Schluss mit dem Smartphone 

von Sophie Borbe
Lesezeit: 7 min
Radikaler Verzicht aufs Smartphone. Diesem Experiment stellt sich unsere Autorin. Ob die Trennung vom ständigen Begleiter zur Erleuchtung des Jahrhunderts oder doch nur zu lästigen Stunden führt?

„Moderne ist Schicksal. Wer in der Moderne lebt, kann nicht woanders leben“, hallt es mir aus der Vorlesung vom letzten Semester nach. Dieser Behauptung werde ich mich diese Woche stellen: Ich verzichte sieben Tage auf mein Smartphone – und steige auf unser noch existierendes Haustelefon um. Das bedeutet: Kein Social Media, kein Google Maps, keine Uni-App, nichts. Nur das Tuten in der Telefonleitung. E-Mails und OLAT nutze ich ausschließlich über den Computer. 

Die Vorbereitung auf das Selbstexperiment

An einem Donnerstagnachmittag beschließe ich, das Experiment am Folgetag zu starten. Schnell wird mir klar, dass es einiges zu bedenken gibt. Ich übertrage meinen Kalender vom Smartphone auf einen analogen Kalender und schreibe mir die wichtigsten Telefonnummern heraus. Aus dem Nachtkästchen meiner Mutter krame ich einen alten Wecker aus, ein echter Goldfund: Neben Uhrzeit und Alarm ist sogar ein Radio integriert. Der Verlust von Spotify lässt sich damit hoffentlich ausgleichen. Auch meine alte Armbanduhr findet wieder ihren Weg an mein Handgelenk, allerdings ohne Batterie. Schnell führe ich noch die wichtigsten Telefonate und suche mein Smartphone auf wichtige Dinge ab. In den sozialen Medien hinterlasse ich noch einen letzten Post, der meine Abschottung ankündigt. Die Reaktionen darauf fallen überraschend positiv aus. 

Als ich dann am Abend meinen neuen Wecker stelle, ist mein Smartphone bereits im hintersten Eck meines Kastens versenkt. Ein mulmiges Gefühl breitet sich in meinem Bauch aus. Trotz Testversuch bin ich skeptisch, ob der Wecker auch wirklich funktioniert. 

Tag 1

Das gnadenlose Piepsen, das mich in exaktem Metrum aus dem Schlaf trällert, nimmt mir diese Sorge. Nervös bin ich trotzdem. Es ist ein komischer Gedanke, dass ich ohne Smartphone aus dem Haus gehen werde. Während die Punktlandung zum Zug sonst meine größte Stärke ist, gehe ich heute lieber fünf Minuten früher los. Denn Uhr habe ich ja keine. Zumindest keine mit Batterie. Und nach dem fünften automatisierten Griff in meine Jackentasche checkt auch die letzte Gehirnzelle, dass das Smartphone immer noch im Kasten liegt. Beim Einsteigen in den Zug fühle ich mich so, als müsse es ein Geheimnis bleiben, dass ich ohne Smartphone unterwegs bin.

In der Uni angekommen habe ich erstmal keinen Plan, in welchem Raum mein Seminar stattfindet. Nach einem kleinen Irrgang durch den 8. und 9. Stock des Geiwi-Turms und Anstrengung meiner räumlichen Erinnerung ist das Problem behoben. Allerdings mit leichter Verspätung.

Auf dem Nachhauseweg steuere ich das nächste Uhrengeschäft an, danach fahre ich heim. Die Zugzeiten weiß ich auswendig. Für einige Termine nächste Woche werden dann wohl Zug- und Buspläne (oder besser gesagt ich im Umgang mit ihnen) ihr Können beweisen müssen. Trotzdem fühlt es sich mittlerweile gut an, ohne Handy unterwegs zu sein. Dadurch fällt die ständige Versuchung nämlich automatisch weg. Das Warten auf den Zug fülle ich mit meinen Gedanken und beobachte das Geschehen um mich herum. Trotzdem ploppen mir in Gedanken immer wieder Ideen auf, die ich gerne googeln oder meinen Freunden mitteilen würde. Doch bevor ich daheim zum Festnetz greife, warte ich dann lieber aufs nächste Treffen. Mir gegenüber sitzt eine ältere Dame und ich frage mich, ob wir Gleichgesinnte sind. Wie hat sie den digitalen Wandel in ihrem Leben wahrgenommen? Ihre Erfahrung aus dem smartphonelosen Zeitalter würde immerhin authentisch widerspiegeln, was ich gerade nacherleben will.

Im Vergleich zu heute Morgen fühle ich mich schon viel vollständiger ohne das Smartphone. Denn irgendwie ist es ja doch so etwas wie ein Teil von uns. Zuhause angekommen, rufe ich eine Freundin an, mit der ich morgen verabredet bin. Ich besuche sie zum ersten Mal in ihrer neuen WG, dorthin muss ich also ohne Google Maps finden. Den Weg lasse ich mir am Telefon genau beschreiben. Ohne Smartphone zu leben, bedeutet auch, Dinge im Vorhinein besser zu planen und abzusprechen. Denn eine spontane Planänderung kommt vermutlich nicht mehr beim Gegenüber an.

Am Abend mischt sich ein Gefühl der Entspanntheit dazu. Der ständigen Erreichbarkeit und ewigen Versuchung des Smartphones zu entkommen, fühlt sich ein wenig an wie Urlaub. Und da nun das Wochenende ansteht, ist es nochmal mehr okay, nicht erreichbar zu sein.

Wochenende: Tag 2 & 3

Bei meiner Freundin angekommen, applaudieren mir erst mal alle. Tatsächlich habe ich bis heute schon ewig keinen Blick mehr auf den Busplan geworfen. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass sich bis jetzt weniger ich selbst verändert habe, sondern mehr meine Herangehensweise an die Dinge. Man muss sich erst mal daran erinnern, wie früher alles funktioniert hat. Buspläne an Haltestellen und Bahnhöfen statt Apps; Wegbeschreibungen, Stadtpläne und Fragen stellen statt Google Maps.

Später sitze ich zuhause auf der Couch und frage meine Schwester nach der Schreibweise von einem Wort. Als Antwort bekomme ich nur, dass ich das jetzt im Duden nachschlagen muss. Sie hat jedenfalls verstanden, worum es in diesem Experiment geht.

Tag 4 bis 7

Nach der Ablenkung vom Wochenende sehne ich mich wieder nach dem warmen Gefühl meines Smartphones. Daher zünde ich mir heute protesthalber eine Kerze an und schreibe an diesem Text weiter – natürlich mit der Hand. Während ich in den letzten Tagen selbst keines hatte, blieb mehr Zeit, Menschen mit Smartphone zu beobachten. Müssen wir wirklich jeden Mini-Gedanken per Nachricht oder im Status teilen? Wollen wir unsere freien Minuten und Entspannungsphasen damit verbringen, uns mit Werbung berieseln zu lassen? Wenn wir 24/7 am Handy sind, machen wir es der Welt leicht, uns als Objekte mit Interessen auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Stattdessen könnten wir Tagebuch schreiben, Sport machen, kreativ sein, einfach an die Decke starren. Näher bei uns selbst sein.

Als ich meinen Hausarzt anrufen will, wird es interessant. Denn die Nummer darf ich ja nicht googeln. Also erinnere ich mich an unser Telefonbuch und krame es aus der Schublade. Nach kurzer Suche werde ich fündig. Aus Neugierde suche ich noch weitere Nummern heraus und bin fast schon überrascht, wie gut dieses System funktioniert. Die Jugend von heute.

Je weiter sich das Selbstexperiment dem Ende zuneigt, desto mehr Hindernisse stellt mir der Alltag. Onlinebanking gegen einen Zahlschein zu ersetzen, den ich erst aus der Bank im Nebenort bekomme, sprengt zum Beispiel meinen Zeitplan. Und jedes Mal, wenn ich das Haustelefon verwende, setzt das WLAN für einige Minuten aus. Verpasste Anrufe zeigt mir das Telefon nicht an, außer jemand spricht auf die Mailbox. Was nicht der Fall ist. Während ich die Abwesenheit meines Smartphones schätze, um meine Zeit sinnvoller zu nutzen, wird auch die gegenteilige Seite deutlich. Das Smartphone ist praktisch. Es erleichtert und ermöglicht vieles. Man kann überall ganz einfach den Weg finden, kann jede Frage googeln, hat Wanderwege auf Apps beschrieben, kann mit weit entfernten Freunden in Kontakt bleiben, Unterkünfte jederzeit buchen. Und trotzdem bin ich der Meinung, dass wir es falsch nutzen. Unnötig oft und zu unreflektiert. Auch wenn uns Instagram inspiriert, wollen wir wirklich täglich bis zu drei Stunden damit verbringen, das Leben anderer Leute zu beobachten? Oder würde zweimal pro Woche reichen? Das Smartphone ist wie ein Alles-Könner, das allem zuvorkommen will. Das führt in eine Abhängigkeit. Dabei sind Armbanduhr, Wecker, Taschenkalender, Notizblock, Land- und Wanderkarten sowie Kameras immer noch sinnvoll.

Außerdem bin ich nun weniger abhängig von meinem Handy. Anstatt in Pausen sofort ans Smartphone zu denken, kann ich meine Gedanken nun besser ordnen. Und wenn mir langweilig wird, nehme ich öfter ein neues Projekt in die Hand. Besonders die Wartezeiten auf den Zug haben sich verändert: Schon lange wollte ich mehr Magazine lesen, kam aber selten dazu. Jetzt gibt es jede Menge Zeit dafür. Mir kommt auch die Idee, die Pflichttexte für die Uni ab sofort einfach im Zug zu lesen. Außerdem schränkt das Smartphone unsere Aufmerksamkeit ein, was das Lesen langer Texte betrifft. Es kommt uns anstrengender vor, weil wir die ständigen Stimuli gewohnt sind, für die wir uns nicht großartig anstrengen müssen. Es tut gut, öfter auf die Reize zu verzichten. Verändert hat sich auch meine Einstellung: Ich schätze das Smartphone jetzt mehr für seinen Nutzen und sehe es weniger als essenzielles Unterhaltungsmedium. Daher mein Rat: Wann immer es möglich ist, lieber einmal mehr dem Smartphone entkommen.

Ist die Moderne nun also wirklich ein unausweichlicher Schicksalschlag? Nein: Man kann ihr auch ein Stück weit entrinnen, ohne sich in die Geschichtswissenschaft stürzen zu müssen. Es gibt immer noch die Möglichkeiten, auf ein Leben ohne Smartphone umzusteigen. Bereits ewig existierende Medien wie das Buch oder Briefe sind bis heute präsent und werden nicht verschwinden. Buspläne, Karten, Zahlscheine und Co. gibt es nach wie vor. Aber: Die Erfindung des Smartphones liegt noch nicht allzu lange zurück. Es wäre schon schwieriger, nur mehr auf Pergament zu schreiben. Und ein Leben ohne Smartphone schottet ab. Oft setzen wichtige Mitteilungen über Studium, Arbeit oder das soziale Umfeld ein Smartphone voraus. Umso wichtiger ist es, mit kritischer Reflexion und Selbstbestimmung gerüstet zu sein. 

 

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