Des einen Freud ist des anderen Leid. Während die einen den Starttermin des Christkindlmarktes im Kalender rot umrandet haben, können die anderen es schon vor seinem Aufbau nicht mehr erwarten, bis dieser wieder zu Ende ist. Das Verhalten am Weihnachtsmarkt verrät dabei das ein oder andere über die Persönlichkeit der Menschen.
Der Tourist aka der Tassensammler
Nach stundenlanger Fahrt kommt der Reisebus endlich zum Halt. Die Türen öffnen sich in Zeitlupe und der Rauch der Abgase erzeugt zusätzlich noch einen theatralischen Effekt. Er steigt aus. Er fühlt sich das ganze Jahr schon bereit für diesen Moment. In seiner Tasche findet man außer einem Batzen Bargeld nicht viel, schließlich wird jetzt fleißig eingekauft. Schon im September wurde im Schrank Platz für die ganzen Tassen gemacht, die er auch dieses Jahr in allen Farben wieder als Souvenirs mitnehmen will. Ein anderes Design haben diese nicht, nur der Tassenpfand stieg auf saftige vier Euro. Zugegeben, die mit Gold überzogene Jubiläumstasse ist aber auch schön.
Alle Stände, die Mützen, Handschuhe oder Schmuck für den Weihnachtsbaum verkaufen, wurden abgeklappert und leergekauft. Zum Abschluss werden noch zwei köstliche Glühweine gekippt und ein paar Bilder von der prunkvollen Dekoration in der Stadt geschossen. Er setzt sich wieder auf seinen Platz im Bus. Die Taschen voll mit Mitbringseln, leicht beschwipst von zwei Glühweinen und voll von frittierten kulinarischen Köstlichkeiten blickt er auf einen glorreichen Tag zurück und nickt dem Markt noch einmal symbolisch zu, bevor der Busfahrer wieder aufs Gas tritt. Auch dieses Jahr war der Besuch des Weihnachtsmarkts ein voller Erfolg. Etwas anderes hat er sich aber auch nicht erwartet.
Der Sparfuchs
Mit ihrer Kostenkalkulation und einem fixen Budget macht sich auch sie auf den Weg zum Weihnachtsmarkt. Die Preise hat sie schon davor genauestens studiert. Sie bringt Verständnis für die Preiserhöhungen wegen der Inflation auf, jedoch sind dann acht Euro für eine Brotscheibe mit Käse in ihren Augen eine bodenlose Frechheit. Mit ihrer wiederverwendbaren Thermos-Tasse bestellt sie sich ihren ersten und wahrscheinlich einzigen Glühwein, den sie dann so langsam wie möglich über ihre Geschmacksknospen laufen lässt. Schließlich wird dieser in der Thermos-Tasse ja nicht kalt. Dass sie bei jedem Getränkestand fragt, ob sie diese auch noch ausspülen könnten, macht natürlich keine Umstände.
Langsam grummelt ihr Magen, doch an das fettige, überteuerte Essen ist nicht zu denken. Sie hat schon vorgesorgt und öffnet die Dose mit den selbstgemachten Keksen. Schmecken ihrer Meinung nach eh besser und sind mit einem durchschnittlichen Preis von 39 Cent pro Keks ein wahrer Schnapper. Nicht mal der Preis für den Weihnachtszauber ist in ihren Augen verhandelbar.
Die Enthusiastin
Ihr Herz schlägt im Takt von Jingle Bells, ihr Blut besteht wahrscheinlich aus einer Mischung aus Glühwein und Zimt. Während der Rest der Welt sich noch mit Kürbissen und Herbstlaub beschäftigt, hat sie bereits ihr Zelt vor dem Platz aufgeschlagen, wo in einigen Wochen der Weihnachtsmarkt in aller Pracht erscheint. Ihre Liebe zu Glühwein ist so groß, dass sie sicherlich glaubt, er sei das Elixier der Unsterblichkeit. Jeder ihrer Schneeflockenmusterpullover schreien förmlich: „Ich liebe Weihnachten mehr als du!“ Das Knirschen von überfüllten Plastiktüten und der Geruch von fettigem Essen beflügeln ihre Sinne förmlich. Der Weihnachtsmarkt ist ihr Paradies, ihr Zuhause. Die Geldbörse wird nach jedem Stand leichter und in die Menschenmasse reingequetscht wärmt sie nicht nur ihre Hände, sondern auch ihr Herz.
Der Weihnachtsmuffel
Inmitten des festlichen Glanzes und der fröhlichen Klänge der Weihnachtslieder findet man den verbissenen Weihnachtsmuffel, eingehüllt in eine unsichtbare Wolke aus Ärger, die Grinch-Vibes abgibt. Für ihn ist der Christkindlmarkt kein idyllischer Ort der Freude, sondern vielmehr ein Alptraum aus blinkenden Lichtern, überdrehten Menschenmassen und unerträglichen Weihnachtsmelodien. Während die anderen ihre köstlichen Heißgetränke und Leckereien genießen, schleicht er sich durch die Buden wie ein unwilliger Geist, von jeder frohen Geste abgestoßen. Er möchte doch einfach nur nach Hause, doch die vermeintliche Abkürzung durch den Weihnachtsmarkt entpuppt sich als ein Spaziergang durch die Hölle. Für ihn ist der Duft von Glühwein gleichbedeutend mit dem Geruch von gequälten Nerven, und die festliche Atmosphäre wird lediglich als eine lästige Pflicht betrachtet, die er am liebsten überspringen würde.
Das Ende des Marktes ist in Sicht, das Ziel zum Greifen nah. Bald hat er es geschafft und er lässt diese Clown-Show zurück. Doch jemand ergreift ihn an seinem Ärmel, es ist ein Bekannter von ihm. „Ach, komm schon. Wenn du schon hier bist, kannst du doch einen Glühwein mit mir trinken, geht auch auf mich!“, lädt dieser ihn ein. Er nimmt einen kleinen Schluck vom Glühwein, stellt diesen wieder ab und sagt nüchtern: „Nicht meins.“ Es hat ihm himmlisch gut geschmeckt, das wird er aber nie zugeben.
Die Glühweingenießerin
Der Duft von Zimt und gebrannten Mandeln liegt auf dem Weihnachtsmarkt in der Luft, aber hin und wieder entzückt auch der feine Geruch einer Glühwein-Fahne die Nase des ein oder anderen Vorbeigehenden. Für die Glühweingenießer:innen bedeutet der Beginn des Weihnachtsmarkts vor allem eines: jeden Tag wieder gottlos Glühwein bechern. Ob nach der Vorlesung, vor der Vorlesung oder statt der Vorlesung, man findet schon ein Zeitfenster. Warum nicht mal Glühwein am Morgen? Schließlich ist es irgendwo auf der Welt immer fünf Uhr nachmittags. Die Zeit, in der man sich das genüsslich dampfende und aromatische Heißgetränk gierig in den Schlund gießen kann, ist knapp. Man sollte sie besser ausnutzen.
Ein Glühwein kommt selten allein und so wissen auch die schlauen Rechner: Mit dem Tassenpfand, den man von seinem letzten Glühwein zurückbekommt, ist der nächste Glühwein so gut wie gratis! So passiert es nicht selten, dass man in einer Endlosschleife des Glühwein-Konsums gefangen ist und erst wieder rausgerissen wird, wenn die kleinen Häuschen ihre Klappe schließen.