Knochen und Abwassergräben – Archäologische Funde in Innsbruck

von Laura Kogler
Lesezeit: 4 min
Die Innsbrucker Altstadt lädt immer wieder zum Staunen ein. Aktuell lohnt es sich, einen Blick in die Baugruben der Kanalsanierung zu werfen.

Denkmalschutz bei Bauarbeiten

In der Innsbrucker Altstadt werden immer wieder Kompromisse zwischen Alt und Neu geschlossen. Auch die Sanierung des 130 Jahre alten Trinkwasser- und Kanalsystems erfordert eine Verbindung zwischen archäologischem Know-how und baulichen Kompetenzen. „Das Vorgehen für Bauarbeiten an einem historisch so dichtgedrängten Ort wie der Innsbrucker Altstadt ist gar nicht so einfach”, erklärt  Mag. Johannes Pöll, Zuständiger für den Bereich Archäologie des Bundesdenkmalamtes Innsbruck. Bauarbeiten an Stellen, die als Fundzonen bekannt sind, werden von Beginn an mit dem Denkmalamt besprochen. Die Baufirma ist bei zu erwartenden archäologischen Artefakten sowie bei zufälligen Funden dazu verpflichtet, lizenzierte ArchäologInnen zu engagieren. Mitunter kann das zu längeren Bauverzögerungen führen. Die ArchäologInnen müssen wiederum um eine Grabungsgenehmigung beim zuständigen Denkmalamt ansuchen.

Die Aufgabe des Denkmalamtes ist die Dokumentation der Funde und deren Fundorte. Bei der zeitlichen Einteilung handelt es sich um ein weites Spektrum: Die Archäologie behandelt die Zeit der Prähistorie bis hin zum Zweiten Weltkrieg. „Dabei sind alle Funde, welche mit materiellen Hinterlassenschaften des Menschen zusammenhängen, sowie menschliche Eingriffe in die Natur zu dokumentieren”, erklärt Dr. Florian Müller, Professor für Archäologie und Beauftragter des Archäologischen Museums Innsbruck.

Die Funde der Altstadt

„Am Domplatz war”, wie Herr Pöll im Gespräch hervorhebt, „bereits mit einem Friedhof zu rechnen”. Aus historischen Quellen weiß man, dass sich an diesem Platz eine Kirche sowie der Stadtfriedhof befanden. Für das Denkmalamt sind nicht nur die Skelette neben dem Dom von großem Interesse, sondern Faktoren wie die Tiefe des Grabes, Grabbeigaben oder mögliche Grabbauten. Des Weiteren hofft man, auf Mauerreste der zuvor erwähnten Kirche zu stoßen. Bis jetzt wurden Reste einer Gebetsschnur als Grabbeigabe gefunden, wodurch die Skelette auf das 15. Jahrhundert datierbar sind.

© Ardis 2020

Skelett mit Gebetsschnur

Neben den Skeletten sind auch Teile des alten Kanalnetzes von der Firma ARDIS-Archäologie freigelegt worden. Dieses lässt sich durch ikonographische Quellen auf Anfang des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen. Durch den Fund dieser Abwassersysteme – die früher „Wasserritschen” genannt wurden – ist es möglich, ein genaueres Bild des früheren Lebens und des Stadtbildes zu zeichnen. Material, Tiefe und Verlauf zeigen, wie das Abwassersystem früher funktionierte. Durch die Bauarbeiten und archäologischen Untersuchungen sind die historischen Abwassersysteme in verschiedenen Gassen der Altstadt dokumentiert (Herzog-Friedrich-Straße, Hof-, Pfarr- und Badgasse, Kiebachgasse bis zur Kreuzung mit der Seilergasse).

Ein weiterer spannender Fund der letzten Jahre ist die Stadtbefestigung mit dem „Zwinger” (Anm. d. Red.: Ein Zwinger ist ein zwischen zwei Wehrmauern gelegenes offenes Areal, das der Verteidigung dient). Die Bewohner des Zwingers nutzten die Befestigung der Stadt als eine Art Abfalleimer. Dort wurden durch Grabungsarbeiten Knochen und Scherben gefunden. Die Entdeckung eines weiteren Teils der alten Stadtbefestigung ist im Zuge der Bauarbeiten nahe der Ottoburg zu erwarten.

Fundzonen außerhalb der Altstadt

Wie der Besuch des Archäologischen Museums Innsbruck zeigt, ist nicht nur die Altstadt ein fruchtbarer Boden für Archäologie und Geschichte, sondern auch die Stadtteile Wilten und Hötting. Die Gegend um Wilten war einst eine römische Militärsiedlung. Das Kastell Veldidena ist beim Bau der Eisenbahn in den Fünfzigerjahren gefunden worden. Heute weiß man, dass Veldidena unter anderem als Lager für Waffen und Lebensmittel diente.

Vor etwa zehn Jahren sind weitere Teile der römischen Siedlung gefunden worden. Ein noch erstaunlich gut erhaltenes römisches Bad wurde bei weiteren Bauarbeiten an der Grassmayr-Kreuzung entdeckt. Diese Grabung wurde zur Konservierung wieder zugeschüttet. Gegenüber dem Bad sind weitere Siedlungsreste und Gräber aus dem 4. Jahrhundert dokumentiert.

Eine weitere bekannte Fundzone Innsbrucks sind die Höttinger Hügel. Dort werden bei Bauarbeiten immer wieder Indizien prähistorischer Siedlungen entdeckt.

© Tiris 2020

Archäologische Fundorte

Archäologie für daheim

Alle, die nun in Innsbruck oder Tirol archäologischen Funden nachgehen möchten, können dies über das Rauminformationssystem Tiris tun. Dabei handelt es sich um ein Projekt des Denkmalamtes in Zusammenarbeit mit dem Land Tirol, auf dessen Karten sämtliche Funde verzeichnet sind. Und so geht’s: Einfach bei Google „Tiris“ suchen, das „Tiris-Rauminformationssystem“ auswählen und dann bei den verschiedenen Rubriken der Karte Sport und Kultur auswählen. Per Mausklick können alle Fundstellen besucht werden.

Wer Lust und Laune hat, kann in Innsbruck laufend archäologisch Relevantes entdecken. Hobby-ArchäologInnen aufgepasst: Nach dem österreichischen Bundesdenkmalgesetz ist es nur lizenzierten ArchäologInnen gestattet, Grabungen durchzuführen. Auch jeder zufällige Fund sollte in jedem Fall dem Denkmalamt gemeldet werden.

1 Kommentar

Michael 23. September 2020 - 23:21

Sehr interessanter und informativer Beitrag – macht wirklich Lust auf „mehr“…!

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