Florian ist halb in Oberösterreich und halb in Lech am Arlberg aufgewachsen. Sein Vater ist selbst Skilehrer, daher ist ihm das Skifahren mehr oder weniger in die Wiege gelegt. „Schon im Kindergarten wurden uns in Lech Ski angeschnallt. Später, im Schulalter, folgte im Skiclub Arlberg der Feinschliff. Nach der Schule ging es direkt auf den Berg. So bin ich auf 5-6 Skitage die Woche gekommen – den ganzen Winter lang.“ Heute ist Florian leidenschaftlicher Skilehrer in Lech am Arlberg.

© Florian Meiseleder
UNIpress: Wie funktioniert die Skilehrerausbildung genau? Welche Hürden müssen genommen werden?
Florian Meiseleder: Es war eine sehr lehrreiche Zeit, nicht nur im Hinblick auf didaktische Aspekte – auch mein skifahrerisches Können hat sich dadurch stark weiterentwickelt. Noch dazu macht es einfach Spaß, mit vielen Gleichgesinnten eine Ausbildung zu machen. Das Ganze läuft so ab: Zuerst macht man die Ausbildung zum Anwärter, dann zum Landeslehrer, der wiederrum aus drei Teilen besteht. Erst dann kann man nach erfolgreicher Aufnahmeprüfung die staatliche Skilehrerausbildung machen, die über einen ganzen Winter verteilt ist. Die ist wirklich sehr fordernd, da bin ich technisch und körperlich hin und wieder an meine Grenzen gestoßen. Noch dazu hat mir das “Schulefahren” einiges abverlangt; das ist eine Art langsames, präzises Fahren zum Verbessern der Grundbewegungen. Mein persönliches Highlight war dann die abschließende Skiführerausbildung, die teilweise der Bergführerausbildung gleichzusetzten ist. Hier lernt man alles, was man benötigt, um Gäste beim Freeriden oder auf Skitouren zu guiden – von Lawinenkunde über Gletscherspaltenbergung und Orientierung bis hin zum richtigen Führen von Gruppen.
UP: Würdest du die Ausbildung nochmal machen?
Florian: Ich würde es wahrscheinlich wieder genauso machen. Unter anderem deshalb, weil das schon immer mein Traumberuf war. Zusätzlich haben mir die Ausbildungen auch bei meinen privaten Unternehmungen in den Bergen viel geholfen.
UP: Mit welchen Gefahren ist man als Skiführer konfrontiert?
Florian: Die Tätigkeit als Skiführer unterscheidet sich von der des Skilehrers vor allem durch den Ort, also den freien Skiraum, und den damit deutlich erhöhten Grad an Verantwortung. Darunter fällt, die Tour nach allen Sicherheitskriterien und dem individuellen Können der Gäste zu planen. Der Lawinenlagebericht sowie der Wetterbericht sind dabei die Basis jeder Tourenplanung. Natürlich versuche ich im Vorhinein, das Wissen der Gäste bezüglich Lawinenrettung zu überprüfen – so gut es eben geht. Aber manchmal muss man den Kund*innen auch blind vertrauen. Wenn es frisch geschneit hat, möchte niemand zuerst aufs Lawinensuchfeld, die Leute wollen die ersten Spuren ziehen. Bei einer mehrtätigen Buchung stehen aber immer ein Lawinensuchtraining und Rettungsübungen auf dem Programm. Um erst gar nicht in die Situation eines Lawinenabgangs zu kommen, ist neben der Tourenplanung auch das richtige Verhalten im freien Gelände von oberster Priorität – ein Punkt, der bei vielen Skifahrern zu kurz kommt. Unter diesen Aspekt fallen Maßnahmen wie das Erkennen von Gefahrenzeichen, Entlastungsabstände beim Fahren sowie das Beurteilen der einzelnen Hänge.
UP: Bist du auch schon in gefährliche Situationen geraten?
Florian: Ein Null-Risiko gibt es trotz bester Vorbereitung im freien Gelände einfach nicht. Von dem her hatte auch ich – wie viele meiner Kollegen – schon ein Schlüsselerlebnis, das aber gut ausgegangen ist. Allerdings war ich dabei privat unterwegs. Man muss das Ganze aber in Relation setzten und bedenken, dass ich im Winter fast jeden Tag im freien Gelände unterwegs bin und sonst noch nie etwas passiert ist. Der Schweizer Lawinenexperte Munter hat einmal berechnet, dass sich das kaum vermeidbare Restrisiko bei vernünftiger Routenwahl etwa mit jenem vom Autofahren vergleichen lässt. Beim Guiden selbst ist mir auch noch nie etwas passiert. Von der Risikoeinschätzung her ändert sich aber nichts, egal, ob ich privat oder mit Gästen unterwegs bin. Lawinenwarnstufe 3 bleibt Lawinenwarnstufe 3 und da kann man gewisse Hänge befahren oder eben nicht. Allerdings musste ich in letzter Zeit immer wieder erleben, dass die eigenen Bemühungen bezüglich Sicherheit durch ahnungslose Dritte gefährdet werden. Wenn die Leute sehen, dass ein Skiführer einen Hang befährt, sind sie teilweise dazu animiert, einfach nachzufahren – und das ohne Lawinenausrüstung oder Sicherheitsabstand. Damit gefährden sie sich nicht nur selbst, sondern alle Personen der Gruppe. Aber das mag ein Arlberg-spezifisches Phänomen sein.
UP: Welche Voraussetzungen braucht man, um in diesem Beruf Erfolg zu haben?
Florian: Die wohl wichtigste Eigenschaft ist es, Empathie gegenüber den Gästen zu haben und das Können dieser richtig einzuschätzen. Wenn Menschen mit positiven Emotionen aus einem Erlebnis hinausgehen, ist es ein erfolgreicher Tag für alle gewesen. In diesem Sinne muss die richtige Balance zwischen Komfortzone und Herausforderung gefunden werden.
UP: Wie ist die aktuelle Situation für dich? Hast du im Moment Angst um deine Existenz?
Florian: Das Schwierigste an der Situation für mich ist die fehlende Planbarkeit. Wenn alles gut läuft, machen die Hotels mit 10. Jänner wieder auf und somit kommen auch die Gäste. Aber natürlich hängt das alles von den Infektionszahlen ab. Beispielsweise weiß ich bis heute nicht, wann ich dem Vermieter meiner Skilehrerwohnung in Lech endgültig zusagen kann. Wenn ich nur an ein paar wenigen Tagen Arbeit habe, kommt es mir günstiger, von Innsbruck aus zu pendeln. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, ob ich einfach abwarten soll, was der Winter noch bringt, oder schon einmal Ausschau nach anderen Jobs halte.
UP: Gibt es eine Corona-Unterstützung für Skilehrer?
Florian: Als Diplomskilehrer und Skiführer besteht die Möglichkeit, sich selbständig zu machen, was ich auch getan habe. Deshalb kann ich jetzt glücklicherweise den Lockdown-Umsatzersatz für Unternehmer*innen beanspruchen. Damit komme ich vorerst gut über die Runden. Soweit ich weiß, gibt es für Skilehrer*innen, die normalerweise in einer Skischule arbeiten, noch keine Unterstützungen. Ich weiß aber nicht, wie die Skischulen das intern regeln – die bekommen ja auch den Umsatzersatz vom Staat. Es wäre fair, wenn auch die Skilehrer*innen etwas davon abbekommen würden.
UP: Siehst du auch einen Vorteil in der aktuellen Situation?
Florian: Der derzeitige Skitourenboom, der ja auch dadurch bedingt ist, dass die Lifte nicht fahren, stellt natürlich ein großes Potenzial für meinen Job dar. Ich hoffe, dass damit die Nachfrage für geführte Touren oder Sicherheitstrainings steigt. Die Leute, die bis jetzt diesen Winter bei mir gebucht haben, haben das ausschließlich im Skitourenbereich gemacht – obwohl Skitourengeher normal weniger als 50% meiner Gäste sind. Abgesehen vom geschäftlichen sehe ich den Skitourenboom auch mit einem weinenden Auge – die Einsamkeit am Berg wird wohl, sofern man nicht ein paar Geheimtipps kennt, zu einem seltenen Gut werden. Ebenso hoffe ich, dass sich wirklich alle mit den alpinen Gefahren vertraut machen, bevor sie ins Gelände gehen und sich der Natur gegenüber rücksichtsvoll verhalten.
UP: Was ist das Besondere an deinem Beruf?
Florian: Es gibt wohl nichts Cooleres, als für einen Powdertag bezahlt zu werden. Abgesehen davon lernt man immer wieder spannende Persönlichkeiten kennen. Die ganze zwischenmenschliche Komponente ist für die Risikoeinschätzung wohl ebenso wichtig wie die Beurteilung der objektiven Gefahren. Aber genau das macht den Job spannend.
UP: Hast du Tipps für diejenigen, die beruflich in diese Richtung starten möchten?
Florian: Skilehrer*in ist ein geeigneter Nebenjob für Studierende, da die Hauptsaison meist mit den Ferienzeiten der Uni zusammenfällt. Die Ausbildung selbst ist nicht ganz günstig – hier kann man sich einen Teil sparen, indem man von daheim aus pendelt. Man beginnt als Anwärter und arbeitet sich von Kinderkursen nach oben – wer motiviert ist, kommt weiter. Dranbleiben und Erfahrungen sammeln ist das Wichtigste.
UP: Vielen Dank für das Gespräch.