweren Verlust. Es ist wie eine Heilsalbe. Beim Trauern geht es darum, die Gefühle zuzulassen. Man soll sich erlauben, zu trauern, erschöpft zu sein und für eine gewisse Zeit nicht zu funktionieren. Die Trauer wird sich verändern, aber nur, wenn man sie lebt.

Wie hilft das Hospiz Menschen, die trauern?

In unserem Hospiz gibt es für alle Trauernden, egal ob sie zuvor mit dem Hospiz zu tun hatten oder nicht, drei kostenlose Beratungsgespräche. Zudem haben wir Trauergruppen, auch speziell für junge Erwachsene. Diese haben es oft noch schwerer, weil nur wenige Menschen in ihrem Umfeld eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. In den Trauergruppen treffen wir uns regelmäßig. Es gibt aber auch andere Angebote, wie Trauerspaziergänge, -wanderungen oder gemeinsam rodeln zu gehen.

Oft versichert man einer geliebten Person, die durch eine schwierige Phase geht: „Ich bin für dich da.“ Wie kann man tatsächlich für seine Liebsten da sein?

Konkrete Hilfsangebote sind wichtig: „Soll ich dir für morgen eine Suppe kochen? Sollen wir gemeinsam zum Grab fahren?“ Auf ein einfaches „Melde dich, wenn ich dir helfen kann“, gehen die wenigsten wirklich ein. Und jeder Mensch trauert anders. Mal braucht er Ruhe, dann wieder jemanden zum Reden. Trauer ist nicht in ein paar Monaten erledigt. Man sollte der nahestehenden Person diese Zeit lassen. Tröstlich ist auch, dieser Person am Todestag, an Weihnachten, am Geburtstag der verstorbenen Person zu schreiben: „Ich denke an dich, heute ist bestimmt ein schwerer Tag.“

Sie arbeiten nun seit 18 Jahren im Hospiz. Wieso haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Schon als Jugendliche habe ich mich sehr für den Tod interessiert und viele Bücher über Nahtoderfahrungen gelesen. Als Erwachsene habe ich in der Schwangerschaft zwei meiner Kinder verloren. Diese Erfahrung war sehr prägend: Zu spüren, dass wir über den Tod keine Macht haben, und sich der Trauer zu stellen. Als gelernte Journalistin habe ich zunächst die Öffentlichkeitsarbeit im Hospiz betreut und leite jetzt nach mehreren Ausbildungen und einem Studium der Erziehungswissenschaften die Kontaktstelle Trauer.

Welche Erfahrungen sind Ihnen bei Ihrer Arbeit besonders in Erinnerung geblieben?

Da gibt es sehr viele. Einmal hatten wir eine Patientin mit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), die sehr schwach war und im Rollstuhl saß. Ihr großer Wunsch war es, ein letztes Mal von der Seegrube auf Innsbruck zu schauen. Das war mit einem großen Aufwand verbunden und hat sie viel Kraft gekostet. Oben angekommen hat ihr Gesicht — das durch die Krankheit bereits sehr eingefallen war — gestrahlt. Das werde ich nie vergessen. Letztlich sind es aber, wie immer im Leben, die kleinen Alltäglichkeiten. Wenn Patient:innen sagen, sie seien noch nie so gut behandelt worden wie bei uns. Wenn sie sagen: „Ich bin hier viel mehr als meine Krankheit.“

 

© THG / Gerhard Berger

Die meisten Patient:innen, die das Hospiz betreut, leiden unter Krebs oder neurologischen Erkrankungen.

Wie hat sich Ihr Blick auf das Lebensende durch die Arbeit im Hospiz geändert?

Als Agnostikerin weiß ich nicht, ob und was es nach dem Tod gibt. Vor meiner Arbeit habe ich den Tod mit viel Angst verbunden, die sich nun gemindert hat. Ich habe mich intensiv mit meinem Leben auseinandergesetzt und mich gefragt, was mir wichtig ist. Wenn man das lebt, ist es vielleicht auch leichter, sich mit dem Lebensende einmal einverstanden zu erklären. Das hoffe ich zumindest.

 

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