Der kleine, unfeine Lohnunterschied: Ein fiktives Streitgespräch zum Gender Pay Gap

von Anna Stotter
Lesezeit: 5 min
Foto: Anna Stotter
8. März – der Feministische Kampftag. Frauen werden gefeiert, mit roten Venussymbolen, kämpferisch gereckten Fäusten und knallpinken Schlagzeilen. Hinter der ersten glitzernden Fassade geht es dann zentral um knallharte Ungleichheiten – darunter auch der Gender Pay Gap von 17,6 Prozent in Österreich.

Zeit also, bestimmte Konversationen – wieder einmal – zu führen, Zeit, in diesem Artikel ein paar Hard Facts zum Gender Pay Gap zu beleuchten und Zeit, bei gleichgültigen, bagatellisierenden oder zynischen Kommentaren nicht ins Stocken zu geraten. (Wir haben die besseren Argumente.) Eines schon vorneweg: Dieses Gefühl von unterdrückter Wut, brennendem Wunsch nach Veränderung und Gerechtigkeit ist verdammt berechtigt, die Statistiken lügen nicht.

„Lohndiskriminierung existiert nicht mehr. Frauen und Männer ungleich zu bezahlen ist seit den 70ern verboten.“

Stimmt, aber wenn der Gender Pay Gap so „einfach“ wäre, dass Männer und Frauen Seite an Seite zum Beispiel die genau gleichen Supermarktregale einräumen und dann Männer am Ende einfach 17,6 Prozent (Stand 2024) mehr verdienen, wäre er wohl schon seit Jahren Geschichte. Fakt ist, die Lohnschere weitet sich im Verlauf des Erwerbslebens durch zahlreiche Faktoren aus: insbesondere durch höhere Teilzeitraten bei Frauen, aber auch, weil weiblich dominierte Branchen weniger gut bezahlt sind.

„Eben, das mit dem Gap klingt vielleicht einmal hart. Aber was da alles hineingerechnet wird, verzerrt die Realität doch total. Am Ende bleiben nur eins-Komma-irgendwas Prozent über, also gar nichts.“

Okay, interessant, das Gegenüber weiß offenbar genau, was in den Gender Pay Gap eingerechnet wird, aber nicht, wie hoch er tatsächlich ist. Eins-Komma-irgendwas Prozent sind nämlich falsch. Tatsächlich beträgt der unbereinigte Gender Pay Gap 17,6 Prozent und der bereinigte Gender Pay Gap laut WIFO-Berechnungen von 2023 6,3 Prozent. Bereinigt und unbereinigt? Damit kann man uns auch nicht aus dem Konzept bringen: Der unbereinigte Gender Pay Gap ist per Definition „der Unterschied des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes zwischen Männern und Frauen“, also jene Lohnlücke, die beim Vergleich des Stundenlohns von Frauen und Männern sichtbar wird. Und der bereinigte Gender Pay Gap ist die kleinere Lücke, weil nur jene Einkommen von Vollzeitbeschäftigten in den jeweils gleichen Berufen, Positionen et cetera. betrachtet werden. Keine Sorgen, es müssen also auch gar nicht Birnen mit Äpfeln verglichen werden, damit die Lohnlücke mehr als 1 Prozent beträgt.

„Also, so schlimm ist es dann zumindest nicht. Unter 10 Prozent im Vergleich zu 17,6 Prozent ist schon ein gewaltiger Unterschied.“

Wie kann es im Jahr 2026 sein, dass es überhaupt noch einen nicht (vollständig) erklärbaren Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen gibt? Von über 6 Prozent? Natürlich, ob Frauen bis zum Equal Pay Day am 27. Februar „gratis“ arbeiten oder nur bis in den Jänner, macht einen Unterschied. Nur gerecht würde ich das noch lange nicht nennen. Und übrigens, den ganz realen Folgen im Alltag vieler Frauen ist es völlig egal, was aus dem unbereinigten Gender Pay Gap herausgerechnet wird. Dass sich neben Zeiten ganz ohne Einkommen auch die kleinen Prozentunterschiede über Jahre summieren, wird spätestens beim Blick auf erschreckend niedrige Frauenpensionen klar. Nach wie vor liegt die Durchschnittspension der Frauen in Österreich unter beziehungsweise nahe an der Armutsgefährdungsschwelle. Schließen wir den Gender Pay Gap, halbieren wir die Frauenarmutsrate.

„Ja, aber wenn Männer und Frauen eben nicht die gleiche Arbeit machen, kann die Lohnlücke doch gar nicht geschlossen werden. Ungleiche Leistung wird eben auch ungleich bezahlt.“

Fast, oder eigentlich ganz daneben. Die unterschiedlichen Branchen, in denen wir alle beschäftigt sind, machen verständlicherweise einen Unterschied. Aber die Forderung lautet auch nicht gleichen Lohn für gleiche Arbeit, sondern gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Ist es fair, dass Pflegeberufe in Österreich erst seit diesem Jahr als Schwerarbeit gelten oder dass Menschen, die in Parkgaragen Autos überwachen, mehr bezahlt bekommen als Elementarpädagog:innen? Ja, warum werden die elementarsten Tätigkeiten, die unsere Gesellschaft am Laufen halten, so schlecht bezahlt? Ist mangelnde Leistungsbereitschaft der Grund, dass Care Arbeit, wie Kinderbetreuung, die Pflege älterer Angehöriger und das Tragen des Mental Load (Stichwort „Wer besorgt die Geburtstagskarten und -geschenke?“), gar nicht entlohnt wird?

„Wenn Frauen mehr Teilzeit arbeiten, sind sie doch selbst schuld, wenn sie weniger verdienen. Oder vielleicht nicht schuld, aber das ist dann doch eine persönliche Entscheidung, die Familien selbst treffen sollten.“

Danke für die Berichtigung, denn die „Schuld“ ist ganz sicher nicht bei Frauen zu suchen. Teilzeit bleibt aber einer der Hauptfaktoren für das Ausweiten der Lohnschere mit zunehmendem Alter. Im Jahr 2024 arbeiteten weniger als 15 Prozent aller Männer in Österreich in Teilzeit, aber mehr als die Hälfte aller Frauen, mit den entsprechenden Auswirkungen auf Aufstiegschancen und die Pension. Was ich mich auch immer frage, ist, wieso diese „persönliche“ Entscheidung in anderen europäischen Ländern ganz anders ausfällt. Unbezahlte Arbeit, allen voran Kinderbetreuung, ist nicht überall „Frauenarbeit“. Gehen in Island etwa  über 90 Prozent aller Männer nur in Karenz, weil die Eltern sonst gezwungen sind, auf drei Monate ihrer Karenz zu verzichten? Oder weil Väter sich genauso Zeit mit ihren Kindern wünschen und Mütter nicht zwischen Kindern und Karriere entscheiden müssen?

„Ja, eh arg. Aber machen kann man halt nicht viel. Ich zumindest nicht.“

War die Entscheidung rund um Karenz gerade nicht noch eine höchstpersönliche? Habe ich da etwas verpasst? Vielleicht können wir nicht jede:r allein den Gender Pay Gap schließen, aber wir können die entsprechenden Rahmenbedingungen einfordern, im Job und insbesondere in der Politik. Ausbau der Kinderbetreuung wäre schonmal mein Favorit. Oder auch mehr Transparenz bei Bewerbungsgesprächen, wie es  ab Juni mit einer neuen EU-Richtlinie umgesetzt wird. Ab dann ist Schluss mit Rätselraten: Einstiegsgehalt und Gehaltsspanne sowie durchschnittliche Entgelthöhe müssen genannt werden. Wir können also danach fragen und alle auf gleicher Basis verhandeln. (Damit auch niemand in alte Muster zurückfällt und behauptet, Frauen müssten eben besser verhandeln.) Ich glaube, am Ende wollen wir doch alle nicht bis nach 2050 warten, bevor der Gender Pay Gap endlich geschlossen wird.

Viel Spaß beim Diskutieren und Happy International Women’s Day!

 

 

 

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