Juli 2023: Ich habe seit einigen Jahren eine digitale Identität. Sie trägt meinen Namen, aber verhält sich ganz anders. Ihr Zuhause: Instagram. Ich möchte ein schönes Bild nach außen tragen. Akribisch analysiere ich meine Fotos, überprüfe Likes. Kann ich mich gerade nicht anderweitig beschäftigen, begebe ich mich in die digitale Parallelwelt, die nur einen Klick entfernt ist. Meine Bildschirmzeiten interessieren mich nicht und an Best-Tagen fordert die App-Nutzung mehrere Stunden. Immer wieder scrolle ich durch die Beiträge der anderen und vergleiche mich unterbewusst. Nicht selten werden dadurch persönliche Zweifel verstärkt.
„Instagram hat mich unglücklich gemacht“
Dieser Konflikt zwischen der inszenierten, digitalen Welt und der Wirklichkeit ist nicht nur mein persönlicher. Auch Leute aus meinem Bekanntenkreis berichten von ähnlichen Erfahrungen und haben letztlich ihr Instagram-Konto gelöscht. So empfand meine Cousine (28) das Posten von Inhalten als immer weniger erfüllend. „Ich habe Dinge sehr oft für andere festgehalten und dadurch immer mehr den Fokus auf mein eigenes Leben verloren“, erklärte sie. Und merkte an, dass die digitale Welt für sie keinen Mehrwert brachte: „Diese ganzen Fotos und Videos haben mich überreizt. Mit der Zeit war klar, dass die App eher zur Belastung als zur Bereicherung geworden ist. Sie hat mich unglücklich gemacht.“ Diese Aussage höre ich nicht nur einmal.
Eine Studie der University of Pennsylvania (2018) von Melissa G. Hunt zeigt: Instagram kann das Wohlbefinden seiner Nutzer:innen beeinträchtigen. Idealisierte und ästhetisch ansprechende Inhalte stehen häufig im Vordergrund und führen zu Vergleichen, sodass das eigene Leben oft als unzureichend erscheint. Gleichzeitig verstärkt der Fokus auf Likes und Kommentare den sozialen Druck, Anerkennung von anderen zu erhalten. Das Gefühl, ständig bewertet zu werden, fördert Unsicherheiten. Für viele wirkt das belastend und kann langfristig auch die mentale Gesundheit beeinträchtigen. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass es helfen kann, die eigene Nutzung bewusst zu reduzieren.
Ein langsames Erwachen
Januar 2024: Ich habe keine Zeit, sage ich mir. Der Studienalltag ist fordernd, doch auf meinem Schreibtisch liegen nicht nur Lernunterlagen, sondern auch mein Smartphone ist stets griffbereit. Mein Fokus driftet ab, sobald ich die Instagram-App öffne. Glücklich macht mich die digitale Ablenkung nicht, vielmehr überwiegt das Gefühl, nichts verpassen zu dürfen: Ein klarer Fall von FOMO („Fear of missing out“). Ich setze mir Zeitlimits, merke aber, wie schnell aus dem „Nur noch eine Minute” viele kleine und große Online-Ausflüge werden können. Manchmal hadere ich mit der Frage nach dem Sinn des Scrollens. Doch es wird Monate brauchen, bis ich mein Konsumverhalten aktiv zu hinterfragen beginne.
Aus Nutzung wird Produkt
Eine der häufigsten Aussagen, die mir im Austausch mit ehemaligen Nutzer:innen begegnet, ist, dass die App eine enorme Zeitverschwendung gewesen sei. „In der Zeit, die ich insgesamt auf Insta verbracht habe, hätte ich wahrscheinlich den Großteil meiner Bachelorarbeit machen können“, so mein Kommilitone (23), der sein Instagram-Konto vor einem Jahr löschte. Davor versuchte er bereits, seine Nutzung zu reduzieren, „entfolgte“ etwa Profilen, die ständig seine Aufmerksamkeit forderten. Dennoch: „Ich konnte ja trotzdem noch im Newsfeed weiterscrollen und habe das dann auch weiterhin getan, ich konnte einfach nicht aufhören.“ Die Unterhaltung, die uns die App bietet, hat ihren Preis. Wir bezahlen dafür nicht mit Geld, sondern mit unserer Zeit, unserer Aufmerksamkeit und unseren Daten.
Der Algorithmus ist der unsichtbare Akteur dieses Geschäftsmodells: Er präsentiert den Nutzer:innen Inhalte basierend auf Vorlieben und Interaktionen, sodass sie noch länger online bleiben. Instagram profitiert von den Nutzerdaten und schaltet gezielte Werbung. Der Journalist Andrew Lewis formulierte bereits 2010 auf der Website MetaFilter: „If you are not paying for it, you’re not the customer; you’re the product being sold.“ Nutzer:innen sind also nicht die Kunden, sondern ihre Daten werden an Werbetreibende verkauft – klare Lücken im Datenschutz.
„Social“ Media?
Aus Perspektive der Unternehmen ist Instagram somit eine Chance zur Markenbildung und Kundenansprache, da sie gezielt Inhalte und Werbeanzeigen schalten können. Nur was wird uns, den Nutzer:innen, im Gegenzug dafür geboten? Besonders die hohe Reichweite der Plattform kann helfen, Inhalte einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Damit kann auch Aufmerksamkeit für wichtige gesellschaftliche und soziale Thematiken generiert werden. Die visuelle Ausrichtung fördert zudem den kreativen Austausch und ermöglicht es, Gemeinschaften rund um gemeinsame Interessen zu bilden. Das können etwa Fan-Gemeinschaften sein, die digitale Nähe zu ihren Idolen finden.
Doch was, wenn die Anzahl digitaler „Freunde“ überfordert und Posts eher Neid als Inspiration wecken? Ist es überhaupt Freundschaft, jemanden nur durch geteilte Momentaufnahmen und das „Folgen“ auf Instagram zu kennen? Wie viel Zeit und Energie verdienen solche Beziehungen, die oft oberflächlich bleiben? Hinzu kommt der Punkt, ob alles, was uns andere auf einer Social-Media-Plattform wie Instagram zeigen, der Wahrheit und der Realität entspricht. Natürlich gibt es Menschen, die etwa ungeschönte Momente verstärkt vor die Kamera holen oder über aktuelle Themen aufklären. Doch daneben ist „Fake it till you make it“ zu einem Slogan für ein grundlegendes Problem der digitalen Welt geworden, in der #nofilter keine Selbstverständlichkeit ist.

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Auch stellt sich die Frage, inwieweit Plattformen wie Instagram wirklich essenziell für den Fortbestand von zwischenmenschlichen Beziehungen sind. Die App bietet zwar die Möglichkeit, mit anderen in Verbindung zu bleiben und an deren Leben teilzuhaben, doch es gibt zahlreiche Alternativen, um gute Kontakte auch außerhalb dieser digitalen Welt zu pflegen. Besonders persönliche Begegnungen gewinnen in einer Zeit, in der vieles virtuell abläuft, zunehmend an Wert. Wie es eine ehemalige Nutzerin aus meinem Bekanntenkreis treffend formuliert: „Man hält an den Leuten fest, die auch in der Realität wichtig sind.“ Zwar führte der Abschied von Instagram in diesem Fall dazu, dass „man weniger mitbekommt, was so in der Gegend passiert“, doch letztlich überwiegt die persönliche Erkenntnis: „Ich vermisse Instagram nicht.“
Vom Rechnen und Abrechnen
November 2024: Wenn ich an Instagram denke, tue ich das mit einer gewissen Vorsicht. Die Zeit, die ich der App geschenkt habe, kann ich nicht mehr gegen reale Momente eintauschen. Aber ich kann und möchte mich mittlerweile mehr von dieser Parallelwelt distanzieren. Ich priorisiere echte Wertschätzung über Likes, ein persönliches Gespräch über Posts, Augenblicke der Stille über Scrollen. Manchmal weckt noch Langeweile den Wunsch nach der digitalen Ablenkung. Doch ich merke, wie ich in alltäglichen Situationen geduldiger werde und meine Aufmerksamkeitsspanne wieder wächst.
Die Aufmerksamkeit reichte irgendwann, meinen vergangenen Instagram-Konsum auch mathematisch unter die Lupe zu nehmen. Denn bisher hatte ich meine Bildschirmzeiten völlig ignoriert. Über mehrere Monate hinweg verbrachte ich täglich im Durchschnitt etwa eine Stunde ausschließlich auf dieser App. Hochgerechnet also bis zu 31 Stunden im Monat – macht jährlich über 15 Tage. Ziehe ich als Zwanzigjährige dieselbe Nutzung die kommenden 60 Jahre meines Lebens durch, haben circa 2,5 Jahre dieser Zeit rein auf Instagram stattgefunden.
Für einige Wochen deinstallierte ich schließlich die App, reduzierte danach mein Profil auf ein Minimum. Je weniger Bilder ich vorgesetzt bekomme, desto seltener vergleiche ich mich. Gleichzeitig verspüre ich nicht mehr den Impuls, Momente für andere auf Instagram festzuhalten. Ob ich es dabei belasse oder einen Schritt weitergehe? Die Zukunft meiner digitalen Identität ist jedenfalls noch ungewiss, doch ich fühle mich nicht länger von ihr abhängig. Gelegentlich bleibt nur die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Sie schrumpft, wenn ich mir eine Aussage meiner Cousine ins Gewissen rufe: „Verpasse ich lieber das Leben anderer, oft fremder Leute – oder mein eigenes?“
#Statement zum Schluss?
Paradoxerweise wird dieser Artikel auch auf Instagram geteilt. Das verdeutlicht, wie tief die Plattform bereits in unserer digitalen Gesellschaft verwurzelt ist. Für viele ist sie unverzichtbar, sei es als berufliches Werkzeug, Inspirationsquelle oder als Mittel zur Pflege sozialer Kontakte. Gleichzeitig zeigt ein Blick hinter die Fassade, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Nicht jede Verbindung, die auf Instagram besteht, trägt zum persönlichen Wohlbefinden bei. Angesichts dessen rückt die Idee einer bewussten und verantwortungsvollen Nutzung immer stärker in den Vordergrund. Es stellt sich die Frage: Bringt die aktive Präsenz auf Instagram einen echten Mehrwert, oder könnte ein bewusster Abstand langfristig zu mehr Zufriedenheit führen? Die Antwort darauf ist höchst individuell und setzt eine ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und Prioritäten voraus. Fest steht: Manchmal lohnt es sich durchaus, innezuhalten, aufs Meer der bunten Bilder zu blicken – und zu entscheiden, ob man weiter treibt oder ans Ufer schwimmt.