Für und Wider: War früher alles besser?

von Hannah Mayer
Lesezeit: 4 min
Der Mensch strebt nach Wachstum, nach Fortschritt. Ob sich uns dabei das Universum öffnet oder ob unser Funkeln verloren geht – das steht wohl in den Sternen.

Macht der Moderne

von Hannah Mayer

„Früher war alles besser“, höre ich meine Großeltern sagen und kann nur mit dem Kopf schütteln. Für alles Geld der Welt würde ich nicht in den alten Zeiten leben wollen. Das Hier und Jetzt ist so viel besser. Abgesehen von guter medizinischer Versorgung und fließendem Wasser habe ich Zugang zu allem Wissen der Welt, jederzeit und überall. Ich bin über das World-Wide-Web so gut vernetzt, dass ich mit der ganzen Welt per Du bin, und ich könnte über Nacht ein Internet-Sternchen werden, wenn ich wollte. Alles, was ich brauche, ist ein einziges Gerät, das mein ganzes Leben speichert. Es ist immer in meiner Tasche und übernimmt das Denken für mich. Das moderne Telefon gibt es To Go. Kabelgewirr und Wählscheiben gehören mittlerweile der Vergangenheit an. So sage ich der FOMO den Kampf an: Ich bin immer und überall erreichbar. Glaubt mir, ich verpasse gar nichts.

Ich schwöre, es ist nur ein bisschen anstrengend, ständig online zu sein und unter dem permanenten Sog von Doomscrolling zu stehen. Das ist der Preis, den ich bereit bin, für eine Toilettenspülung und endlosen Konsum zu zahlen.

Übrigens, statt Briefmarken sammle ich jetzt Klicks, und Skifahren gehe ich nur noch in der virtuellen Realität. Das macht auch Sinn. Auf den Pisten liegt sowieso nur Kunstschnee, und die Wissenschaftler drohen ständig mit dem Klimawandel. Außerdem ist mir das viel zu kalt. Da buche ich lieber den nächsten Flug nach Thailand und mache Urlaub à la Travelblogger.

The world is my oyster  – die Moderne macht’s möglich. Geprägt von rasantem, unaufhaltsamen Wachstum, entwickeln wir uns weiter für eine Zukunft, die alle Grenzen sprengt. Ich muss nichts mehr selber machen: Ich muss nicht lesen, nicht schreiben und auch nicht staubsaugen. Und neue Innovationen stehen schon in den Startlöchern. Ich denke an morgen und träume von meinem eigenen C-3PO wie in Star Wars. Und schon bald werden wir fliegende Autos lenken, außerirdisches Leben auf fernen Planeten begrüßen und übers lange Wochenende zum Mond reisen.

Irgendetwas fehlt

von Sophie Borbe

Da stehe ich nun, in meinem Betonzimmer neben der Straße im 21. Jahrhundert und koche Kokosmilch mit importierten Kichererbsen. Fenster braucht man nicht mehr öffnen, gelüftet wird ja automatisch. Ein undichter Altbau wäre mir viel lieber gewesen. Das künstliche Licht meiner LED-Lampe wärmt nicht. Zu grell ist das Weiß. Immerhin sind die Winter nicht mehr kalt, sie frösteln aber im Herzen. Beim Anblick schneekarger Bergwiesen zum Beispiel. Warm halten tun dann nur die alten Bilder von meinem Opa auf Tourenski, als er im Inntaler Tiefwinter todernst in die Kamera starrt. Bilder im Kopf und im Album, das hat heutzutage eh keiner mehr. Davon gibt’s ja jetzt genug am Screen. Wir entfremden uns vom eigentlichen Leben. Von der Essenz.

Wir starren nur noch verkrümmt in bunte Kästchen. Darin treffe ich meine Freunde und klicke mich dann bis nach Amerika. Wo man ja am besten auch physisch irgendwann mal hin sollte, bei allem, was heutzutage möglich ist. Das sollte man auf keinen Fall verpassen. Und auch keine der anderen 100.000 Möglichkeiten, die täglich auf einen einströmen. YOLO, du lebst ja nur einmal. Und bitte möglichst schnell.

Zum Stichwort Medien – Schreiben hätte man sowieso früher müssen. Wo es noch den Walde und das Kinde gab und man hochallerfreundlichst begrüßt wurde. Gliedsatz um Gliedsatz, schön verschachtelt und verschnörkelt. Inmitten der behütete Kern, den niemand je mit Sicherheit knackte. (Ausgenommen der Korrekturraster der Deutschmatura.) Damals, wo die Lesesucht der Jugend noch die schlimmste Sorge war. Da hätte man gelacht, dass so ein Laster jetzt das erstrebenswerteste ist – neben all unseren neuen, digitalen Gefahren.

„Wie wir heute leben, das ist vielleicht toll. Aber irgendetwas fehlt“, erinnere ich mich an ein Zitat aus dem Fernsehen, wo jemand eine alte Schmiede wieder zum Glühen brachte. Was ist es, das fehlt? Zurück zu den Wurzeln muss man gehen. Einen Text in der Hand haben, den Geruch von Papier einatmen. Und bitte! Antik und verstaubt soll es riechen, ja nicht frisch gedruckt.

 

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