Auch die Klinik wird weihnachtlich geschmückt. Für viele Patient:innen gibt es sogar ein Weihnachtsmenü. Familien und Freund:innen kommen zu Besuch, Geschenke und Karten werden verteilt. Die besondere Stimmung bleibt nicht fern. Trotzdem ist Heiligabend hier anders. Für Ärzt:innen und Pfleger:innen handelt es sich um einen Arbeitstag. Manche Patient:innen sind allein. Es ist ein Anlass zum Hinterfragen: Muss man an Weihnachten bei der Familie sein? Was bedeutet Schenken eigentlich? Und welche Erwartungen haben wir?
Svenja und Sophia kennen Weihnachten in der Klinik aus der Patientenperspektive, Alex die Gegenseite: Sie hat an Weihnachten schon im Krankenhaus gearbeitet. Sie alle erzählen von den Schattenseiten, aber auch von den schönen Momenten. Und davon, was dem Weihnachtszauber innewohnt.
„Das Wichtigste: Man ist nicht allein.“
Svenja ist 21. Vor einem Jahr verbrachte sie die Weihnachtszeit in der Psychosomatischen Klinik in Rosenheim. Dort werden Menschen therapiert, die beispielsweise Traumata oder auch Ess-, Zwangs- oder Persönlichkeitsstörungen haben. In der Klinik war sie in einem Doppelzimmer mit einer Gleichaltrigen. „Ich finde, die Vorweihnachtszeit war den Umständen entsprechend gut gestaltet“, erinnert sie sich. „An Feiertagen oder Adventswochenenden haben wir uns oft im Zimmer getroffen und haben zum Beispiel Punsch gemacht und uns zusammengesetzt“. Das Personal war darum bemüht, dass die Patient:innen an Weihnachten heimfahren konnten. Heiligabend verbrachte sie daher mit ihrer Familie, morgens am 25. fuhr sie wieder zurück. „Ich hatte das Gefühl, dass es irgendwie mit dazugehört, an Weihnachten bei der Familie zu sein“, begründet sie die damalige Entscheidung. Einige ihrer Zimmerkolleginnen seien zusammen in der Klinik geblieben oder gemeinsam zu einer ihrer Familien gefahren. „Das Wichtigste war: Man ist nicht allein.“
Mit Tabu-Themen brechen
Das Weihnachtsfest ist oft mit hohen Erwartungen verbunden. Im besten Fall soll alles harmonisch ablaufen: ein glückliches Familienfest eben. Das kann eine zusätzliche Belastung sein. „Der Druck war schon sehr, sehr groß“, erinnert sich Svenja. Heute weiß sie, dass die Zeit in Therapie für sie sehr wichtig war. „Ich hatte zuhause immer den Druck, dass Weihnachten schön werden muss, dass alles klappt und alle happy sind. Auch dieses Jahr stresst es mich wieder.“ Mittlerweile macht sie sich trotzdem weniger Sorgen, denn erzwingen kann man nichts. „Ich merke, dass ich viel mehr Akzeptanz für die Dinge habe. Ich kann es jetzt auch viel mehr genießen.“
Für Svenja ist es wichtig, über psychische Krankheiten zu sprechen. Sie hatte selbst großen Respekt vor dem Aufenthalt in der Klinik. Dabei spielte auch die Veränderung im Alltag ein Rolle. Zum Beispiel muss man auf der Arbeit kommunizieren, dass man in Therapie gehen will. Svenja möchte anderen Mut machen, den Schritt zur Therapie zu wagen. „Mir hat es wirklich viel geholfen und man hat sehr viel Unterstützung bekommen. Ich kann es allen empfehlen, die darüber nachdenken“.
Geschenke der besonderen Art
Sophia verbrachte Weihnachten bereits zweimal in Österreich in der Klinik, unter anderem in der Schön Klinik in Prien. Dort wurde sie seit dem Sommer stationär behandelt. Im anderen Jahr kam der Aufenthalt über die Weihnachtstage plötzlicher. Da ging sie zwei Tage vor Weihnachten ins Krankenhaus.
Für die Patient:innen gab es Regelungen, wie viel Zeit sie außerhalb der Klinik verbringen durften. In Prien entschied sie sich, an Weihnachten in der Klinik zu bleiben. So konnten Freund:innen und Familie sie auch an den Tagen nach Weihnachten besuchen. Den Heiligabend verbrachte sie mit wenigen anderen Patient:innen. Sie erinnert sich an das nette Personal und ein besonderes Weihnachtsmenü. Trotz der Situation kam bei ihr Weihnachtsstimmung auf. Nicht zuletzt lag das auch am Schnee, den dieses Weihnachten bescherte. „Ich habe es nicht als schlimm in Erinnerung. Trotzdem war es anders als gewohnt. Man hat sich gegenseitig Karten geschenkt und Mut gemacht.“
Auch Besucher:innen können ein Licht in dieser Zeit sein. Am 23. Dezember feierte sie mit Freund:innen aus Tirol, am Weihnachtstag bekam sie Besuch von ihrer Familie. Auch an den Tagen nach Weihnachten hatte sie Besuch um sich. Ihre kleinen Cousinen bastelten ihr eine Weihnachtskrippe. Selbst Mitpatient:innen wurden zu Freund:innen.
„Wenn man kein kleines Kind mehr ist und nicht mehr, wie in unseren Breiten üblich, ans Christkind glaubt, dann ist es nicht so schlimm, wenn an Weihnachten einmal nicht alle zusammen sind.“ Sie denkt dabei auch an andere. Ihre Schwester arbeitet dieses Jahr zum zweiten Mal am Heiligabend. Auch viele andere müssen arbeiten. „Weihnachten ist auch das Fest, an dem man schenkt. Und all jene, die an diesem Tag arbeiten, tun das ganz besonders“. Sie dankt damit der eigenen Schwester und den Pfleger:innen, die ihr Weihnachten besonders machten.
„Man schätzt viel mehr.“
Alex ist Krankenschwester auf der Innsbrucker Strahlentherapiestation. Die 29-Jährige ist eine der vielen, die oft an Weihnachten arbeiten müssen. Das Wort „müssen“ ist bei ihr allerdings fehl am Platz – denn am Weihnachtstag arbeitet sie gern. „Ich arbeite auch sonst gern, aber an Weihnachten ist meine Laune besonders gut. Es herrscht einfach eine besondere Stimmung. Vielleicht auch deshalb, weil ich Weihnachten eben mag.“ In ihrem ersten Dienstjahr arbeitete sie auf der 4A für Infektionskrankheiten, auch an Weihnachten. Im darauffolgenden Jahr ebenso, da war sie auf der Coronastation.
„In der Weihnachtszeit richten wir die Station weihnachtlich her. Damit die Patient:innen auch ein bisschen in Weihnachtsstimmung kommen“. Trotzdem versuchen sie, dass alle, die können, am Heiligabend nach Hause gehen dürfen. Zumindest jene, die mobil und nicht isoliert sind. Besonders für ältere Menschen, die Weihnachten schon viele Male erlebt haben, wäre die Weihnachtszeit oft eher anstrengend. Auch die Besuchszeiten seien wichtig. Angehörige gestalteten dadurch viel mit.
Doch neben den guten sieht auch sie die Schattenseiten. Viele Patient:innen erzählen, dass sie an Weihnachten allein sind. „Im Fernsehen siehst du die Filme, in denen die Familie zusammensitzt. Du weißt: Es gibt Leute, die ihre Familie haben. Und du bist allein. Der Tag ist für manche Menschen nicht einfach“, erzählt Alex. „Oft sind diese Menschen gern zu Weihnachten in der Klinik. Das sehe ich auch bei einigen meiner Patient:innen. Sie sagen, dass sie daheim niemanden haben. Manchmal wollen sie auch nicht mehr heimgehen. Einfach, weil so jemand mit einem redet und für einen da ist.“ Das öffnet einem die Augen für Lebenswelten, die nicht immer sichtbar sind. Und auch dafür, wie wichtig es ist, die eigene Familie schätzen zu wissen.
Ob sie auch dieses Jahr an Weihnachten arbeiten darf, ist noch unklar. Aber freiwillig gemeldet hat sie sich bereits.