Sternstunde: Introversion
Das extrovertierte Glas der sozialen Kontakte bleibt in Quarantänezeiten halb voll, voll leer oder wird in der klebrigen 5er-WG für Beer Pong zweckentfremdet. Das Glas der Introvertierten hingegen ist ein schäbiger Pappbecher, der einmal wöchentlich müde und arrhythmisch geschwungen wird und sich schließlich in einer erbärmlichen Ausbeute entleert. Zu besonderen Anlässen geben sie Rauchzeichen ab, um der Polizei zu signalisieren, dass das Kritzeln ihrer Umrisse mit Kreide auf Parkett gerade noch nicht notwendig ist. So oder so ähnlich denkt sich wohl die eine oder andere extrovertierte Persönlichkeit – sofern Sie denn einmal denkt – den archetypischen Soziallegastheniker zusammen. Doch der Komfort des Schafs im Schafspelz, der handzahmen Rampensau, birgt zuverlässige Qualitytime statt Massenabfertigung.
Währenddessen tanzen Extrovertierte Limbo mit niedrigen Erwartungen – und gewinnen. Ziellos pinkeln sie gemeinsam gegen den Wind und sich selbst ans Bein, haben eine notorische Affinität für Eskapaden und recyclen Einwegbeziehungen schneller, als Introvertierte bei überfüllten Festivitäten fluchtartig „mal eben Zigaretten kaufen“ gehen, um daraufhin sofort und für immer aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden – und Zuflucht und Ruhe in den eigenen Armen finden.
Die einzige Selbstreflexion Extrovertierter hingegen spiegelt sich in den jeweiligen Augen ihrer neuen Eroberungen wider. So tümpeln sie fröhlich im Strom der Masse vor sich hin; ziehen Selbstzweifel wie Lines und schlafen nie ruhig in Morpheus Armen ein, denn Monogamie ist das einzig Unvertraute, das sie fürchten. Unsicherheit ertränken sie im nächsten Menschengewimmel und setzen sich ihren nächsten Schuss an Intimität to go in der unbekannten Wohnung des letzten Tinder-Dates. Sie laufen den sozialen Marathon, um allen anderen zu begegnen, nur nicht sich selbst; rubbeln orgasmisch an der Oberfläche herum, dringen aber nie ein. Wer den tiefgreifenden Höhepunkt erleben möchte, spricht dann doch lieber mit denen, die reden, wenn sie etwas zu sagen haben – und nicht zuhören, um zu antworten, sondern verstehen wollen.
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Extroversion: Der erste Schritt
Wenn die Welt wirklich in Tatsachen zerfällt, sollte man lieber von Anspielungen sprechen. Von den Blicken, die einen nachts nicht schlafen lassen. Von den Momenten, die erst später ihre Bedeutsamkeit entfalten. Von einem Gespräch, das im Kopf stattfindet und von dem Gespräch, das tatsächlich stattgefunden hat.
Dumm ist wer Dummes tut und noch viel dümmer ist der, der gar nichts tut. Wie schön es doch ist, in seinem Zimmer zu sitzen, ein achtes Mal „Wish you were here“ zu horchen und sich dabei besonders zu fühlen. Wenn man sich nur so zeigen könnte, wie man sich selbst sieht. So verletzlich, nuanciert und facettenreich. So einmalig, klug und weich.
Dann geht man in eine Bar. Man hat vor, endlich etwas zu ändern, etwas zu sagen. Natürlich sitzt sie da, wo sie immer sitzt und die Freunde rufen, aber man hört sie nicht. Nur sie ist sichtbar, wie ihre Beine übereinander geschlagen sind, die Haare mit dem Zeigefinger hinters Ohr gerückt werden, ihre Augenwinkel einen bemerken und sich sofort wieder abwenden. Man geht hin und fühlt sich leer und weiß eigentlich nichts mehr, aber sie schaut schon her. Egal was jetzt passiert, man hat sich schon blamiert. Jetzt gibt es zwei Optionen und beide sind schrecklich, aber eine ist ehrlich. Man muss sich entscheiden. Man grinst dämlich und atmet tief durch, die Würfel sind noch in der Luft. Nach fünf Sekunden wird das Schweigen komisch. Jetzt beginnt es: Die Angst und die Befreiung.
Die introvertierte Option
„Als du heute Morgen dornröschengleich dein Gemach nach mindestens hundert Jahren Schönheitsschlaf verlassen hast, nicht wusstest wo du bist und doch, wohin du gehst, war es wohl ein Gedanke, der dich überflog und um eine Haaresbreite nicht streifte, aber stattdessen in seiner Andeutung dein Herz umsäuselte und dir die Wahl der Bar, des Getränks und der Bekanntschaft abnahm. All das war notwendig, um deine Silhouette der meinen gegenüberzustellen, uns, denen nichts anderes übrigbleibt, als zu beweisen, dass sich unsere Gesichter im Moment der Vereinigung wie zwei füreinander bestimmte Formen so angleichen, dass kein Zweifel mehr bestehen kann”, hätte ich fast gesagt. „Hey, was geht”, sagte ich.
Die extrovertierte Option
„Hey, was geht”, hätte ich fast gesagt. „Als du heute Morgen dornröschengleich dein Gemach nach mindestens hundert Jahren Schönheitsschlaf verlassen hast, nicht wusstest wo du bist und doch, wohin du gehst, war es wohl ein Gedanke, der dich überflog und um eine Haaresbreite nicht streifte, aber stattdessen in seiner Andeutung dein Herz umsäuselte und dir die Wahl der Bar, des Getränks und der Bekanntschaft abnahm. All das war notwendig, um deine Silhouette der meinen gegenüberzustellen, uns, denen nichts anderes übrig bleibt, als zu beweisen, dass sich unsere Gesichter im Moment der Vereinigung wie zwei füreinander bestimmte Formen so angleichen, dass kein Zweifel mehr bestehen kann”, sagte ich.