Innsbrucker Frauen sprechen: Hier spüren wir noch Benachteiligung

von Annalena Haller
Lesezeit: 8 min
Frau in Gedanken
Trotz vieler Fortschritte sind Frauen noch immer mit zahlreichen geschlechtsspezifischen Herausforderungen konfrontiert. UNIPress hat Frauen gefragt, wo sie persönlich heute noch Benachteiligung zu spüren bekommen.

So einige Feministinnen wie Clara Zetkin oder Audre Lorde würden sich im Grab umdrehen, wenn sie einen Blick auf die Geschlechter-Bilanzen der heutigen Arbeitswelt, der Politik oder der Gesellschaft werfen würden. Es ist enttäuschend, sich immer wieder aufs Neue den gleichen Hürden zu stellen, um dieselben Chancen und Möglichkeiten zu haben wie Männer. Dabei würde der Aufstieg der Frauen in keinster Weise den Fall der Männer bedeuten. Wir haben bei diversen Frauen mal nachgehakt, wo sie sich als Frau in unserer heutigen Zeit noch benachteiligt fühlen:

Steffi, 34

In der Uni fühle ich mich nirgends benachteiligt. Hier sind die Gehaltsschemen, egal ob männlich oder weiblich, super angepasst. Der Aufholbedarf, beziehungsweise Nachholbedarf liegt klar und deutlich in der Privatwirtschaft, wo Frauen im Vergleich zu Männern für den gleichen Job weniger gezahlt bekommen.

Karolin, 22

Ich finde, dass Frauen oft die niedrigeren Jobs bekommen, und das nur, weil sie Frauen sind. Das ist mir besonders bei Ferialjobs aufgefallen. Die Frauen kümmern sich um die Buchhaltung und Männer machen die Bilanzierung und den Rechtskram.

Claudia, 25

Wenn du als Mädchen von einem kleineren Dorf kommst und in eine größere Stadt zum Studieren oder zur Selbstverwirklichung gehst, wirst du oft von der konservativ eingestellten Dorfgesellschaft mit schiefen Augen angeschaut. Teilweise haben viele da eine veraltete Sicht der Frau im Kopf verankert und erwarten schon früh von ihnen, dass sie sich auf die Mutter- und Hausfrauenrolle konzentrieren. Eine Frau im Studium oder einfach nur als selbstständiges Individuum passt ihnen nicht in ihr Bild.

Eva-Maria, 31

In der Medizin, ich bin Medizinstudentin. In gewissen Bereichen ist es schon so, dass man in der Arbeitswelt härter kämpfen muss. Im Studium haben die Frauen die Männer eh eigentlich überholt, da merkt man nix mehr. Aber besonders die chirurgischen Richtungen sind noch stark von Männern dominiert.

Felizitas, 25

Ich glaube, ich schätze mich oft selbst als zu wenig gut ein. Das ist eher meine eigene Wahrnehmung und nicht jene, die von außen kommt. Zum Beispiel denke ich mir oft: „Das kann ich nicht so gut.“ Damit meine ich vor allem Reparaturgeschichten oder ganz simple technische Sachen im Alltag, wie zum Beispiel ein Bild in seinem Zimmer aufzuhängen. Ich denke, das liegt eher an mir selbst. Es könnte aber natürlich auch ein übergestülptes Gesellschaftsbild sein, das ich da spüre. Ansonsten habe ich in Bezug auf die Uni tatsächlich sehr positive Erfahrungen gemacht. Ich arbeite auch an der Uni und ich muss ehrlich sagen, die machen das richtig gut.

Morgan, 22

Wenn ich an Benachteiligung denke, dann kommt mir die Sicherheit in den Kopf. Ich bin gerade alleine am Reisen. Hier merke ich manchmal sehr, dass ich nicht dieselben Privilegien habe wie ein Mann, wie einen Tag mal nicht an meine Sicherheit denken zu müssen. Als Frau ist es in unserer Gesellschaft nicht gerne gesehen, alleine zu sein – was ich nicht denke. Aber abgesehen davon gibt es keinen Bereich, wo ich mich den Männern gegenüber unterlegen fühle, weil ich das auch nicht bin!

Joya, 34

Als junge Mutter, die auch wieder ins Berufsleben eingestiegen ist, fühlt man sich des Öfteren etwas belächelt. Viele sehen dich als „Teilzeit-Mutti“ an. Deine Kompetenzen und dein Abschluss, der in den meisten Fällen sogar besser ist als jener der Männer, rutscht dabei komplett in den Hintergrund. Auch wenn man sich als Mutter ab und zu eine kleine Auszeit genehmigt, ist das von der Gesellschaft sehr verpönt. Würde man die Rollen aber drehen und der Vater würde sich eine kleine Auszeit gönnen, würde das als total gerechtfertigt angesehen werden.

Maria, 63, und Conni, 61

Maria links, Conni rechts

Maria: Das Problem liegt meiner Meinung nach auch im Gesundheitssystem. Die Personalnot kommt nicht von irgendwo her, und da ich selbst in dieser Branche tätig bin, kann ich sagen, dass für einige Stellen einfach Männer bevorzugt werden. Ihnen wird mehr zugetraut, was natürlich Schwachsinn ist. Auch die Debatte mit der Elternzeit für Frauen, dass man da gar nicht oder nur in Teilzeit arbeiten kann und es dir nicht als Vollzeit für die Pension angerechnet wird, ist meiner Meinung nach ein ganz großer Punkt, den man komplett überarbeiten sollte.

Conni: Im Berufsleben brauchen wir nicht reden, der Unterschied vom Verdienst schlägt sich immer noch gravierend auf die Gehälter der Frauen aus. Wo Frauen bis heute noch benachteiligt sind, ist die Mutterzeit. Wenn du selbst dein Kind erziehst, werden dir diese Jahre nicht angerechnet. Du bekommst weniger Pension, obwohl du selbst aufs Kind geschaut hast. Ein Teil sollte angerechnet werden. Ich glaube schon, dass Männer auch heute noch in der Arbeitswelt bevorzugt werden.

Yosser, 25

Eigentlich nirgends, denn von den richtigen Männern wirst du respektiert und gleich angesehen.

Ein Beispiel, das mir aber einfällt, ist aus meiner Studienzeit. Ich habe Chemie im Bachelor studiert und meine Professorin hat mir aber damals schon früh ans Herz gelegt, mich mehr anzustrengen, da ich eh als Frau schon benachteiligt bin.

Auch in der Erziehung sind oft klar die Mütter im Nachteil. Wenn dort etwas schief läuft, wird die Schuld gleich der Mutter zugeschoben. Der Vater hat auch einen großen Einfluss, auch durch seine Abwesenheit.

Leonie, 23

Ich merke es in meinem Beruf, weil ich das Gefühl habe, oft mit einem anderen Selbstbewusstsein an Dinge ranzugehen als meine männlichen Freunde – und ich habe jetzt generell keine Selbstbewusstseinsprobleme. Ich begegne neuen Aufgaben mehr nach dem Motto „Mal sehen, ob ich das kann“ und sichere ungern etwas zu, von dem ich mir noch nicht sicher bin, ob ich der Aufgabe gerecht werden kann. Und ich sehe, dass das bei meinen männlichen Freunden eine andere Sache ist.

Anna-Maria, 21

Mir fällt vor allem in der Arbeitswelt auf, dass Frauen benachteiligt sind. Ich arbeite im medizinischen Bereich und dort spürt man schon, dass einfach der Mann dominant ist. Da ist es für eine Frau oft viel schwieriger, sich dann auch zu verwirklichen.

Clara, 15

In meinem Fall nirgends, denn ich bin im Modezweig der Ferrarischule und in meiner Klasse sind ausschließlich Mädchen. Auch meine Lehrpersonen sind fast alle weiblich. Ich glaube aber schon, dass Mädchen in anderen Schulen vielleicht benachteiligt werden. Viele Leute haben noch die Ansicht, dass Frauen weniger wert sind. Manchmal fallen daher auch Sprüche wie „Frauen gehören vor den Herd“ und das ist einfach nicht okay, auch wenn es angeblich als Spaß gemeint sei. Außerdem glaube ich, dass man der Benachteiligung als Frau später im Leben noch öfter begegnet, wie zum Beispiel bei der Jobsuche.

Zoe, 24

Ich bin in einem weiblich dominierten Berufsfeld unterwegs, da ich mit Kindern arbeite. Daher würde ich sagen, dass ich mich in meinem Alltag nicht benachteiligt fühle und als Frau ganz gut lebe. Zumindest, solange ich nicht um Mitternacht allein am Inn entlang gehen muss. Aber auch im Sommer, wenn man als Frau mit dem Hund spazieren geht, werden einem schon mal ein paar Küsse hinterhergeworfen, die man nicht unbedingt haben will.

Lisa, 22

Ich bin froh, in Österreich zu wohnen, denn Frauen haben hier im Vergleich zu anderen Ländern auf der Welt schon sehr viele Rechte. Dies betrifft besonders den Bildungsbereich: Frauen können zur Schule gehen, lernen und arbeiten gehen. Trotzdem gibt es auch in Österreich noch Lücken, hier fällt mir der Gender-Pay-Gap ein. Das heißt, dass Frauen in vielen Berufen weniger verdienen als Männer, obwohl die gleiche Arbeit verrichtet wird. Das sollte sich in Zukunft ändern.

Carla, 23

Im Großen und Ganzen hatte ich in meinem Leben Glück, als Frau keine großen Nachteile zu spüren. Gerade, wenn es aber um technische Sachen im Alltag geht, wo man sich „auskennen“ sollte, dann wird man nicht immer ganz ernst genommen. Das habe ich neulich beim Skikauf gemerkt.

Andrea, 52

Man fühlt sich als Frau in der Pension stark benachteiligt, wenn man während der Kindererziehung gar nicht oder nur Teilzeit gearbeitet hat. Daraus folgt nämlich, dass man dann weniger Pension als sein Mann bekommt und daher finanziell abhängig ist. Außerdem wird die Übernahme von Aufgaben wie Haushalt und Kindererziehung oft noch immer mehr der Frau als dem Mann zugeschrieben. Die skandinavischen Länder sind in diesen Dingen schon weiter, da sollte Österreich sich ein Beispiel nehmen.

Julika, 23

Beruflich fühle ich mich eigentlich nicht benachteiligt. Ich bin im Wirtschaftssektor tätig und arbeite auch viel mit Frauen zusammen. Als ich mich für Jobs bewerben musste, ist mir aber aufgefallen, dass Frauen häufig versuchen, 150 Prozent der Voraussetzungen für einen Job zu erfüllen. Männer hingegen denken da eher: „Ich kann diese eine Sache, ich bewerbe mich mal.“ Aber ich glaube, es sind auch die ganz grundsätzlichen Themen, wie wenn man abends allein nach Hause läuft oder in einer Großstadt unterwegs ist. Da fragt man sich dann schon: „Wie kann ich mich verteidigen? Wo ist mein Licht? Wie komme ich am besten nach Hause?“ Das ist es für mich vor allem.

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