Literarisches Speeddating: Wie man das Buch seines Lebens findet

von Katharina Isser
Lesezeit: 4 min
Ein Abend im Zeichen der (Bücher-)Liebe: Anfang November fand in der Bäckerei erstmals das von Studierenden organisierte „Literarische Speeddating“ statt – mit Erfolg.

Wie mein Abend verläuft, hängt von vier bunten Zetteln ab, die ich mir aus der Schüssel am Eingang fische. Die Bäckerei in Innsbruck ist voll, das Event ausgebucht. Das Surren all der anderen Stimmen überlagert meine eigenen Gespräche. Die Stimmung ist gut, alle warten gespannt. Dann geht es los.

In der ersten Runde sind die blauen Zettel dran. Ich falte meinen auf. Sieben. Meinen Aperol Spritz in der rechten, Lolita von Vladimir Nabokov in der linken Hand, begebe ich mich zu Tisch Nummer 7, setze mich und begrüße mein Gegenüber – eine junge Frau, die dieselbe Nummer gezogen hat. Nun haben wir 15 Minuten Zeit, das Lieblingsbuch der jeweils Anderen kennenzulernen und unser eigenes vorzustellen.

Bücher daten statt in Lesungen einschlafen

Anfang November fand in der Bäckerei, dem Kulturzentrum in der Dreiheiligenstraße, erstmals das Event „Read to me – Literarisches Speeddating“ statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von drei Master-Studierenden der Vergleichenden Literaturwissenschaft (Jakob Häusle, Felix Schreiner und Tatjana Stocker) und deren LV-Leiter (Martin Fritz). Es hat zwar in anderen Städten vereinzelt schon Events mit ähnlichem Namen gegeben, das Innsbrucker Konzept sei aber unabhängig davon entstanden und gewissermaßen einzigartig. Zwei zufällig gepaarte Leute tauschen sich eine Viertelstunde lang über ihre mitgebrachten Bücher aus und lesen daraus ihre jeweilige Lieblingsstelle vor. Das Ganze wiederholt sich viermal, mit einer Pause nach zwei Runden. Beim gemütlichen Ausklang am Ende sucht man sich seine Gesprächspartner dann selbst aus.

Foto: Alex Frick

Die ursprüngliche Idee stammt von Jakob Häusle – übrigens ehemaliger UNIpress-Chefredakteur.  Für die Lehrveranstaltung unter der Leitung von Martin Fritz sollte ein Literaturevent organisiert werden, das verschiedene Formen annehmen hätte können. Gegen eine klassische Lesung haben sich die Organisator:innen aber ganz bewusst entschieden.

„Lesungen sind meistens von oben herab. Wir wollten nicht, dass das Publikum 45 Minuten gelangweilt zuhören muss und eigentlich nur auf den anschließenden Sektempfang wartet, wo es dann endlich wieder selbst den Mund aufmachen darf“, so Häusle. Stattdessen sollten sich alle, die sich für Literatur begeistern, aktiv beteiligen können. Der Veranstalter tritt dabei in den Hintergrund und schafft lediglich das Ambiente. Das birgt auch ein Risiko: „Der Erfolg des Abends hängt deswegen natürlich stark davon ab, wer kommt.“

An diesem Abend kamen jedenfalls die Richtigen. Die Teilnehmer:innen waren durchweg interessiert, aufgeschlossen und neugierig, gleich enthusiastisch beim Zuhören wie beim Erzählen. Für seine Bücherwahl wurde niemand verurteilt – von aus dem Schulunterricht bekannten Literaturklassikern über 1000-seitige Fantasy-Epen bis hin zu Ratgebern über Minimalismus war alles vertreten.

Nach der Veranstaltung fasst Jakob Häusle zusammen: „Es ist wirklich gut gelaufen – besonders dafür, dass es auch sehr schlecht hätte laufen können. Man weiß es ja vorher nie.“ Die Resonanz sei so gut gewesen, dass die Bäckerei gleich um zwei Folgetermine angefragt habe. Diese finden wahrscheinlich Anfang des kommenden Jahres statt. Die einzige Kritik der Teilnehmer:innen: Eine Viertelstunde sei zu kurz, um sich ausreichend über zwei Bücher auszutauschen. Deswegen wird für zukünftige Termine wahrscheinlich auf 20 Minuten verlängert.

Intelligente Gespräche ohne Romantik-Zwang

Obwohl der Name des Events das Wort „Dating“ beinhaltet, steht der romantische Aspekt nicht im Vordergrund. Die Zuteilung zu den Tischen basiert auch nicht auf Basis des Geschlechts beziehungsweise der sexuellen Orientierung. Neue Leute kann man natürlich trotzdem kennenlernen: Mit meiner Gesprächspartnerin aus der zweiten Runde rede ich noch die ganze Pause durch, danach tauschen wir Instagram-Usernames aus. Den ganzen Abend über habe ich spannende Gespräche mit schlauen Menschen: Es geht um die Rolle der Moral in der Literatur, Intertextualität in Donald-Duck-Comics und darüber, was ein Buch überhaupt gut macht. Die Diskussionen sind angeregt, intelligent, aber trotzdem ungezwungen, und die Stimmung ist gut. Da ist es schon denkbar, dass der eine oder die andere nicht nur wegen Nervosität vor dem Vorlesen Herzklopfen bekommt. Erwartungen in die Richtung gibt es aber keine. Vergebene oder asexuelle Menschen sind beim „Literarischen Speeddating“ genau so willkommen.

Den Partner fürs Leben findet beim Speeddating also wahrscheinlich nicht jeder. Aber vielleicht zumindest das Buch fürs Leben.

Foto: Alex Frick

 

 

Schreibe einen Kommentar

* Durch die Verwendung dieses Formulars stimmst du der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website zu.

Artikel aus der selben Rubrik