„Erstmal war ich froh, dass ich angenommen wurde, und dann konnte ich mich wegen der Wohnungssuche gar nicht so recht freuen” – Mine, 19
Als die 19-jährige Mine aus Deutschland Anfang September ihre Zusage für das Psychologiestudium in Innsbruck erhielt, war ihre Freude groß. Sie bewarb sich für WGs und träumte von einem schönen Zimmer für ihren neuen Lebensabschnitt. Niemals hätte sie gedacht, wie schwierig die Suche tatsächlich wird: Nach zwei Wochen noch immer keine Antwort auf nur eine einzige ihrer Anfragen. „All das hat mich sehr gestresst“, sagt sie rückblickend am Telefon. „Erstmal war ich froh, dass ich angenommen wurde, und dann konnte ich mich wegen der Wohnungssuche gar nicht so recht freuen.“ Mine holt sich die Premiumversion von WG-gesucht, die zeigt, wie viele Anfragen bestimmte Inserate seit Veröffentlichung bekommen haben: Ihr zufolge waren das im September teilweise 80 Bewerbungen pro Anzeige innerhalb von zwei Tagen. Dann endlich bekam sie eine Rückmeldung für ein Zimmer in Mieders und sagte notgedrungen zu. In die Stadt braucht sie von dort 45 Minuten, der letzte Bus fährt um 23 Uhr – und sie muss sich das Zimmer mit einer anderen Studentin teilen. 320 Euro zahlt Mine für ihre Hälfte der 14 Quadratmeter. Airbnb, Hostel, bis zu zwei Stunden Pendeln: In Mines Psychologiestudium gibt es viele, die Ähnliches erlebt haben. „Es ist echt krass“, betont sie.
Vizebürgermeister: 1230 neue Wohnheimplätze seit 2019 geplant, 580 bereits übergeben
Die Nachfrage nach Wohnraum, aber auch touristischen Unterkünften ist in Innsbruck besonders hoch und spiegelt sich dementsprechend im angespannten Wohnungsmarkt wider. Das betont auch Innsbrucks Vizebürgermeister Georg Willi auf schriftliche Anfrage der UNIpress: „Wir sind als Universitätsstadt attraktiv für Studierende und Lehrende. Tourist:innen zieht das alpin-urbane Flair im Herzen der Alpen an. Innsbruck punktet als Wirtschaftsstandort im Zentrum von Mitteleuropa.“ Dem Vizebürgermeister zufolge habe die Stadt viel getan, um die Situation auf dem Wohnungsmarkt zu entspannen. „Der größte Hebel für leistbares Wohnen sind die 17.500 Wohnungen, für die die Stadt das Vergaberecht hat“, so Willi. Dadurch seien die Zugangsbedingungen für Stadtwohnungen erleichtert und der Personenkreis erweitert worden, obwohl die Wartelisten lang seien. Trotzdem: „Große Projekte sind in der Pipeline.“ So soll zum Beispiel das Projekt Sicheres Wohnen des Landes Tirol einen Anreiz für Vermieter:innen schaffen, ihre Wohnungen am Markt anzubieten und nicht zum Beispiel über Airbnb. Außerdem wolle die Stadt Mieter:innen durch Mietzins- und Wohnbeihilfe sowie Kautionsfonds noch weiter unterstützen. Mit der Leerstandsabgabe, die die Stadt beim Land Tirol erkämpft hat, soll das Leerstehenlassen von Wohnungen unattraktiv gemacht werden. Ein großer Haken bleibt jedoch: „Ohne den Bundesgesetzgeber, der die Mietsteigerungen für alle Wohnungen deckeln muss, kommen wir nicht weiter“, betont Willi. Für Studierende seien seit 2019 580 Wohnheimplätze übergeben worden, rund 150 seien kurz vor der Fertigstellung und weitere 500 stehen vor der Umsetzung. Die Stadt Innsbruck überträgt einen Teil der Vergabe von Heimplätzen an die ÖHs, die dafür eine eigene Vergaberichtlinie erarbeitet haben. „Hier sind wir in der Finalisierung“, sagt Willi. Ausgelöst wurde dies mit der Studie Studentisches Wohnen 2019. Die Stadtplanung hatte dabei die Rahmenbedingungen und potenzielle Standorte für Studierenden-Wohnheime definiert und den Zimmerpreis mit rund 400 bis 500 Euro definiert.
„Jede Person schreibt, sie ist naturverbunden. In Innsbruck hebt einen das nicht aus der Masse heraus” – Milo, 21
Wer ein Zimmer in Innsbruck für unter 500 Euro findet – wenn es endlich eine Zusage gibt – kann sich glücklich schätzen. Der 21-jährige Milo aus Graz hat im November endlich eine Zusage für ein Zimmer für 430 Euro bekommen. Die ersten sechs Nächte seines Semesters verbrachte der Biologiestudent mit seinem Kumpel im Camper. Zunächst parkten sie bei der Technik, wichen nach einer Ermahnung jedoch an die Raststation bei der Autobahn aus. Anschließend kamen sie bei Bekannten von Bekannten unter. Bereits im Mai hatte er begonnen, sich nach Zimmern umzuhören, ab August suchte er dann intensiv. Vier Besichtigungen hatte er in dieser Zeit – darunter auch Massenbesichtigungen, wie er sie nennt. Erst vier Wochen nach Studienbeginn bekam er eine Zusage für eine Wohnung, die er mit seinem Kumpel für insgesamt 860 Euro teilt. Anderen Wohnungssuchenden rät er, bei der Bewerbung so genau wie möglich zu sein: „Jede Person schreibt rein, sie ist naturverbunden und viel in den Bergen unterwegs. In Innsbruck hebt einen das nicht aus der Masse heraus.“ Rückblickend hätte er, abgesehen davon, aber nichts anders gemacht: „Es war ein lässiger Monat und ich war auch bereit, mal nicht so komfortabel ins Studium zu starten.“
„Ich habe versucht, mich abzulenken. Wenn ich ständig im Hostel geblieben wäre, hätte ich wahrscheinlich nie aufgehört zu weinen” – Vanessa, 21
Alles andere als komfortabel ist auch Vanessa aus Italien in Innsbruck gestartet. Die 21-Jährige studiert in Sardinien Translationswissenschaft und bekam im Mai ihre Zusage für ihr Auslandssemester in Innsbruck. Kurz darauf setzte sie sich auf die Wartelisten der Wohnheime. „Ich habe dem Ganzen zu viel vertraut“, sagt sie rückblickend bei einem Spaziergang. Sie bekam eine Zusage für ein Wohnheimzimmer, überwies 300 Euro Kaution und 250 Euro Bearbeitungsgebühr. Das Wohnheim schrieb, dass sie sich wieder melden. Als Vanessa später nachhakte, kam keine Antwort. „Es war so seltsam und sehr unprofessionell“, berichtet sie. Zwei Wochen vor ihrem Abflug dann die Rückmeldung: Das Zimmer sei an jemand anderen vermietet worden, es hätte ein Missverständnis gegeben, entschuldigung! Besorgt schrieb Vanessa WGs an, doch keine einzige Anfrage wurde auch nur beantwortet. Auf den 250 Euro Bearbeitungsgebühren des Wohnheims bleibt sie bis heute sitzen. „Ich habe mir sehr viele Sorgen gemacht“, sagt sie. Glücklicherweise unterstützten sie ihre Eltern und ermutigten sie, es zunächst ohne Unterkunft in Innsbruck zu versuchen. Schließlich zog sie Anfang des Semesters in einen Schlafsaal im Hostel, wo eine Nacht zwischen 40 und 50 Euro kostete. „Ich habe versucht, mich abzulenken und bin ausgegangen. Wenn ich ständig im Hostel geblieben wäre, hätte ich wahrscheinlich nie aufgehört zu weinen“, blickt sie zurück.
Im Hostel lernte sie schließlich einen 23-jährigen Mitarbeiter aus Brasilien kennen, der ihr anbot, bei ihm einzuziehen. „Zuerst war ich besorgt, ein Zimmer mit einem fremden Mann zu teilen, aber er ist sehr nett und es läuft gut”, sagt sie. Natürlich vermisse sie manchmal ihre Privatsphäre, aber es seien ja nur fünf Monate, meint Vanessa. Für die Hälfte vom Zimmer in zentraler Lage zahlt sie alles in allem 500 Euro. „Es ist auf jeden Fall ein Abenteuer”, sagt sie lachend. Trotzdem betont sie, dass sie sich von den Erasmus-Organisationen in Innsbruck und Sardinien mehr Unterstützung erhofft hatte: „Ich ziehe in eine fremde Stadt für mein Erasmus und bin komplett auf mich alleine gestellt.” Bei ihrem ersten Auslandssemester in Litauen habe sie innerhalb von einer Woche ein Zimmer gefunden. Nach Innsbruck kämen jedes Semester zwei Austauschstudierende aus Sardinien, wundert sie sich: Wieso könne man da nicht einen Abmachung treffen? Vier Wochen nach Unistart kann Vanessa endlich ihr Auslandssemester genießen: „Ich liebe Innsbruck!“
Der Rückweg führt an der Innbrücke vorbei. Dort fällt sofort ein Flyer mit Bildern, Telefonnummer und E-Mai-Adresse auf, der an der Ampel hängt: Robin, 21, sucht einen Monat nach Studienstart immer noch nach einer Unterkunft. Damit ist er nur einer von vielen.

