Sechs Monate Bundesheer oder neun Monate Zivildienst – für junge Österreicher ist diese Entscheidung Normalität. Doch die Bundesregierung plant nun eine umfassende Reform: Der Dienst soll deutlich verlängert werden. Während Befürworter von einer dringend nötigen Verteidigungsfähigkeit und der Entlastung des Gesundheitssystems sprechen, warnen Kritiker vor „Zwangsarbeit“ zum Hungerlohn. Zeit für einen Blick auf die Fakten – und die Frage: Wäre eine Dienstpflicht für alle nicht ohnehin die fairste Lösung?
Von der Musterung zur Abrüstung
Österreich ist einer der wenigen europäischen Staaten, der noch auf eine aktive Wehrpflicht setzt. Das betrifft alle männlichen Staatsbürger: Mit 17 Jahren flattert die Einladung zur Musterung ins Haus. Jeder muss hingehen, egal ob man will oder nicht. Nach zwei intensiven Tagen bei der Stellungskommission, vollgepackt mit physischen und psychischen Tests, steht das Ergebnis fest. Die Einstufungen reichen von „voll tauglich“ (selbst eine spätere Karriere als Kampfpilot wäre denkbar) bis hin zu „untauglich“. Laut Statistik Austria betrifft Letzteres etwa 17 Prozent der jungen Männer.
Die restlichen 83 Prozent müssen sich nach der Musterung entscheiden: Grundwehrdienst (Präsenzdienst) oder Zivildienst? Einer der beiden Dienste muss zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr geleistet werden. Wer sich für das Bundesheer entscheidet, dient sechs Monate. Nach acht Wochen Basisausbildung geht es in die jeweiligen, ausgesuchten Funktionen – ob als Soldat, Pionier, Koch, Kraftfahrer, Sanitäter oder Cybergrundwehrdiener. Wer danach noch bleiben möchte, kann sich für drei weitere Monate verpflichten und erhält dafür ein ansehnliches Gehalt von 3.750 Euro pro Monat. Das ist deutlich mehr als die reguläre Grundvergütung von 605,58 Euro (plus Zulagen). Auch der Beitritt zur Miliz ist eine Option: Hier geht man primär seinem zivilen Beruf nach, rückt aber für Übungen oder im Ernstfall ein.
Das Gegenmodell dazu ist der Zivildienst. Wichtig dabei: Man muss aktiv eine Zivildiensterklärung abgeben, sonst wird man automatisch dem Militär zugeteilt. Rund 45 Prozent der Tauglichen entscheiden sich für diese neunmonatige Alternative. Die Einsatzbereiche sind extrem vielfältig: Etwa 40 Prozent sind im Rettungsdienst tätig, 26 Prozent in der Sozial- und Behindertenhilfe und 11 Prozent in der Altenbetreuung. Auch Spitäler, Kindergärten, Katastrophenschutz oder sogar die Bergrettung sind mögliche Stationen. Finanziell gibt es das gleiche Grundgehalt wie beim Heer. Da Zivildiener aber oft auswärts essen müssen (etwa im Rettungswagen), können sie sich für ein Verpflegungsgeld entscheiden. Damit kommen sie so auf etwa 900 bis 1.000 Euro im Monat.
Am Ende des Dienstes, auch beim Militär, findet die Abrüstung statt – man bekommt eine Bestätigung der Ableistung des Dienstes, gibt seine Kleidung und Ausrüstung zurück und kann nun dem restlichen Leben nachgehen.
Die geplante Reform 2026
Dieses System existiert in seinen Grundzügen bereits seit Jahrzehnten. Die aktuelle Bundesregierung Stocker, bestehend aus ÖVP, SPÖ und NEOS, sieht hier jedoch Reformbedarf. Nachdem eine Kommission an verschiedenen Modellen gearbeitet hat, wurde im Januar 2026 das Ergebnis präsentiert: Das bevorzugte Modell „Österreich plus“ sieht vor, den Präsenzdienst auf acht Monate plus verpflichtende Milizübungen (circa zwei Monate) aufzustocken und den Zivildienst auf zwölf Monate zu verlängern.
Die Begründung der Regierung: Das Bundesheer sei im aktuellen Zustand nicht adäquat verteidigungsfähig – ein großes Problem angesichts der angespannten globalen Sicherheitslage. Mehr Zeit beim Heer soll also die Verteidigungsfähigkeit der Republik stärken. Der längere Zivildienst wiederum soll unserem chronisch überlasteten und unterfinanzierten Gesundheitswesen zugutekommen. Bundeskanzler Stocker (ÖVP) möchte diesen Plan mittels einer Volksbefragung direktdemokratisch absegnen lassen – das Ergebnis ist für Parlament und Regierung jedoch rechtlich nicht bindend. Wann diese stattfinden soll, ist aktuell noch unklar.
Was spricht für die Reform?
Befürworter der Reform verweisen auf ein Heer, das aktuell kaum verteidigungsfähig ist – eine Einschätzung, die auch die Regierung teilt und mit dem „Aufbauplan 2032+“ beheben möchte. In einer Zeit globaler Krisen sei eine funktionierende Landesverteidigung schlichtweg essenziell. Aber moderne Ausrüstung bringt wenig, wenn das Personal fehlt oder niemand weiß, wie man das Material bedient. Im aktuellen System verlassen viele junge Männer das Militär genau dann, wenn sie nach der Ausbildung eigentlich erst richtig effektiv für die Landesverteidigung eingesetzt werden könnten. Ein längerer Dienst plus Milizübungen würde diesen Personalengpass spürbar lindern.
Eine Verlängerung beim Heer würde Hand in Hand mit einem längeren Zivildienst gehen. Zivildiener sind mittlerweile eine unverzichtbare Säule unseres Gesundheitssystems. Sie stellen extrem günstige Arbeitskräfte dar (ca. 1.000 Euro bei Vollzeit) und entlasten das Budget der Gesundheitsinstitutionen massiv. Da unser Staatshaushalt ohnehin mit explodierenden Kosten kämpft, kämen mehr geleistete Stunden der Zivildiener der Finanzlage sehr zugute.
Außerdem wird mit dem persönlichen Mehrwert für die jungen Männer argumentiert. Ob LKW-Führerschein beim Heer oder die Ausbildung zum Rettungssanitäter beim Zivildienst – man nimmt durchaus praktische Fähigkeiten fürs Leben mit. Die Regierung plant zudem, den längeren Zivildienst mit weiteren nützlichen Zusatzausbildungen aufzuwerten.
Hungerlohn und Zwangsarbeit?
Kritiker sehen diese Pläne jedoch äußerst skeptisch und verweisen auf die gewaltigen Baustellen des aktuellen Systems. Trotz Zusatzleistungen wie einem gratis Klimaticket oder der Rezeptgebührenbefreiung fällt die Bezahlung dennoch extrem niedrig aus. Ein Zivildiener, der Vollzeit in einer Sozialinstitution arbeitet (ca. 170 Stunden) und 1.000 Euro überwiesen bekommt, arbeitet eine Stunde für 5,88 Euro. Der formale Trick dabei: Es handelt sich rechtlich nicht um einen „Lohn“, sondern um eine „Entschädigung“ – so fallen keine Abgaben oder Steuern an. Dennoch sehen Kritiker hier eine Ausbeutung junger Männer, die das eigene Leben stark beeinträchtigt. Gerade Lehrlinge, die bereits ein eigenes Einkommen haben, sehen sich plötzlich mit einem Bruchteil ihres vorigen monatlichen Budgets konfrontiert.
Auch der oft raue Umgangston steht in der Kritik. Der tragische Hitzetod eines Grundwehrdieners bei einem Marsch im Jahr 2017, der trotz Flehens ignoriert und angeschrien wurde, ist zwar kein alltägliches Ereignis, zeigt aber ein tieferliegendes Problem auf: Oft werden die jungen Männer wenig respektiert und vielmehr als „Staatseigentum“ betrachtet, über dessen Einsatz einfach nach Lust und Laune verfügt wird.
Für Reformgegner sind all das starke Argumente, die eigentlich eine Abschaffung des Systems rechtfertigen würden. Eine Verlängerung würde diese Missstände nur noch ausdehnen – und dazu führen, dass taugliche Männer gegenüber Frauen und Untauglichen noch mehr Lebenszeit einbüßen. Auch der Pazifismus spielt eine Rolle: Ein signifikanter Teil der Jugend ist nicht bereit, im Ernstfall das eigene Leben für Österreich zu riskieren. Eine Ausweitung der Wehrpflicht würde die Republik nur weiter auf einen möglichen Krieg vorbereiten, was dem Weltbild vieler widerspricht.
Ein alternatives Modell
Es gibt auf beiden Seiten berechtigte Argumente. Das eigentliche Problem der geplanten Reform ist jedoch, dass sie das aktuelle System lediglich fortführt, anstatt grundlegende und notwendige Änderungen vorzunehmen. Dabei ist der Grundgedanke des Dienstes für Österreich durchaus von Vorteil. Eine wehrhafte Landesverteidigung ist für uns als neutraler Staat in der aktuellen geopolitischen Lage beinahe unumgänglich. Und ohne den Zivildienst müssten wir den Gesundheitssektor noch massiver über Steuern finanzieren. Die Ersparnisse, die durch die Arbeit der Zivildiener entstehen, kommen letztlich der Allgemeinheit zugute und entlasten den Staatshaushalt.
Die Zeit beim Heer oder Zivildienst ist für viele prägend – für mich persönlich war es das ebenfalls. Ich und viele andere sahen uns plötzlich mit einer neuen Realität konfrontiert, in der echte Verantwortung von uns erwartet wurde. Für mich, der zuvor nur die Schule besucht hatte, war dieser Zwang, die eigene Komfortzone zu verlassen, eine extrem wertvolle Erfahrung. Gerade im Sozialbereich sammelt man Lebenserfahrung, die einen als Menschen bereichert. Natürlich ist nicht alles perfekt, und der mangelnde Respekt ist oft spürbar. Eine echte Reform müsste daher zwingend dafür sorgen, dass diese Arbeit aufrichtige Anerkennung findet und man nicht nur eine Nummer im System ist.
Ein Punkt, der im öffentlichen Diskurs vernachlässigt wird, bleibt aber die Fairness: Das System betrifft aktuell nur Männer. Wer echte Gleichberechtigung fordert, muss neben gleichen Rechten auch gleiche Pflichten akzeptieren. Wenn alle einen Dienst leisten würden, wäre das ein wichtiger Schritt in Richtung echter Gleichheit. Mehr Frauen im Bundesheer würden männerdominierte Strukturen aufbrechen, und unser überlastetes Sozialsystem bekäme die dringend benötigte personelle Verstärkung, die angesichts der alternden Gesellschaft bald unverzichtbar sein wird – schließlich will jeder später eine brauchbare Pension beziehen. Unser Gesundheitssystem wird schon zu einem signifikanten Teil durch die wichtige Arbeit von Frauen getragen, doch eine Mithilfe der Gesamtbevölkerung würde der Finanzierung des Systems dennoch zugutekommen.
Der Blick nach Norden
Wer nach Dänemark, Schweden oder Norwegen schaut, sieht, dass eine Pflicht für alle absolut machbar ist und dass sie sich bestens mit einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft verträgt . Norwegen gilt hierfür als Paradebeispiel. Seit 2015 können auch Frauen zum Militärdienst verpflichtet werden, im Gegensatz zu Österreich muss jedoch nicht jede/r Taugliche/r den Dienst antreten: Nach einer Selektion werden von den jährlich 60.000 bis 70.0000 gemusterten Personen etwa 10.000 bis 15.000 eingezogen, der Rest fungiert als Reserve. Die Teilnahme an der Musterung sowie die Rolle als Reservist/in ist jedoch verpflichtend.
Seit der Rekrutierung von Frauen verzeichneten die norwegischen Streitkräfte eine deutlich höhere Motivation, den Dienst anzutreten – sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Männliche Soldaten sehen ihre weiblichen Kameradinnen als geschätzte Soldatinnen, die die gleiche Ausbildung erlangt haben und in der gleichen Kaserne hausen. Das norwegische Militär konnte auch eine Steigerung der Qualität verzeichnen: Schließlich bringen Frauen wertvolle Eigenschaften und Skills mit, die unter der männlichen Bevölkerung seltener vorkommen. So konnte das norwegische Militär durch die Kombination der besten Eigenschaften der Gesamtbevölkerung (statt nur einer Hälfte) ein motivierteres, vielfältigeres und leistungsfähigeres Heer schaffen, bei dem ein regelrechter Wettkampf besteht, den Dienst ausüben zu dürfen.
All dies berichtete der norwegische Verteidigungsminister Tore O. Sandvik 2025 in einer Pressekonferenz anlässlich des zehnjährigen Bestehens der geschlechtsneutralen Wehrpflicht. Die norwegische Politik sieht dies ähnlich und befürwortet ihr System größtenteils. Nennenswerte Abschaffungs- oder Änderungsversuche gab es seit der Einführung keine. Auch die norwegische Bevölkerung unterstützt ihr System: Bereits vor der Einführung gaben 60 Prozent der Norweger/innen an, eine Pflicht für alle zu befürworten. Interessanterweise zeigten auch Jüngere sowie Frauen eine hohe Zustimmung.
Heute sind etwa 33 Prozent der eingezogenen wehrpflichtigen Personen in Norwegen Frauen, was zeigt, dass die Motivation besteht. Denn auch in Norwegen lässt sich der Wehrdienst abseits der Waffe ausüben, was viele Frauen ausnutzen. In Österreich kommt auch der Fakt hinzu, dass der Zivildienst als Alternative besteht. Damit kann der eigene Einsatz noch passender gewählt werden als in Norwegen, was ein Vorteil unseres Systems ist.
Gleichheit als Voraussetzung
Die Gleichheit ist ein zentraler Unterschied zwischen uns und Skandinavien: Dort ist die allgemeine Geschlechtergleichheit höher, was einen Dienstverpflichtung für alle nach dem Modell „Gleiche Rechte, gleiche Pflichten“ ermöglicht. In Österreich besteht hingegen noch ein größeres Ausmaß an Ungerechtigkeit, zum Beispiel bei Gehältern. Das aktuelle System in Österreich fungiert als Gegenspieler zur sonstigen gesamtgesellschaftlichen Ungleichheit, indem es alle Männer zu einem Dienst (oder zumindest zur Musterung) verpflichtet, während dies für Frauen freiwillig ist. Doch hier wird Ungerechtigkeit mit noch mehr Ungerechtigkeit bekämpft.
Die geplante Reform der Bundesregierung verstärkt dies bloß, anstelle das Problem der Ungerechtigkeit wirklich zu beseitigen. Wie so oft bleibt Österreich damit in der eigenen Komfortzone, statt sich selbst kritisch zu betrachten und die eigene Vorgehensweise zu überdenken. Eine zukunftsorientierte Reform muss geschlechterbasierte Ungleichheit anpacken, was den Weg zu einem Dienst für alle ebnet. Denn genau dieser Dienst ist für eine effektive Landesverteidigung sowie für ein Gesundheitssystem, das der Herausforderung der Überalterung gewappnet ist, unumgänglich.
Solch eine umfassende Reform kann selbstverständlich nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Doch die Pläne der Bundesregierung sehen nicht einmal die Möglichkeit einer Verpflichtung für alle vor. Hier könnte ein rechtlicher Mechanismus geschaffen werden, der dies ab einem gewissen Fortschritt in puncto Gleichberechtigung ermöglicht. Dies könnte auch stufenweise geschehen. Die aktuelle Dienstdauer könnte im Rahmen einer Reform für Frauen gelten, während die Verlängerung für Frauen zu einem späteren Zeitpunkt, mit mehr Gerechtigkeit, vollzogen wird.
Die Zukunft des Wehrdienstes
Wann über die Reform abgestimmt werden soll, ist noch nicht abschließend geklärt. Aktuelle Umfragen sehen die Pläne der Regierung im Plus – vor allem die ältere Generation befürwortet sie, aber auch in der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen gibt es eine Mehrheit. Marktforscher betonen jedoch: Würde man nur die 16- und 17-Jährigen befragen, die der Dienst bald direkt betreffen wird, gäbe es wohl eine deutliche Ablehnung.
Fest steht: Angesichts der Lage des Bundesheeres und unseres Sozialsystems müssen wir handeln. Die Regierung verpasst es jedoch, die grundlegenden Systemfehler zu beheben, und verlängert stattdessen nur den Status quo. Ein Dienst für alle, gepaart mit echtem Respekt für die geleistete Arbeit, würde Österreichs in die Jahre gekommenes System endlich an unsere modernen Herausforderungen anpassen – und uns auf eine Stufe mit den nordischen Vorzeigestaaten heben.