Camphill Community: Wo sich Wohnen und Inklusion treffen

von Friederike Westrich
Lesezeit: 7 min
Unter vielen alternativen Wohnkonzepten sticht die sogenannte Camphill Community hervor: mit dem Grundsatz, Menschen mit Behinderung ein möglichst selbständiges und eingebundenes Leben zu ermöglichen. Dieser Erfahrungsbericht handelt von Komfortzonen, Wohnbedürfnissen und dem Erlernen von Authentizität.

Ich stand in der Küche, schnippelte hektisch an der Karotte und beantwortete minütlich, in welcher Größe Chris denn die Zucchini schneiden sollte. Mein anderer Helfer spähte gerade in den Kühlschrank, um sicherzugehen, dass seine Milch für die Teepause noch genau da war, wo sie vor fünf Minuten war. Heute gab es Curry und ich kochte für fast zwanzig Leute. Mehr als die Hälfte davon waren Menschen mit Behinderung. Bald würden sie von ihren Workshops wie Weberei, Töpferei, Garten, und vielen mehr herbei strömen und Hunger haben. Ich war gestresst, denn kochen hatte ich erst hier in der Camphill Community gelernt.

Von weit her hörte ich die Geräusche, die der dritte Schüler machte. Ihn kannte ich nicht, denn er war ein Besucher, den die Rezeption heute Morgen zu mir geschickt hatte. Lange saß er vor der Waschmaschine, nun wollte er das Curry umrühren. Bei ihm drehte sich alles um Kreisbewegungen. Seine Geräusche wurden lauter und ich drehte mich um. Der Ofenhandschuh ging in einer riesigen Stichflamme auf. Er war in den offenen Herd gerutscht. Ich schnappte ihn mir und warf ihn raus. Mein Herz pumpte laut und von weitem hörte ich schon die anderen Schüler:innen, die auf dem Weg zum Mittagessen waren. Gleich würde hier das kleine Chaos ausbrechen, Arbeitsklamotten mussten ausgezogen werden, Hände gewaschen, und man musste für mindestens drei Personen mitdenken. Als ich dann den Schüler fragte, was wir machen, wenn wir ein Feuer sehen, sagte er: Wir sagen dem Feuer, es soll ausgehen.

Dann saßen alle am Tisch, in ruhiger Vorfreude aufs Essen. Ich schaute in die Runde, sah die verschiedensten Gesichter, hinter denen die verschiedensten Charaktere steckten, mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen. Sam saß auf einem riesigen Stuhl und hatte eine extra Tischerhöhung, die seiner Größe gerecht wurde. Lucy war in eine große Plastikschürze gehüllt, ihrer wilden Essensart geschuldet. Jack musste erinnert werden, das Essen auf seiner Gabel auch zu essen und nicht nur anzustarren. Und so ging das weiter: Jede Person ist so wunderbar individuell, und hier wurde genug Zeit und Raum geschaffen, all diesen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Das Konzept vom Camphill

Wo ich ein Jahr lang lebte, war eine sogenannte Camphill Community in England. Hier leben Menschen mit geistigen, seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen zusammen mit Betreuer:innen und Freiwilligen. Sie werden eingebunden in Betriebe mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft, in Küchen, Bäckereien und in Werkstätten.

Das Ziel ist ein möglichst selbstständiges Leben. Dahinter steckt ein anthroposophisches Menschenbild, nach dem alle Menschen mit und ohne Behinderung gleichwertige Individuen sind und ein Recht auf ein erfülltes Leben in Freiheit und Würde haben. Die Bewegung Camphill begann 1939 durch eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge um das Wiener Ehepaar Karl und Tilla König, die eine Gemeinschaft mit Kindern mit Behinderung in Schottland gründeten. Mittlerweile gibt es Camphill Communities auf der ganzen Welt.

Wohnmodelle abseits des Mainstreams

Die meisten Menschen wohnen in WGs, Pärchenwohnungen, Ein-Familien-Häusern. Im ersten Halbjahr 2023 lebten 60 Prozent der Erwachsenen in Deutschland als Paar zusammen. Gegenwärtig gilt als Treiber für veränderte Wohnverhältnisse vor allem die Individualisierung. Zum einen sehen wir die sinkenden Haushaltsgrößen und andererseits, als Gegenreaktion, ein gesteigertes Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Wohnen. Ab den 1960er Jahren waren es vor allem Studierende, die eine Pionierrolle beim Entwickeln neuer Wohnformen einnahmen. Dabei stellten Wohngemeinschaften einen Protest gegen die dominante Wohnform der bürgerlichen Kleinfamilie dar.

In Wohngruppenmodellen beziehungsweise Communities wird durch gruppendynamische Abläufe und Lernprozesse eine Demokratisierung und der Abbau hierarchischer Ordnungen angestrebt. Sie verfolgen den Anspruch, soziale-integrative Funktionen wahrzunehmen und wollen daher explizit besonderen Wohnbedürfnissen gerecht werden. Sie zeigen daher einen sozialen Mehrwert, besonders bezogen auf Integration.

Der Abschied von der Komfortzone

Eigentlich wollte ich gar nicht in so eine Community. Ich wollte am liebsten nur ein halbes Jahr weg, kein Ganzes, nach Spanien oder Portugal oder Australien, und in einer Schule oder einem Kindergarten arbeiten. Dass ich im verregneten England landen würde, hätte ich nie gedacht. Nach sorgfältiger Verarbeitung weiß ich: Es war das Beste, das mir hätte passieren können. So weit aus meiner Komfortzone rauszukommen und in einem alternativen Wohnkonzept zu leben, sollte mein ganzes Leben verändern.

In meinem Haus lebten vier andere Freiwillige und fünf Schüler:innen, welche eine Behinderung hatten. Auf dem ganzen Gelände gab es fünf Häuser, eines davon eine Burg und meines, ein Waldorfhaus ohne rechte Winkel. Dazu gab es diverse Werkstätten, Stallungen, Felder und einen Garten. Der Garten war erstaunlich groß und das Gewächshaus schockierend zugewuchert. 

Meine Hausmutter war Nikki Durham (50). Sie lebte ihr ganzes Leben in einem Camphill, ist sogar in einem aufgewachsen und hat mein Leben sehr bereichert. Neben einigen anderen Freiwilligen lebte auch Jonatan Gutiérrez (25) aus Kolumbien zusammen mit mir im Haus. Nachdem er zwischendurch nach Kolumbien zurückgekehrt war, hat er sich dann doch wieder dazu entschieden, langfristig zum Camphill-Leben zurückzukehren. Er schätzt die Atmosphäre und die Herzlichkeit der Menschen, die man unterstützt, mit denen man lebt und arbeitet. Auch Nikki kann sich von diesem Lebensstil nicht losreißen und sagt: Am meisten schätze ich am Camphill, dass ich mein Leben mit einer solchen Vielfalt von Menschen teilen kann, von den Schüler:innen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, Perspektiven und Weltanschauungen, über die Mitarbeiter:innen mit ihren verschiedenen Kulturen und Hintergründen bis hin zu den Kolleg:innen, die aufgrund ihrer Rolle und Ausbildung unterschiedliche Einsichten mitbringen. Ich schätze es auch sehr, in einem Umfeld zu arbeiten, das die Schönheit in dem, was und wie wir es tun, schätzt und hochhält – von der Pflege des Hauses bis hin zur gegenseitigen Fürsorge.“

Arbeit mit Menschen ist Gewöhnungssache

In der ersten Woche aß ich bei den gemeinsamen Mahlzeiten fast nichts, sondern sah zu, wie meine Tischnachbarin Lucy sich das kleingematschte Essen mit vielen Fingern in den Mund schob, ausspuckte und wieder reinstopfte. Schlucken und Kauen ging nicht. Als jemand auf die grandiose Idee kam, Nudeln zu kochen und ich diese an einem Ende schon fast verdauten Spaghetti am anderen Ende wieder aus Lucys Mund ziehen durfte, hatte ich alles gesehen. Mein Appetit kam zurück. Körperhygiene bei anderen ist auch nur eine Variante des Putzens, sagte ich mir. 

Ich lernte, dass die Arbeit, das Essen und Leben und Feiern mit immer den gleichen Menschen am immer gleichen Ort in gleichen Konstellationen Spannungen, aber auch Langeweile förderten. Raus kam man selten, Einheimische außerhalb der gut abgeschlossenen Bubble lernte niemand kennen. Es ist eben ein sehr besonderes Lebensumfeld. An Ostern kreuzigten wir Brötchen, sprangen über das Feuer und aßen beim Silent Supper in absoluter Stille, an Weihnachten sangen wir für die Kühe, damit sie im nächsten Jahr Milch gaben. Gegessen wurde stets zusammen. Wenn man was vom anderen Tischende wollte, wurde es durch alle Hände gereicht, auch wenn Jack sich nur in unerträglicher Zeitlupe bewegte. Ich merkte, dass Geduld meine Schwachstelle ist und das Essentielle an dieser Arbeit. Ich lernte von den Schüler:innen, warum man authentisch sein soll. Sie besaßen gar nicht die Fähigkeit, sich zu verstellen und dies machte jede:n so einzigartig und wunderbar. Gerade die Eigenarten und besonderen Charakterzüge jeder Person sind das, was am meisten geschätzt und geliebt wird. Diese laut nach außen zu tragen, kann beängstigend sein, birgt aber Chancen für intensive Bindungen mit Menschen in sich. In dem Zuge lernte ich auch, dass ich meine Energie niemals dafür verschwenden sollte, es allen recht machen zu wollen. 

 

Das Beste am Camphill ist, dass man nie allein ist und das Schlimmste am Camphill ist, dass man nie alleine ist. – Motto von Nikki Durham, Hausmutter. 

 

Nun, auf ins Camphill?

Sicherlich ist das Camphill Community Konzept, vor allem auf Dauer, nicht für jede Person was. Jonatan sagt dazu, dass es für manche Menschen sehr schwierig ist, am selben Ort zu leben und zu arbeiten. Außerdem kann es schwierig sein, sich von der „Außenwelt“ abzuschotten, wenn man länger hier ist. Genauso findet Nikki, dass das Camphill-Leben nicht für jede Person geeignet ist: Denn es ist mehr als ein Job, es ist eine Entscheidung, das Leben auf eine bestimmte Weise zu leben, und es ist sehr intensiv. Wenn es also nicht mit den eigenen Werten übereinstimmt, wird es zu stressig und schadet dem persönlichen Wohlbefinden.

Dennoch kann ich jeder Person empfehlen, es auszuprobieren. Der eigene Horizont erweitert sich und man wird aus dem engen Familien-Konzept rausgeschmissen, welches sich über die Jahre in unsere Vorstellungen vom Zusammenleben eingebrannt hat. Vorurteile werden abgebaut und man lernt unglaublich viel über sich, über Kommunikation und über Offenheit.

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