Innsbruck ist jung, schnell und selbstbewusst. Eine Stadt, die Leistung, Freiheit und Lebensqualität gleichermaßen verkauft und dabei still eine neue Normalität etabliert hat.
Der Konsum illegaler Substanzen nimmt stetig zu, das berichtet der ORF. Besonders beim Kokain liegt Innsbruck österreichweit ganz weit oben, direkt hinter Wien und Kufstein, den stärksten Konsumenten. Diese Daten stammen aus Abwasseranalysen. Die Reaktionen auf solche Ergebnisse bleiben verhalten.Während andere Themen heiß diskutiert werden, herrscht beim übermäßigen Drogenkonsum Stille.
Auf der Suche in den Bögen
In einem Nachtclub in den Bögen begebe ich mich auf die Suche nach Clubbesucher:innen, mit denen ich über den steigenden Drogenkonsum sprechen kann. Auf der Toilette spricht mich dann ein junger Mann an „Brauchst‘ was?“ Meine Standardantwort wäre „Nein danke“, doch ich frage, was er denn hätte. „Cola, Ecken, Ketsch.“ (Kokain, Ecstasy, Ketamin)
Ich frage ihn, wie alt er ist. Die Frage gefällt ihm gar nicht und er verschwindet aus dem Klo. Nochmal sehe ich ihn in dieser Nacht nicht.
Von den Toiletten verschlägt es mich vor den Club, in den Raucherbereich. Dort komme ich mit einer Besucherin des Clubs (21) ins Gespräch, nachdem sie mich nach einer Zigarette fragt. Sie erzählt mir, dass sie lieber Kokain als Alkohol konsumiert, um am nächsten Tag nicht verkatert im Bett zu liegen. Ein anderer (27) spricht davon, dass der Rave ohne die richtigen Drogen einfach nicht dasselbe sei. In der Menge zu stehen und „drauf“ zu sein, sei für ihn ein unbeschreiblich schönes Gefühl.
Von einem „Problem“ ist nie die Rede. Niemand sieht seinen Konsum als problematisch an. Dabei wird der extreme Suchtfaktor von Drogen – sowie die finanzielle Unterstützung von Bandenkriminalität – völlig außen vor gelassen.
Ein lokaler DJ (25), der schon unzählige Sets in den Bögen spielte, berichtet mir, dass die „Clans in den Bögen“, wie er sie nennt, immer jüngere Menschen zum Verkauf von Drogen anstellen würden, da diese noch nicht strafmündig seien und aufgrund ihres Unwissens und Alters weniger Ansprüche sowie Anteile erhalten.
Der Konsum ist beiläufig und wird mit banalen Gründen relativiert. In der Szene ist das Angebot selbstverständlich geworden und keiner fragt sich, woher das gesamte Produkt stammt.
“Vom Bier zur Chemie”
Der klassische Alkoholrausch verliert an Bedeutung. Das zeigen Zahlen aus dem österreichischen Drogenbericht deutlich. Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist der Alkoholkonsum rückläufig.
Doch was auf den ersten Blick nach gesellschaftlichem Fortschritt aussieht, ist in Wahrheit eine Verlagerung. An die Stelle des Alkohols treten synthetische Substanzen, Kokain, MDMA und Ketamin. Der Konsum wird diskreter. Der Rausch dient der „besseren Stimmung“. Was viele jedoch nicht begreifen, ist, dass der wiederholte Konsum auf lange Frist zu einer Sucht führen kann. Es fängt damit an, dass man ohne die Droge beim Ausgehen keinen Spaß mehr hat, und führt dazu, dass man vor der Vorlesung eine Line am Uni-Klo zieht.
Der Rausch als Statement
Die Innsbrucker Szene nimmt sich selbst ernst. DJs, Musiker:innen, Künstler:innen, Sportler:innen, sie alle folgen denselben Idealen: Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. In Innsbruck gilt der Drogenkonsum oft nicht als Risiko, sondern als Ausdruck von Freiheit. Es gehört zum Lifestyle und zur Identität. Ganz besonders in der Drum-and-Bass Szene wird das sichtbar. Der Konsum ist ein integraler Bestandteil der Musikszene und der Clubs. Die Musik ist wie ein Katalysator. Ob in Clubs, auf Raves oder Festivals – die kulturelle Szene prägt die Wahrnehmung des Rausches. In Texten, Symbolen und Haltungen wird der Konsum nicht selten romantisiert: als Mittel zur Selbstfindung, zur Verbindung, zur Flucht. Viele der Szene-Ikonen leben offen mit Drogen und sehen dies auch nicht als Problem an, sondern als Teil ihrer „künstlerischen Identität“.
So entsteht ein stiller Konsens: Drogen sind kein Problem, sondern Teil eines Lifestyles.
Ein ästhetischer, kontrollierter Rausch, den man sich leisten kann – intellektuell, sozial, finanziell. Viele wissen, dass Polizei und Kontrollen im Nachtleben präsent sind. Viele wissen auch, dass schon ein kleines Geständnis rechtliche Konsequenzen haben kann. Das erzeugt ein Klima der Vorsicht; das Schweigen wird kaum gebrochen. Ein Gespräch mit größeren DJs der Szene oder Clubbesitzern erweist sich als unmöglich. Niemand ist bereit, darüber zu sprechen.
Die harte Realität
Das weiße Pulver auf Innsbrucks Toiletten hat einen Ursprung, der weit entfernt scheint:
In Südamerika auf Plantagen in Kolumbien, Bolivien oder Peru. Von dort gelangt es über Schmuggelrouten, kontrolliert von Kartellen, nach Europa. Mit jedem Gramm, das hier konsumiert wird, finanziert sich ein System aus Gewalt, Ausbeutung und Tod.
Doch dieser Zusammenhang ist in der Innsbrucker Gesellschaft kaum präsent.
Man trennt das Produkt vom Ursprung, den Konsum von der Konsequenz. Auffällig ist dabei der Widerspruch. Große Teile der Stadtgesellschaft engagieren sich sichtbar für Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Frieden. Sie gehen auf Demos, setzen sich ein und ignorieren gleichzeitig, dass der in Nachtclubs normalisierte Konsum ebenso für Ausbeutung und Leid steht. Wünschenswert ist eine Demo, die genau das Drogenproblem anspricht. Die Herkunft ist bekannt, die Folgen sind dokumentiert. Das Problem wäre theoretisch leicht zu lösen: nicht konsumieren.
Man redet lieber über Missstände, die weit weg sind, als über jene, die im eigenen Nachtleben beginnen. Innsbruck will sich nicht als Teil eines Systems sehen, das man kritisiert.