Wer bist du eigentlich? Ich bin mir sicher, du hast einen schönen Namen. Doch das soll hier – anders als beim Checken der Anwesenheit im Proseminar – nicht viel zur Sache tun. Um deinetwillen weise ich dich dazu an: Lies meine Frage nochmal. Und zwar mit dem Auge, das sich sonst gerne blind stellt. Denn nicht alles Gesehene will einem sogleich ganz in den Kram passen; man ist doch mit Uni und seiner Topfpflanze im WG-Zimmer, die – uiuiui – vertrocknet wie Stroh aussieht und heute noch nicht gegossen wurde, gedanklich schon genug beschäftigt. Dennoch: Dein Name soll bei der Beantwortung der ersten Frage nicht von großer Relevanz sein. Denn zugegebenermaßen ist dein Name mit dir selbst, deiner Physis sowie Psyche, so wenig verbunden wie der Wasserfloh mit dem Wasser: Namentlich wird zwar ein Teil seiner Existenzbedingung (das Dasein des Wesens an sich) bezeichnet; jedoch war es das dann auch schon wieder. Um auf die aufgeworfene Frage antworten zu können, sei es vorerst einmal unabdingbar, von seiner eigenen Existenz zu sprechen bzw. sich dieser sicher sein zu können. Dabei kann es wohl sein, dass du deine Existenz nicht wie Descartes mit dem Satz begründest: „Ich denke, also bin ich“, weil du nach deinen gescheiterten Prüfungen wohl eher am Hinterfragen bist, ob dein Denkorgan überhaupt irgendeine Arbeit leistet. Dennoch hoffe ich für dich und dein mentales Wohlbefinden, dass du dir deines Daseins ziemlich sicher bist oder – was wohl noch besser wäre – es nie jemals hinterfragt hast. Ist die Unsicherheit wohl vielleicht doch zu groß, so würde ich einige wenige Tage die Finger vom fragwürdigen Pilzgulasch lassen und dir nach allfällig nicht eingetretener Besserung raten, lieber deinen Humor zu trainieren als deinen Bizeps. Keine Sorge, letzterer wird schon nicht allzu schnell erschlaffen… denn zu verlieren hast du nun wortwörtlich nichts mehr; das hast du dich ja selber schon.
Nicht verzagen…
Lassen wir den Extremfall der erlebten Fragwürdigkeit über seine eigene Existenz mal außer Acht und widmen uns der nüchternen Verunsicherung über die eigene Identität. Sie befindet sich auf der Skala der Verwirrung eine Stufe darunter. Wir finden dort die schlichte Identitätskrise. Einem über die Schulter schauen tut sie wohl allemal. Und zwar dann, wenn man von sich behaupten kann, dass einem das Gefühl für den Sinn und Zweck des eigenen Lebens sowie das Gefühl, selbstbestimmt zu leben, abhanden gekommen zu sein scheint.
Konkret beschreibt sie das Problem der Fragilität oder der Zersplitterung des eigenen Selbstbildes. Sie beruht auf den Zweifeln der eigenen z.B. ethnischen, sozialen oder geschlechtlichen Identität, entstanden durch Unsicherheiten im eigenen Handeln und bei Entscheidungen bzw. durch Orientierungslosigkeit. Es sind Unsicherheiten in Bezug darauf, ob der „richtige“ Weg gewählt wurde, oder Ängste, nicht zu wissen, zu wem man sich in der Zukunft entwickelt oder auch welche Werte und Normen als die eigenen übernommen werden sollen. Die Zeit, in welcher man studiert, sei für Krisen solcher Art besonders gefährdet.
Doch was sagst du? Sowas schon mal erlebt? Auch wenn du (noch) nicht von dir behaupten kannst, dich in deiner Identität so diffus wie schwebendes Wasser in der Luft zu fühlen bzw. gefühlt zu haben, so möchte ich dir doch helfen, die unmittelbare Zeit, während der du deinen inneren Kompass fürs Leben einzustellen versuchst, noch intensiver zu erleben. Denn „Quantität vor Qualität“ sei hier angesagt und nicht „Augen zu und durch“. Präsentieren will ich dir dazu folglich die besten Orte, um eine Identitätskrise zu durchleben.
…lass dich von deinen Beinen tragen:
Vielleicht sollten wir in der Uni wohl eher nach dem Ausschlussprinzip gehen, doch dann wäre nicht nur Schluss mit lustig, sondern auch mit dem Text. Doch behalten wir uns bitte eine positive Grundhaltung bei; so schlimm ist die Uni nun auch wieder nicht. Und wenn du das Gegenteil empfindest: Die Tür nach draußen ist immer offen (obwohl man das bei der Schiebetür nahe der Bib wohl so manches Mal für wenige Millisekunden bezweifeln mag).
Vertraue dir selbst
Auf der Suche nach der eigenen Identität ist ein Besuch des Spiegels in den Unitoiletten unabdingbar; denn aller (wenn auch noch so kleiner Funken) Hoffnung Ursprung bist du. Blicke dir selbst in die Augen und frage dich: Wer zur verdammten Hölle ist denn diese Person, die mich da gegenüber anstarrt? Aber… was fällt ihr eigentlich ein? Unverschämt.
Hast du sogar die Frauentoilette direkt hinter der Studia in der Hauptuni erwischt, so gratuliere ich dir: Glückstreffer! Das Vulvatier, welches dich von der Wand aus grüßt, mag dein ohnehin schon verwirrtes Gehirn wohl auch noch hinterfragen lassen, ob du gerade einen bösen Albtraum lebst, in dem Pink Fluffy Unicorns mutiert sind.
Sei realistisch
Ich glaube, es ist Zeit, dein Gehirn auszulüften. Gehe dazu doch einfach den Gang des Universitätsgebäudes entlang nach draußen. Auf dem Weg werden dir wohl einige Menschen begegnen. Suche den Augenkontakt mit einem von ihnen und fühle dich kurzzeitig in der Haut Friedrich Nietzsches, wenn er sagt: „Wenn du lange genug in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Ein Kaffee, um wach zu werden, ist dann gar nicht mehr vonnöten, denn die unheimliche Tiefgründigkeit der Seele, welche hinter dem äuglichen Tor liegt, hat dir wohl fürs erste einen ausreichend heftigen Schlag in die Magengrube gegeben. Wieder mal Geld gespart.
Deine Gedanken schaffen deine Realität
Laufe weiter, den Inn entlang, und halte dabei Ausschau nach einer Sandbank, die auch betretbar ist – wenn auch nur durch Überklettern einer vermeintlichen Absperrung. Doch bekanntlich kreiert jeder seine eigene Realität selbst im Kopf. Warum dann nicht auch eigene Regeln? Am Flussufer angelangt, steht es dir frei, einen Stein deiner Wahl oder ein sandiges Plätzchen auszusuchen und dich darauf niederzulassen. Lege dein Augenmerk für eine Weile auf das an dir vorbeifließende Wasser, dem du dich nur allzu verbunden fühlst – diffus und in Veränderung, das seid ihr beide. Obwohl diese Erkenntnis Kenner der heraklitischen Formel „alles fließt“ wohl nicht allzu sehr vom Hocker hauen wird.
Um dem großen Fragezeichen, das sich um dein Ich spannt, noch ein wenig Glitzer und Glamour beizufügen, blicke in das fließende Nass und versuche unmittelbar alle Farben auszumachen, die darin für dich sichtbar werden. Trifft deine Wahrnehmung auf das grelle Neontürkis – welches sich zuvor wahrscheinlich nie deiner Aufmerksamkeit erfreuen durfte – soll dies nicht als Zeichen vom himmlischen Oben gedeutet werden, dein Glück und neue Orientierung in der ÖVP zu suchen.
Betrachte die Dinge mal anders
Viel eher soll es dir zeigen, dass es möglich ist, Dinge zu sehen oder sich in den Geist zu rufen, die sich deiner bewussten Wahrnehmung zuvor nicht unmittelbar zeigten. Vielleicht trifft dies auch auf die vermeintliche Tatsache zu, dass du noch nicht den möglichen Gedanken gefasst hast, über deine Identität beim Schwenken eines Gläschen Weins zu sinnieren. Also was wartest du noch? Ab in die erstbeste Weinschenke. Hat man das Zählen der Gläschen dann auch mal aufgegeben, so sei ganz unbesorgt. Dein kleines privates Identitätsproblem kann kurz geistig beiseite bleiben. Denn was man (im Moment) nicht weiß, das macht einen auch nicht heiß.