Wenn ich an Instagram denke …

von Elena Rieger
Lesezeit: 6 min
Vor eineinhalb Jahren habe ich Instagram gelöscht. Die Plattform spielt für mich seither kaum noch eine Rolle. Gleichzeitig ist der Umgang mit sozialen Medien stärker in den Fokus gesellschaftlicher und politischer Diskussionen gerückt. Zeit, nochmals genauer hinzusehen.

November 2024. Als ich damals über mein Verhältnis zu Instagram schrieb, ging es nicht um einen dramatischen Abschied von Social Media. Vielmehr ging es um eine App, die für mich längst mehr war als nur Unterhaltung. Instagram war Gewohnheit, Zeitvertreib, Ablenkung und manchmal auch Anlass für Vergleiche, die weder besonders hilfreich noch besonders realistisch waren. Die Entscheidung, Abstand zu gewinnen, entstand deshalb nicht aus einer grundsätzlichen Ablehnung sozialer Medien, sondern aus der Frage, welchen Platz sie eigentlich in meinem Alltag einnehmen sollten. Heute dient Instagram für mich vor allem als Beispiel für eine größere Entwicklung. Kaum eine andere Plattform hat die vergangenen Jahre so geprägt. Sie bündelt damit viele der Fragen, die soziale Medien aufwerfen.

… denke ich an Austausch

Die Frage, ob man ohne Instagram etwas verpasst, taucht bis heute regelmäßig auf. Die ehrliche Antwort lautet: natürlich. Ich habe Trends verpasst, deren Namen ich wahrscheinlich falsch aussprechen würde, neue Funktionen, die kurz als Revolution gefeiert wurden, und vermutlich auch einige virale Aufreger, die schon wieder verschwunden waren, bevor ich überhaupt von ihnen gehört habe. Manchmal erfahre ich erst später von einem schicken Urlaub, einem neuen Beziehungsstatus oder einem Meme, das mir sofort fünf Leute geschickt hätten.

Gleichzeitig hat sich etwas bestätigt, das ich damals nur vermutet habe: Die Menschen, deren Leben mich wirklich interessiert, bleiben auch ohne Feed Teil meines Alltags. Neuigkeiten erreichen mich über Sprachnachrichten – teils in Podcastlänge –, Telefonate, Kaffeeklatsch oder zufällige Begegnungen. Das mag weniger effizient sein als ein kurzer Blick auf eine Story oder ein schnell verteiltes Herz unter einem Beitrag, fühlt sich aber echter an. Statt Ausschnitte aus einem Wochenende zu sehen, höre ich die Geschichte dahinter.

… denke ich an Reaktionen

Ebenso Teil der Erfahrung waren nach und nach die Reaktionen auf mein unangekündigtes Instagram-Aus. Überraschend viele Kontakte reagierten mit Anerkennung. „Respekt“, hörte ich häufiger als erwartet. Nicht selten folgte darauf ein Satz wie: „Eigentlich würde ich auch gerne weniger Zeit auf Social Media verbringen.“ Fast jede Unterhaltung über meinen fehlenden Account entwickelte sich irgendwann zu einem Gespräch über Bildschirmzeiten, endloses Scrollen oder die Frage, warum es so schwer ist, Gewohnheiten zu ändern, die man selbst längst kritisch sieht.

Dabei wäre es falsch zu behaupten, mir sei das von Anfang an leichtgefallen. In den ersten Wochen war mein Verhältnis zu Instagram in etwa so konsequent wie das vieler Menschen zu Dating-Apps: gelöscht, wieder installiert, erneut gelöscht und kurz darauf doch wieder geöffnet. Erst mit der Zeit verschwand der Reflex, die nicht vorhandene App aus Gewohnheit anzuklicken. Vereinzelt gab es auch irritierte Nachfragen. Eine Person war eine Zeit lang überzeugt, ich hätte sie blockiert. Eine andere fragte, ob ich „überhaupt noch existiere“. Offenbar wirkt es inzwischen verdächtiger, keinen Instagram-Account zu haben, als einen zu besitzen.

Bye Likes. Bild: Unsplash

… denke ich an Vergleiche

Eine Veränderung habe ich erst mit etwas zeitlichem Abstand bemerkt. Früher wurden viele Momente von der Frage begleitet, ob daraus ein gutes Foto entstehen könnte. Ein schönes Café, ein Konzert oder ein besonders gelungenes Abendessen waren zwar in erster Linie Erlebnisse – gleichzeitig aber potenzieller Content. Die Kamera saß gewissermaßen mit am Tisch. Damit verbunden war auch ein subtiler Anspruch, Situationen so festzuhalten, dass sie im Nachhinein „gut aussehen“ könnten – ein Effekt, der in Studien zu sozialen Medien häufig mit gesteigertem Selbstdarstellungs- und Optimierungsdruck beschrieben wird.

Heute fotografiere ich immer noch regelmäßig. Der Unterschied liegt weniger im Bild als im Gedanken davor. Viele Fotos bleiben auf meinem Handy oder werden spontan an Freund:innen geschickt. Parallel dazu ist auch etwas anderes weniger geworden: der ständige Vergleich mit anderen. Natürlich vergleichen sich Menschen nicht erst seit Instagram miteinander. Soziale Medien verstärken diesen Mechanismus jedoch, weil sie fortlaufend idealisierte Ausschnitte aus dem Alltag anderer sichtbar machen. Irgendjemand scheint immer produktiver, erfolgreicher, sportlicher oder glücklicher zu sein. Ohne den permanenten Strom kuratierter Bilder meldet sich dieser Vergleichsmodus deutlich seltener zu Wort.

… denke ich an digitale Pausen

Als ich mir 2024 Gedanken über Instagram machte, wirkte „Digital Detox“ noch ein wenig wie ein Lifestyle-Konzept für Menschen, die ihr Smartphone übers Wochenende in eine Holzbox sperren und dabei grünen Selleriesaft trinken. Mittlerweile ist daraus beinahe Mainstream geworden. Unter Schlagworten wie „Dopamin Detox“ oder „Digital Minimalism“ versprechen Bücher, Podcasts und Influencer:innen mehr Fokus, bessere Konzentration und ein entspannteres Leben. Ausgerechnet das Offline-Sein selbst hat inzwischen eine eigene Ästhetik entwickelt – inklusive Morgenroutine, Waldspaziergang, Meditation und dem obligatorischen Post darüber, wie gut es tut, weniger online zu sein.

Ein genauerer Blick auf den Trend zeigt zudem, dass nicht alle Behauptungen gleichermaßen überzeugend sind. Gerade das populäre Konzept des „Dopamin Detox“ wird von Forschenden oft kritisch gesehen. Der Begriff suggeriert, man könne das Gehirn gewissermaßen von zu vielen Reizen reinigen oder auf einen gesünderen Ausgangszustand zurücksetzen. So funktioniert Dopamin allerdings nicht, da dieser Botenstoff an zahlreichen Prozessen beteiligt ist und sich nicht einfach „entgiften“ lässt. Dass geringere Ablenkung trotzdem wohltuend sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Entscheidend ist weniger ein „Reset“ des Gehirns als der bewusste Umgang mit begrenzter Aufmerksamkeit.

Auch das Offline-Sein hat inzwischen seine eigenen Klischees. Bild: Elena Rieger

… denke ich an junge Nutzer:innen

Wie sehr sich diese Begrenzung der Aufmerksamkeit im Alltag zeigt, wird besonders dort sichtbar, wo soziale Medien früh zur Selbstverständlichkeit werden: bei jungen Nutzer:innen. In Australien gelten bereits strengere Regeln für den Zugang zu sozialen Netzwerken für unter 16-Jährige. Auch in Europa werden ähnliche Maßnahmen immer wieder thematisiert. In Österreich hat die Bundesregierung 2026 ein Mindestalter von 14 Jahren für die Nutzung sozialer Netzwerke wie Instagram, TikTok oder Snapchat beschlossen, das gesetzlich verankert werden soll. Auslöser sind unter anderem wissenschaftliche Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung, psychischer Belastung, Schlafproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten bei Jugendlichen.

Auch wenn solche Regelungen häufig als Eingriff in digitale Freiheit gesehen werden, verweisen sie auf Entwicklungen, die sich besonders bei jungen Menschen zeigen. Die Nutzung besteht selten nur aus einzelnen Momenten, sondern aus dauerhaften Routinen: regelmäßige Unterbrechungen durch Benachrichtigungen, der direkte Vergleich mit anderen und eine ständige Verfügbarkeit, die kaum bewusste Abgrenzung zulässt. Gerade in Verbindung mit Schule, Freizeit und sozialen Beziehungen entstehen dadurch digitale Gewohnheiten, die den Alltag stark mitprägen können. Dass darüber inzwischen nicht nur in Familien und Klassenzimmern, sondern auch auf politischer Ebene gesprochen wird, überrascht vor diesem Hintergrund kaum.

Jung, online – ohne Grenzen? Bild: Unsplash

Juni 2026. Die vielleicht größte Überraschung meiner letzten eineinhalb Jahre besteht darin, dass aus einem Schritt irgendwann etwas Selbstverständliches geworden ist. Instagram ist weiterhin Teil des digitalen Alltags vieler Menschen, zugleich aber auch Gegenstand kritischer Einordnung, neuer Regeln und veränderter Gewohnheiten. Meine Welt ist ohne die App weder größer noch kleiner geworden, sondern vielmehr anders strukturiert. Denn während ich früher regelmäßig an Instagram dachte, passiert heute oft das Gegenteil: Ich vergesse, wie präsent es einmal war.

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