Greif einen Stift und zeichne eine dieser genannten Personen – wie stellst du sie dir vor? Viele haben nun wohl die schemenhafte Darstellung eines Mannes vor sich liegen. Wer nicht darauf reingefallen ist – umso besser. Du wirst dich jetzt vielleicht fragen, was das Ganze soll. Warum solle man gendern, anders spart man sich ein paar Zeichen und Frauen werden da ja sowieso mitgedacht? Dem muss vehement widersprochen werden: Was in der Sprache nicht abgebildet wird, gibt es nicht. Was in der Sprache nur wenig abgebildet wird, das fällt schleichend unter den Tisch. Für alle Dinge, die wir brauchen, – seien es materielle oder immaterielle – gibt es auch ein Wort. Alles, was benannt werden muss, findet einen Weg, sei es durch diverse Anglizismen oder Wortneuschöpfungen. Gedacht in die andere Richtung: Hast du vor der Coronakrise schon einmal von Social Distancing gehört?
Gendern wird negativ gesehen – es brauche ja nur Platz und mache einen Text unlesbar. Aber: Wie viele Zeichen würde es „kosten“, den Titel folgendermaßen umzugestalten: „PilotInnen der Lufthansa verzichten auf einen Teil ihres Gehalts.“? Ich erspare dir die Zählerei, es sind genau drei Zeichen – ein i und zwei n. Und wie viele Menschen würden wohl jetzt eine Frau zeichnen? Du wirst jetzt vielleicht sagen: Diese geringe Zahl an Pilotinnen kann man vernachlässigen. Aktuell sind bei der Lufthansa sieben Prozent der PilotInnen Frauen, in der Ausbildung sind es bereits 15 Prozent. Aber schauen wir mal weg von diesem „harmlosen“ Beispiel. Was kann Sprache noch alles?
„Du gehörst mal wieder ordentlich durchgefickt.“
Habe ich schon gehört. Mit 14. Auf mich bezogen. Wir saßen in der Klasse zusammen, es wurde gewitzelt, ich machte einen Scherz, lachte und das war die Antwort. Die Aussage kam von keinem der Lauten in der Klasse, nicht von denjenigen, die immer mit den blödesten Sprüchen auffielen.
Beim Laufen vor zwei Wochen lief ich an einer Gruppe 14- oder 15-Jähriger vorbei. Ich zupfe an meiner Hose, die Gruppe lacht, sieht zu mir her und der eine meint fast schreiend zu seinem Freund: „Du bist so eine Drecksau!“ Ich weiß nicht, was sie gesagt haben, die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht um mich ging, geht gegen null. Die Wahrscheinlichkeit, dass es keine sexistische, übergriffige Aussage war, ebenso. Nun die Frage zu beiden Fällen: Was veranlasst Menschen zu so einer Aussage? Warum werden solche Aussagen überhaupt getätigt? Warum ist es in so einer Gruppendynamik so akzeptiert, Mädchen und Frauen mit Sprache herabzuwürdigen? Ich bin weitergelaufen. Wäre mir dies in den Gängen des Schulgebäudes passiert, hätte ich nicht gewusst, wie ich reagieren soll.
Noch ein anderes Beispiel: Beim Fortgehen hatte ich schon zweimal die Hand eines fremden Mannes auf meinem Hintern liegen. Ich kannte beide nicht, habe nicht einmal genau gesehen, wer aus der Gruppe das jeweils war. Einmal in Wien und einmal in Wels. In Wien bin ich durch eine Gruppe Männer gegangen, die Bar war voll und das der einfachste Weg – dachte ich. Schon drückte einer zu. Als ich mich umgedreht habe und den Mittelfinger in die Runde gedeutet habe, haben sie gelacht.
Eine Hand am Hintern tut körperlich nicht weh
Aber man fühlt sich hilflos, wenn man sich umdreht und alle lachen. Wenn es sich jemand erlaubt, deinen Körper zu berühren und dies in jener Situation von den Umstehenden vollständig akzeptiert wird. Der Betreffende war wahrscheinlich der Held des Abends, ich habe mich mit einem schalen Gefühl im Mund umgedreht und bin weitergegangen.
Versteh mich nicht falsch, es geht nicht darum, Männer zu bashen. Ich habe viele männliche Freunde und für sie sind solche Handlungen unvorstellbar. Es hat eine Zeit gedauert, ihnen klarzumachen, dass es hier nicht um Einzelfälle in der großen Stadt geht. Es geht jetzt hier aber auch nicht darum, die Hälfte der Weltbevölkerung an den Pranger zu stellen und die andere zu Opfern zu machen. Es soll ein Bewusstsein geschaffen werden. Frauen, die nicht alleine nach Hause gehen wollen, sollen ernst genommen werden und Gruppendynamiken, in denen das Pograpschen oder Schlimmeres befördert wird, sichtbar gemacht werden. Sexuelle Belästigung ist nicht aus der Welt geschafft, sie passiert nicht nur „den anderen“.
Geschlechterforschung befasst sich unter anderem auch mit dem Thema, wer aufgrund welcher vermeintlicher Gruppeneigenschaften aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Die Pilotinnen der Lufthansa werden mit der oben erwähnten Schlagzeile nicht mitgedacht, wenn es danach ginge, gäbe es sie nicht.
Warum sind genau diese drei Zeichen zu viel?
Um das alles auf einen Punkt zu bringen, helfen die Überlegungen von Rosalind Gill, Professorin für Social and Cultural Analysis: In unserer heutigen Gesellschaft steht die Vorstellung von individueller Entscheidungsfreiheit im Mittelpunkt, konsequenterweise sind Frauen also keinen sozialen Ungerechtigkeiten mehr unterlegen. Nichts könne sie zurückhalten oder behindern, ihr Leben sei das Resultat eigener Entscheidungen. Heutige Machtunterschiede werden nicht als kulturell oder soziopolitisch determiniert, sondern als Resultat individueller Entscheidungen gesehen. Das weibliche Subjekt solle positiv, heiter und zuversichtlich sein, sich als Opfer darzustellen oder Groll zu hegen wird als „feministische Spaßbremse“ abgetan. Man solle risikobereit sein, Verantwortung für sich selbst übernehmen und „sich nicht unterkriegen“ lassen. Dazu passt folgender Spruch: „Aufstehen und Krönchen richten“.
Wenn aber selbst von seriösen Tageszeitungen impliziert wird, Pilotinnen gäbe es nicht, ist es schwer, von individuellen, freien Entscheidungen zum Beispiel in der Berufswahl zu sprechen. Umgekehrt findet sich, wer das alles zu konsequent weiterdenkt, in der Aussage: Wer einen so aufreizend kurzen Rock trägt, ist selbst schuld, wenn die Hand am Hintern landet. Es braucht also noch viel mehr Bewusstsein. Für Geschlechterdifferenz, für Sexismus, für sexuelle Belästigung und auch für das Gendern in Texten. Es soll und darf diskutiert werden, Ereignisse wie oben beschrieben dürfen nicht unter Tisch fallen. Dafür muss das Thema aufgezeigt werden – immer und immer wieder.
1 Kommentar
Bravo, das muss laut und oft gesagt werden! schöne Grüße aus Berlin, Stefan Meisser