Deutsch lernen auf die besondere Art

von Sophie Borbe
Lesezeit: 5 min
Wo lernen Menschen, die nach Österreich immigrieren oder flüchten, eigentlich Deutsch? Zum Beispiel im Verein “Beziehungsweise lernen” – einem kreativen Ort der Begegnung und des kulturellen Austauschs.

Die Tür geht auf und ein Mann mittleren Alters kommt herein: „Griaß enk!“, begrüßt er die Runde. Er kommt aus Syrien und lebt mittlerweile seit zwei Jahren in Österreich. Die Stimmung ist fröhlich und vertraut. Zwei freiwillige Deutschlehrer, ein 32-jähriger Mann aus Italien und ich sind bereits da. Sie kennen sich, weil sie alle öfter hierher kommen.

Jeden Donnerstag findet in der Innstraße 2 in Innsbruck zwischen 18 und 20 Uhr das Sprachlerncafe statt. Mit der Unterstützung von Freiwilligen wird dabei ein Rahmen geschaffen, um individuelle Deutsch-Nachhilfe anzubieten oder einfach nur miteinander ins Gespräch zu kommen. Deutschlernende können dafür eigene Unterlagen mitbringen oder die vielen Lehrbücher und Materialien des Vereins nutzen. Insgesamt stehen zwei Räume mit Tischen und einer Couch sowie eine Küche zur Verfügung.

Auch Ninja ist da, die Leiterin des Vereins. Sie erzählt mir, dass sie damals selbst als Freiwillige im Verein begonnen hat. Ihre Motivation für den Verein sei es, einen Ort zu schaffen, an dem sich alle auf Augenhöhe begegnen. Die Menschen, die zum Deutschlernen kommen, seien ihr gegenüber immer offen. Jeder teile gerne seine Kultur, und auch Freundschaften würden entstehen. Im Gegenzug dafür möchte sie ihnen einen Ort zurückgeben, an dem sie in Österreich willkommen sind. Einen Raum des Vertrauten, in einem für viele fremden Land. Wohin man gerne kommt, wo man gerne lernt.

„Ich mag es sehr, hier zu sein“

Ich spüre diese Gemeinschaft, von der sie spricht. Der Mann aus Syrien, der uns vorher im Tiroler Dialekt begrüßt hat, stellt nun einen Teller mit einer von ihm kunstvoll zubereiteten Speise auf den Tisch, die er für uns mitgebracht hat. Das vegetarische Gericht nennt man „j Ciköfte Kippe Naie“, es schmeckt ausgezeichnet und scharf.

[Absatz] Wir kommen ins Gespräch und die Deutschlernenden erzählen mir, warum sie diesen Verein so besonders finden. Der Mann aus Italien betont, dass es für ihn wichtig sei, in der Praxis zu lernen. Es helfe ihm, Deutsch im Gespräch mit anderen zu üben, ohne den Druck eines regulären Deutschkurses. „Ich mag es sehr, hier zu sein“, sagt er.

[Absatz] Der Mann aus Syrien stimmt dem zu und erzählt, dass er zuerst in Wien gewohnt hat, bevor er nach Innsbruck gekommen ist. Doch erst hier habe er begonnen, besser Deutsch zu sprechen. Das liege daran, dass es ihm in Innsbruck leichter falle, Kontakte mit Einheimischen zu knüpfen. Das wirkt sich natürlich auch auf das Lernen der Sprache aus. Auch seinen Dialekt-Wortschatz erweitere er mit voller Motivation weit über das „Griaß di“ hinaus. Immer, wenn er ein neues Wort höre, frage er gleich nach der Bedeutung.

Lernen in der Gemeinschaft

Wie schon im Namen „Beziehungsweise Lernen“ anklingt, wird Beziehung als Grundlage für Lernprozesse verstanden. Gemeinschaft und Diversität stehen dabei im Fokus. Daher sind neben den Freiwilligen auch Einheimische jederzeit eingeladen, am Erzähl- und Sprachlerncafe oder an vom Verein organisierten Freizeitangeboten teilzunehmen. Gerade der Kontakt mit Einheimischen hilft beim Erlernen einer neuen Sprache.

Neben dem Erzähl- und Sprachlerncafe werden außerdem weitere transkulturelle Sprach- und Integrationsprogramme angeboten, wie das Sprachtrainingsprogramm „Deutsch als FreundInsprache“, ein regelmäßiger interkultureller Mittagstisch sowie Freizeitaktivitäten. Das Sprachtraining dauert insgesamt acht Wochen und ist eine Ergänzung zu den klassischen Deutschkursen. Teil dessen sind auch Aktivitäten wie gemeinsame Ausflüge, Gartenarbeit und Kochen.

Erste Vokabeln und diese verflixten Artikel

Mittlerweile ist eine weitere Gruppe zum Sprachlerncafe dazu gestoßen. Zwei der Männer sind 20 Jahre alt, der dritte 42. Auch sie kommen aus Syrien und sprechen Arabisch. Einer von ihnen ist erst seit 25 Tagen in Österreich, ein anderer seit zwei Monaten. Sie sprechen kaum ein Wort Deutsch, doch jetzt sind sie hier, um das zu ändern. 

Anfangs fällt die Kommunikation etwas schwer, doch ein Anwesender spricht sowohl Arabisch als auch Deutsch und kann dolmetschen, wenn wir uns gar nicht verstehen. Dann beginnen wir mit einer kurzen Vorstellungsrunde auf Deutsch. In kürzester Zeit sind wir schließlich vom Lernen von „Hallo“ und „Guten Tag“ schon bei unseren Herkunftsländern angelangt. Beim „Ich komme aus …“, „Er/Sie kommt aus…“ und „Wir kommen aus…“ wird es dann etwas zu komplex, doch trotz leichter Verwirrung motivieren wir uns gegenseitig. Jemand erzählt, dass er einmal versehentlich „Lieblingsmittel“ statt „Lebensmittel“ geschrieben hat, und wir lachen. Außerdem diskutieren wir darüber, ob man in Österreich in der Schule wirklich im Dialekt spricht oder ob dann alle Hochdeutsch reden müssen.

In der Zwischenzeit sind auch zwei jugendliche Mädchen gekommen. Wir stellen uns erneut vor und erfahren, dass die beiden aus der Ukraine kommen. Auch sie sind noch nicht lange hier und hatten erst wenige Unterrichtseinheiten im Deutschkurs, den sie besuchen. Zum Verein „Beziehungsweise lernen“ kommen sie dann noch zusätzlich, um ihr Deutsch ergänzend zum Kurs zu verbessern.

Obwohl die beiden erst vor kurzer Zeit mit dem Deutschlernen begonnen haben, sind sie schon sehr weit fortgeschritten. Sie widmen sich dann mit einem der Freiwilligen dem Lernen neuer Vokabeln rund ums Thema Schule und Schreibutensilien. Es wäre ja ganz okay, wenn es nicht „der“, „die“ und „das“ gäbe und noch dazu das „ein“ und „eine“. Doch die beiden nehmen das Deutschlernen mit Humor und saugen das Wissen regelrecht auf.

Finanzielle Herausforderungen

Die gelungene Lernatmosphäre, die ich wahrnehme, ist nicht nur für die Teilnehmer und Freiwilligen Motivation, sondern auch für die Leitung des Vereins selbst. Denn finanziell ist es nicht immer einfach, das Projekt über Wasser zu halten. Gleichzeitig will man die Kosten auch nicht auf die Teilnehmer abschieben. Nach momentanem Stand bezahlen die Deutschlernenden einen Jahresbeitrag von 150 Euro. In Innsbruck gibt es neben diesem Verein nur wenige ähnliche Projekte. Gerade deshalb ist es den Beteiligten so wichtig, dass dieser Raum erhalten bleibt. Die vielen Freiwilligen leisten hier einen wichtigen Beitrag. 

Mittlerweile ist es 20 Uhr, das Sprachlerncafe ist somit für heute zu Ende. Wir räumen auf, bedanken uns für das gemeinsame Lernen und verabschieden uns. Dann findet jeder seinen Weg nach draußen. 

Auf dem Nachhauseweg wird mir bewusst, um wie viel reicher ich an diesem Abend geworden bin. Wie vielen Menschen ich begegnet bin, die ich sonst nie getroffen hätte. Dem Verein „Beziehungsweise Lernen“ ist es gelungen, einen multikulturellen Ort, einen Ort der Begegnung zu schaffen. An dem jeder willkommen sein darf. Ganz gleich, ob einheimisch oder neu in Österreich.

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