Als Rettungssanitäter in Tirol war ich bereits Teil einiger Ambulanzdienste. Dabei handelt es sich um die Sanitätsbetreuung bei diversen Events direkt vor Ort – sei es für die Zuschauer oder für die Künstler selbst. Im März ergab sich die Möglichkeit, mich für den Ambulanzdienst am Nova Rock anzumelden. Ich überzeugte einen Rettungskollegen, ebenfalls mitzumachen, und im Mai wurden wir prompt belohnt: Wir erhielten die Zusage.
Vom Volksfest zum Festival
Der Dienst beim Nova Rock steht in keinem Verhältnis zu den vorigen Events, bei denen ich dabei war, weder privat noch dienstlich: Die 200.000 Besucher im Burgenland stellen die paar Tausend bei Volksfesten oder Ski-Openings, die ich bisher betreute, deutlich in den Schatten. Natürlich braucht so ein großes Event eine detaillierte Planung, die für mich ebenfalls neu war: Bei einem Ambulanzdienst bei einem kleineren Fest wie dem Bezirksmusikfest ist nur ein kleines Briefing direkt vor dem Dienstbeginn notwendig, für den Nova Rock bekamen wir einen eigenen Moodlekurs, der beim ersten Durchlesen fast überwältigend wirkte. Solch eine detaillierte Planung im Vorfeld ist jedoch bei so großen Besuchermassen zwingend notwendig.
Nach intensiven Vorbereitungen war es schließlich so weit: Gemeinsam machten wir uns auf den Weg ins Burgenland nach Nickelsdorf, einem beschaulichen Dorf mit etwa 1900 Einwohnern. Doch schon bei der Anfahrt zeigte sich, dass Nickelsdorf zumindest an diesem Wochenende wie eine Kleinstadt wirkte: Endlose Campingflächen, mehrere Bühnen und eine von Weitem sichtbare Festivalinfrastruktur – und all das in einem Windpark.
Aus Ankommen wird Orientierung
Nachdem wir unser Auto auf dem eigens bereitgestellten Rotkreuz-Mitarbeiterparkplatz parken durften, wurden wir gleich mit einem eigens eingerichteten Shuttle in das Herzstück des Ambulanzdienstes gebracht – die SanHist Camping. Dabei handelt es sich um die Sanitätshilfestelle direkt neben dem Camping–Bereich des Festivals. Diese fungierte als Hauptbasis für die Rettungskräfte und zusätzlich als eine Art Feldlazarett, wo Verletzte und Erkrankte in Ruhe, und vor allem in Privatsphäre, behandelt werden können. Dort meldeten wir uns an und bekamen unsere eigenen Festival-Mitarbeiterausweise mit Lanyard, was uns das Gefühl vermittelte, nun offiziell Teil des Einsatzes zu sein.
Doch unseren Dienst leisteten wir nicht bei der Sanitätsstation beim Camping, sondern in jener bei der Red Stage. Diese Bühne war eine der beiden Hauptstages des Festivals, wo den ganzen Tag über bis in die Nacht die Künstler auftraten. Auch hier war die SanHist wie ein mobiles Behandlungszentrum aufgebaut und mit medizinischer Ausrüstung, Sauerstoff und Medizingeräten wie einem Defibrillator ausgestattet. Ein Shuttle brachte uns prompt dort hin und wir wurden sofort gebrieft. Wir wurden über die Aufgaben, Funkkanäle und Einsatz- sowie Arbeitsabläufe aufgeklärt.
Eintauchen ins Einsatzgeschehen
Der Dienst begann um 13:00 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt war das Festival bereits recht gut besucht, die großen Besuchermassen wurden jedoch naturgemäß erst später erwartet. Nach dem Briefing machten wir uns einen ersten Überblick über das Festivalgelände und konnten bereits den ersten Interpreten lauschen. Das ist einer der angenehmen Nebeneffekte eines Ambulanzdienstes auf einem Festival: Auch wenn man jederzeit einsatzbereit ist, bekommt man zwischendurch immer wieder etwas Festivalatmosphäre mit.
Doch es dauerte nicht lange, bis die ersten Patienten medizinische Hilfe in Anspruch nahmen – hauptsächlich geringfügige Verletzungen wie etwa Schürfwunden. Nach einer kurzen Versorgung in der SanHist konnten sie sich wieder ins Getümmel stürzen. Dies war ein häufiges Muster am Nova Rock: Selbstverständlich wollen Fans, wenn sie nur leichte Probleme haben, nicht das ganze Festival auf einer Liege verbringen, sondern möglichst schnell wieder zurück ins Konzertgeschehen.
So verging Stunde um Stunde, während sich das Festivalgelände immer mehr füllte. Mit der steigenden Besucherlast stiegen natürlich auch die Versorgungen. Auch Kreislaufkollapse oder kurze Synkopen (kurze Ohnmacht) häuften sich, auch unsere Betten waren zunehmend belegt. Diese Krankheitsbilder müssen nicht zwingend im Krankenhaus abgeklärt werden, Maßnahmen wie Flüssigkeitsgabe per Venenzugang oder eine Überwachung sind aber nötig. Dadurch waren abends die Betten unserer SanHist gut ausgelastet, zu einer Überlastung kam es dank der sorgfältigen Planung nie.
Wenn sich alles auf eine Bühne konzentriert
Als sich der Tag langsam dem Ende zuneigte, stieg der Druck immer mehr. Der Grund? Sabaton. Die Kult-Band trat als allerletzter Act auf der Red Stage auf. Hinzu kam, dass sie auch den Abschluss des gesamten Tages bildeten und auf der Blue Stage während ihres Auftritts kein Act mehr stattfand. Also konzentrierten sich beim Sabaton-Auftritt alle Besucher im Bereich einer Bühne. Und wer Sabaton kennt, der weiß, dass die Shows das Publikum enorm anpeitschen. Dadurch bestand ein höheres Risiko einer kritischen Verdichtung der Menschenmenge. Der letzte Act wurde daher noch genauer geplant und unsere Standpunkte sorgfältig gewählt.
Zugegebenermaßen war ich zu Beginn des Sabaton-Acts deshalb etwas nervös. Die Sorgen sollten sich jedoch als unbegründet herausstellen: Der Auftritt war beeindruckend und das Sicherheitskonzept funktionierte perfekt, auch dank erhöhter Security- und Polizeipräsenz sowie durch Maßnahmen wie etwa erweiterte Sicherheitsabsperrungen.
Nach dem Auftritt strömten noch einige Hilfesuchende zu uns, die noch behandelt oder zu anderen SanHists gebracht wurden. Mein Dienst endete nach fast 13 Stunden und wir durften mit dem ersten Shuttle wieder zum Parkplatz reisen.
Mehr als nur ein Einsatz
Insgesamt ist ein Ambulanzdienst bei einem Festival eine einmalige Erfahrung. Als Besucher nimmt man die aufwendige Planung und komplexen Hintergrundabläufe kaum wahr – umso eindrücklicher war es, selbst Teil des Systems zu sein. Besonders deutlich wurde mir, wie wichtig eine detaillierte Einsatzplanung ist, um die Sicherheit aller Mitarbeiter, Performer und Besucher zu gewährleisten.
Neben der medizinischen Arbeit war auch der Austausch mit Sanitäterinnen und Sanitätern aus verschiedenen Bundesländern bereichernd. Unterschiedliche Erfahrungen und Herangehensweisen trafen hier aufeinander und erweiterten den eigenen Blick auf den Rettungsdienst.
Zurück bleibt vor allem die Erkenntnis, wie viel Organisation, Planung und Teamarbeit hinter den Kulissen eines Festivals nötig sind. Was Besucher meist nur am Rande wahrnehmen, ist ein komplexes System, das im Hintergrund dafür sorgt, dass im Ernstfall schnell und professionell geholfen werden kann.