„Du spielst in einer Blasmusikkapelle mit? Aber da sind doch sonst nur so Konservative dabei!“ Als Innsbrucker Studentin, die Teil einer Musikkapelle ist, gehören derartige Reaktionen von Kolleg:innen zum Alltag. Mit ihren bunten Trachten und schmucken Hüten wirken Musikant:innen für viele so, als würden sie in ein anderes Jahrhundert gehören. Da stellt sich die Frage: Sind Traditionsvereine wie Musikkapellen überhaupt noch mehr als verstaubtes Kulturgut?
Der Begriff „Tradition“ wird in unserem Zeitalter der Fortschritte und Umbrüche zunehmend kritisch betrachtet. Vor allem in der österreichischen Politik werden Reformen aus Gründen der Tradition häufig hinausgezögert – ganz nach dem Motto „Das war schon immer so, und deshalb wird sich auch nichts daran ändern.“ Daher liegt es auch nahe, dass Traditionsvereinen vor allem von der jüngeren Bevölkerung eine gewisse konservative Einstellung zugeschrieben wird.
Dieses Vorurteil wird selbsterklärend noch verstärkt, wenn mehr als drei Viertel der Tiroler Schützen – ebenfalls ein Traditionsverein – gegen die Aufnahme von Frauen als Schützinnen stimmen, wie es im Jänner 2026 der Fall war. Dass im Jahr 2026 Geschlechtergleichheit aufgrund einer jahrhundertelangen „Tradition“ ausgehebelt werden kann, ist absolut kritisch zu betrachten und büßt Traditionsvereinen einiges an Sympathiepunkten ein.
Mander, s’isch Zeit
Dabei zeigen Blasmusikkapellen, dass solche Traditionen auch aufgebrochen werden können und sogar zur Verbesserung beitragen. Blasmusikkapellen haben eine jahrhundertelange Geschichte (die älteste noch aktive Blasmusikkapelle in Österreich wurde 1698 gegründet) und waren, genau wie Schützenkompanien, für sehr lange Zeit exklusive Männervereine. Das liegt daran, dass Musikkapellen ihren Ursprung im Militär haben, zu dem österreichischen Frauen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts der Beitritt verwehrt blieb. Außerdem galt die Annahme, Blasmusikinstrumente seien für Frauen „zu anstrengend“ und „von fragwürdiger Moral“, weshalb Frauen ausschließlich die repräsentative Rolle der Marketenderin (Gäste begrüßen und Schnaps ausschenken) ausfüllen durften.
Ab den 1920er-Jahren wurden vereinzelt auch Frauen in Musikkapellen der österreichischen Bundesländer aufgenommen – in Tirol geschah dies erstmals 1962 durch die Aufnahme von vier Frauen in die Marktmusikkapelle Telfs. Beweggrund dafür war vor allem die zunehmende Überalterung der Musikanten. Heute wären Musikkapellen ohne Musikantinnen größtenteils nicht mehr spielfähig, da bei den unter 30-jährigen Blasmusikant:innen der Frauenanteil bereits überwiegt. Schätzungen des Blasmusikverbandes zufolge werden auch bei den über 30-jährigen in wenigen Jahren mehr Frauen vertreten sein.
Dem Land Tirol die Treue?
Doch bei der Frage nach Gleichberechtigung hören die Vorurteile über „konservative Musikant:innen“ nicht auf. In Student:innenkreisen ist die Vorstellung von Musikkapellen meiner Erfahrung nach häufig mit Stammtischparolen und politischen Einstellungen Richtung rechts verbunden.
Diese Vorurteile sind Überbleibsel des NS-Regimes von den 1930ern bis 1945. Blasmusikkapellen wurden damals strategisch für Kriegspropaganda eingesetzt, indem sie politische Veranstaltungen und Kundgebungen begleiteten. Musikkapellen, die sich weigerten, wurden aufgelöst. Außerdem trat der wohl berühmteste Marsch-Komponist, Sepp Tanzer, nach dem Anschluss Österreichs 1938 aktiv der NSDAP bei – und Tanzers Märsche gehören heute noch zum Standard-Repertoire, wenn auch mit einigen Ausnahmen (das Spielen des „Standschützen-Marsch“ wurde 2013 vom Blasmusikverband untersagt).
Musikkapellen werden seither mit Patriotismus verbunden, und genau wie der Begriff „Tradition“ gehört auch „Patriotismus“ zu heute veralteten und kritisch hinterfragten Konzepten. Zur Geschichte der Blasmusik und ihrer Rolle in Tirol hat der Tiroler Blasmusikverband gemeinsam mit den Landesarchiven in den letzten Jahrzehnten sorgfältige Aufklärungs- und Aufarbeitungsarbeit betrieben, kürzlich gab es dazu auch eine Ausstellung in den Tiroler Landesmuseen.
Die heutige Bedeutung von Blasmusikkapellen
Trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer traditionsreichen, nicht immer unproblematischen Vergangenheit ist die Blasmusik ein wichtiger sozialer und gesellschaftlicher Bestandteil des heutigen Tirols. Inzwischen haben sich Musikkapellen von politischen Einflüssen losgelöst und Geschlechtergrenzen überwunden, wodurch jetzt das Wesentliche im Vordergrund stehen kann: die Gemeinschaft durch Musik.
Die sichtbare Veränderung beginnt schon mit der mittlerweile sehr hohen Diversität. Ganz anders als in der Studierenden-Bubble, in der sich fast ausschließlich Gleichgesinnte bewegen, findet man in Blasmusikkapellen Menschen jeden Alters und Hintergrunds. Heute ist die einzige Voraussetzung, um einer Musikkapelle beitreten zu können, ein Blasinstrument zu spielen. Die dadurch entstehenden bunten Zusammensetzungen führen zu vielfältigen Diskursen, bei denen Stammtischparolen keine Chance haben. Wo sonst könnte man sich eine zwanglose Unterhaltung auf Augenhöhe zwischen einem pensionierten Lehrer, einer Restaurantbesitzerin, einem Maschinenbau-Lehrling, einer Politikerin und einem Medizinstudenten vorstellen?
Jugend und junge Erwachsene
Es gibt kaum ein Umfeld, in dem junge Menschen stärker in ihren musikalischen Talenten und sozialen Fähigkeiten gefördert werden als in Musikkapellen. So gut wie jede Musikkapelle hat auch eine zugehörige Jugendmusikkapelle, in der Kinder und Jugendliche die Freude am gemeinsamen Musizieren kennenlernen. Auch der Anteil an Student:innen in Blasmusikkapellen wird immer größer. Da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Blasmusik-Szene inzwischen auch in den Sozialen Medien vertreten ist, um viralen Trends einen ganz persönlichen Touch zu geben. Wer sich gerne ein Bild machen möchte, sollte auf Instagram bei @mmk_telfs vorbeischauen.
vorbeischauen.
Gemeinsam das Schöne am Leben feiern
Gerade in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung und der „Loneliness Epidemic“ sind gemeinsame, echte Erlebnisse von enormer Bedeutung. Wer sich davon überzeugen will, dass Blasmusikkapellen viel mehr sind als verstaubte Postkartenmotive, kann dies jederzeit auf Konzerten oder Festen tun. Der nächstgelegene Termin findet bereits diese Woche statt: Nur 25 Minuten von Innsbruck entfernt feiert die Marktmusikkapelle Telfs im Rahmen eines
viertägigen Bezirksmusikfestes vom 09.-12. Juli ihr 275-jähriges Bestehen. Ob in Dirndl, Bluejeans oder Goth-Look: Jede:r ist willkommen und gerne gesehen. Nähere Infos zum Fest gibt es unter https://www.mmk-telfs.com/ .