März 2020: Innsbruck im pandemiebedingten Lockdown. Die Straßen waren leergefegt, die Politik sprach mantraartig von nur drei Gründen, welche es einem erlaubten, die eigenen vier Wände zu verlassen. Wie viele es wirklich gab und welche es waren, wurde erst zu einem späteren Zeitpunkt durch den Verfassungsgerichtshof geklärt. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nur, trotz allem Verständnis für die Notwendigkeit vieler Maßnahmen: Ich will raus, ohne böse angeschaut oder angezeigt zu werden. Also verschaffte ich mir einen Überblick über die wenigen Menschen, die legal draußen unterwegs sein durften. Subjektiv waren das vor allem Hundebesitzer:innen in Begleitung ihres Eigentums, maskierte Einkäufer:innen und – die Essenslieferant:innen von „Lieferando“ und „Mjam“ mit ihren markanten orangen und grünen Rucksäcken. Eine genauere Analyse der Lage und Planung meines weiteren Vorgehens ergab: Extra einen Hund zu kaufen stünde in keinem Verhältnis und wäre viel zu teuer, ständig einkaufen zu gehen detto. Da mein Praktikum bereits vor Beginn der Pandemie geendet hatte und ich sowieso auf Arbeitssuche war, entschied ich mich dafür, bei einem der Lieferdienste anzufangen. Dieser Artikel richtet sich an jene Menschen, die ebenfalls darüber nachdenken bei „Lieferando“ oder „Mjam“ anzufangen, aber auch an alle, die einfach nur einen Blick hinter die Kulissen werfen möchten.
Welche Farbe soll der Rucksack haben?
Nach „On-Board-Meetings“ bei beiden in Innsbruck aktiven Essensplattformen wusste ich über die Unterschiede zwischen den zwei Arbeitgebern Bescheid und konnte eine Entscheidung treffen. Während „Lieferando“ mit eigenen E-Bikes liefern lässt, setzt „Mjam“ auf die unverstärkte Muskelkraft seiner Angestellten und auch auf deren eigene Fahrräder. Für sämtliche Reparaturen sind die Fahrer:innen selbst zuständig. Dafür gibt es bei dem österreichischen Unternehmen „Mjam“, welches mittlerweile zum deutschen Großkonzern „Delivery Hero“ gehört, durchschnittlich etwas mehr Geld als bei der Konkurrenz aus den Niederlanden. „Lieferando“ bezahlt für 9 Stunden Wochenarbeitszeit 465 Euro monatlich. Bei „Mjam“ erhält man 8 Euro pro Stunde zuzüglich einer Prämie von 4 Euro pro Lieferung. Ich hatte zum Zeitpunkt meiner Entscheidung schlicht kein geeignetes Fahrrad, um für „Mjam“ fahren zu können, daher entschied ich mich für „Lieferando“.
Beide Unternehmen zahlen also recht ordentlich, was nicht zuletzt an dem Anfang 2020 in Kraft getretenen Kollektivvertrag für Fahrradzusteller:innen liegt, welcher neben einem Brutto-Mindestlohn von 1.506 Euro auf Vollzeitbasis zuzüglich Urlaubs- und Weihnachtsgeld für die Angestellten und standardisierte Equipmentpauschalen bringt – bei „Lieferando“ und „Mjam“ für die Benützung des privaten Smartphones, bei „Mjam“ zusätzlich für das eigene Fahrrad.
Für welchen Arbeitgeber man sich als angehende:r Fahrradkurier:in entscheidet, hängt somit vor allem davon ab, ob man bereit ist, das eigene Rad als Arbeitsgerät zu nutzen und monatlich mehrere hundert Kilometer unter Zeitdruck in die Pedale zu treten. Bei „Mjam“ ist der sportliche Aspekt der Arbeit nicht zu unterschätzen – meiner Meinung nach ein Pluspunkt. Die E-Bikes von „Lieferando“ machen es jedoch auch für körperlich weniger sportliche Menschen möglich, diesen Beruf auszuüben und bieten nebenbei der Kundschaft eine höhere Verlässlichkeit, weil Abweichungen in der Lieferzeit durch unterschiedliche Fahrer:innen und Räder größtenteils wegfallen.
Wie sieht der Bestellprozess für die Fahrer:innen aus?
Die meisten Leser:innen werden mit dem Bestellprozess der Lieferdienst-Apps vertraut sein. Man wählt ein Restaurant aus, scrollt viel zu lange durch das Angebot und bestellt schließlich dasselbe wie immer an die eigene Adresse. Kurze Zeit später klingelt es an der Tür. Aber was passiert eigentlich genau, wenn man den „Bestellen“-Knopf drückt?

© Samir Steurer
Wenn der Lieferandomann klingelt, wird alles gut.
Zuerst wird die Bestellung an die Disposition, intern kurz „Dispo“ genannt, geschickt. Diese sitzt in einem Büro in Deutschland und funktioniert ähnlich wie ein Callcenter. Hier wird entschieden, wer welche Bestellung ausfährt. Wenn ein Fahrer oder eine Fahrerin einen Auftrag zugewiesen bekommt, erhält er oder sie eine Benachrichtigung auf seinem oder ihrem Smartphone. In der Fahrer:innen-App „Scoober“ bekommt man dann angezeigt, bei welchem Restaurant das Essen abgeholt und wo es hingebracht werden muss. Mit einem Knopfdruck erhält man eine genaue Routenführung via Google Maps. Sobald die Bestellung im Restaurant dem Fahrer oder der Fahrerin übergeben wurde, erhält die Kundschaft eine Benachrichtigung, dass das Essen unterwegs ist.
Wer verdient wie viel, wenn ich Pizza bestelle?
Bestellplattformen sind Unternehmen wie andere auch und müssen Geld verdienen. Dies geschieht vor allem über die Provisionen der Restaurants: Etwa 13 Prozent des Umsatzes, der über die Listung auf der Bestellplattform erzielt wird, muss das Restaurant direkt abgeben. Will das Restaurant zusätzlich die Lieferung der Plattform überlassen, müssen insgesamt 30 Prozent des Bestellwertes abgegeben werden. Bei einer Bestellung im Wert von 25 Euro, zugestellt via Fahrradkurier:in, erhält man demnach folgende Aufteilung:
Das Restaurant behält 17,50 € und muss davon Zutaten, Miete, Personal und Abgaben bezahlen. Die Bestellplattform erhält die restlichen 7,50 €. Ausgehend von einem durchschnittlichen Arbeitstag mit zwei Bestellungen pro Stunde und einem Stundenlohn von 13 € bekommt der Zusteller oder die Zustellerin davon 6,50 €. Eine relativ knappe Rechnung. Gerade für die Bestellplattform rentieren sich wohl nur Aufträge mit deutlich höherem Bestellwert, vor allem, wenn man Steuern und andere Abgaben miteinberechnet.
Aufgrund der Provision verlangen viele Restaurants auf der Lieferplattform höhere Preise als auf der Speisekarte. Die eigentlichen Lieferkosten sind daher oft deutlich höher als angegeben.
„Zache Hackn“ oder leicht verdientes Geld?
Wie in jedem anderen Beruf gibt es auch für Essenslieferant:innen weniger angenehme Tage. Die Arbeit muss wetterunabhängig erledigt werden – bei 23 Grad und Sonnenschein im Frühling genauso wie bei Gewitter, Regen und Schnee. Nicht ganz so wetterunabhängig ist allerdings die Bezahlung: Je nässer der Lieferant, desto mehr Trinkgeld auf der Hand. Gerade inmitten der spätsommerlichen Gewitterfronten macht die Arbeit trotzdem eher wenig Freude.
Doch nicht nur das Wetter macht einem hin und wieder das Arbeitsleben schwer. Die besten Restaurants der Stadt sind leider oft die chaotischsten. Nicht selten wartet man bis zu 30 Minuten länger auf eine Bestellung als vom Restaurant angegeben und kann das Essen nicht pünktlich ausliefern. Unangenehm – auch wenn die meisten Kund:innen sehr verständnisvoll reagieren.
Viel schlimmer als Wartezeiten und Verspätungen sind allerdings schlecht verpackte Speisen, welche sich im gesamten Rucksack verteilen. Ein solches Malheur fällt einem üblicherweise erst auf, wenn man vor den Augen der Kundschaft den Essensrucksack öffnet. Wie bei Verspätungen liegt auch hier die Schuld im Großteil der Fälle nicht bei dem Lieferanten oder der Lieferantin, da die Verpackung der Speisen in der Verantwortung der Restaurants liegt. Trotzdem ist vor Ort eine Entschuldigung fällig – und ein Verweis auf den Kundendienst, welcher üblicherweise anstandslos eine Erstattung oder Ersatzlieferung in die Wege leitet.
Natürlich sind es nicht nur die Restaurants, welche Lieferant:innen hin und wieder das Leben schwer machen, sondern auch die Kundschaft. Ungenaue oder fehlende Adressangaben führen zu unnötigen Verzögerungen und Frust – vor allem, wenn zusätzlich niemand ans Telefon geht.
Insgesamt sind all diese negativen Aspekte halb so wild und werden meiner Meinung nach von den positiven Seiten mehr als aufgewogen. Die Arbeit ist meistens – E-Bike sei Dank – nicht sonderlich anstrengend, die Kolleg:innen sind freundlich und hilfsbereit. Die Arbeitszeit vergeht dank Podcasts und Musik in den Ohren schnell und während der Pausen zwischen den Aufträgen hat man Zeit für angenehme Dinge wie Essen, Lesen oder die Benützung der Kaffeemaschine im „Hub“. Durch die viele „Bewegung“ (des Elektromotors) in der Sonne sieht man trotz Reisebeschränkungen in kürzester Zeit aus wie ein Ibiza-Urlauber, nur weniger korrupt. Empfehlung!