Latein: Ein Trauma in zwei Akten

von Kristina Kerber
Lesezeit: 3 min
Von der Schulbank bis zum Hörsaal: Das Latinum ist nicht nur Grund vieler Albträume, sondern auch Grundvoraussetzung für viele Studienrichtungen. Latein ist mehr als nur eine tote Sprache: eine untote Sprache, ein Vampir, der seit Generationen unsere Schulen und Unis heimsucht. Zwei Geschichten, zwei Perspektiven, ein Fazit: Latein hinterlässt (Biss-)Spuren.

Akt I: Langzeittrauma

von Kristina Kerber

qui, quae, quod

cuius

cui

quem, quam, quod

quo, qua, quo

Kein Haiku und auch kein Hatschi, sondern die Wurzel meines Urtraumas. Jahre vor den meisten anderen Schicksalsschlägen in meinem Leben gab es Latein. Angefangen hat alles vor meiner Geburt. Und vor Christi Geburt! Aber so richtig getroffen hat es mich erst im schicksalhaften Alter von 10 Jahren, als es plötzlich hieß: Nein, Gendern gab es auch schon damals. Ab da hieß es dann Deklination und Deformation meines absolut unentwickelten präfrontalen Cortex. Latein war der Grund vieler meiner ersten Male: erste Frühwarnung. Erster schulischer Nervenzusammenbruch – zumindest der erste, nachdem ich erfahren hatte, dass man Pluto den Planetenstatus aberkannt hat. Und auch das erste Mal, dass ich bewusst eine berufliche Zukunft als Päpstin ausschloss. Latein als vatikanische Amtssprache schien mir wie ein größeres Hindernis als mein weibliches Geschlecht.

Als ich dann mit meinem pubertären vierzehnjährigen Gehirn erneut vor die Entscheidung zwischen Fremdsprachen gestellt wurde, tat ich, was jeder normal denkende Mensch mit halb entwickeltem präfrontalen Cortex getan hätte: Im Grund meiner schulischen Misere zu bohren wie in einer offenen Wunde. Latein wurde auch in meiner Oberstufenzeit zum Salz. Wie die Nägel in Christis Händen und Füßen gab ich mich weitere vier Jahre geschlagen. In die Gruft hinabgelassen wurde ich erst, als ich angefangen habe, Latein zu sehen wie die erste verflossene Liebe: So ewig während es sich anfühlt, irgendwann ist es vorbei. Auf der Uni trennte sich dann schnell die Spreu vom Weizen: Traumatisierte, Trauma-Anwärter:innen und die geheime dritte Getreidekategorie: Nicht-Humanisten. Denn sie sind es, die dem kleinen Latinum auf ewig entkommen und sich so trotz Nicht-Humanistentum ihre Menschlichkeit bewahren können.

Aber wo ich mir die Lateinflüchtlinge so anschaue, beschleicht mich ein Gedanke: Lorem ipsum.

 

Akt II: Trauma im Schnelldurchlauf

von Marie Eisele

Latein, das waren für mich immer nur Asterix-Sprüche und verstaubte Historie. Veni vedi vici, und sonst nicht viel. Am Gymnasium hatte ich deswegen eine Art Gottkomplex. Ich fühlte mich sehr modern mit meinem Französisch und Spanisch. So nützliche Sprachen! Latein ist tot, das werde ich niemals brauchen. Oder?

Skip zum letzten Sommersemester: Latein ist aus dem Grab auferstanden, um mich heimzusuchen. In meinem Stundenplan hängen wie hässliche Banner zwei Blöcke Latein pro Woche. Jeweils 2:45 Stunden, bis in den Abend hinein. Mein Curriculum zwingt mich. Was man nicht alles tut für die liebe Geisteswissenschaft! Hic sedet Marie, und leidet. Auch mein Geldbeutel leidet: Ich muss 300 Euro abdrücken für Online-Kurs und Prüfung. Mit dem linearen Wachstum meiner Lateinkenntnisse, schön Lektion für Lektion, wächst meine Frustration exponentiell. Insgeheim bin ich froh, dass die Römer ausgestorben sind, sie haben’s bei dieser Sprache nicht anders verdient. Ich bin nicht die Einzige: Die Teilnehmerliste auf Big Blue Button wird kleiner und kleiner. Anfang Sommer gehe ich nicht mehr hin. Den Rest werde ich mir schon selbst beibringen können.

Skip zum Juli: Ich sitze im Prüfungssaal, vor mir ein Text über einen Wolf im Schafspelz, der Plot ähnlich sinnlos wie bei allen lateinischen Texten, die mir untergekommen sind. Ich habe eine Woche Ultra-Latein hinter mir. Von morgens um acht bis abends um sieben habe ich nichts anderes gemacht, als Latein zu pauken. Ich habe Latein gelebt, Latein geatmet, Latein zum Frühstück gegessen und 200 Seiten Skript in meinem Gehirn abgespeichert. Ich übersetze wie wild und schaffe die Prüfung. Dann komme ich raus aus dem Saal und – was ist das? Das ganze Latein ist von der Festplatte gelöscht. Wo gerade noch Deklinationen und Konjugationen waren – gähnende Leere. Und wieder kann ich auf Latein nur eines sagen: Veni vidi vici. Gut, dass ich’s im Studium eh noch nie gebraucht habe.

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